Home
http://www.faz.net/-gsd-sjz9
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Pink im Konzert Laß die Puppe tanzen

17.05.2006 ·  Wenn auf die Bühne Anti-Bush-Shirts und Mädchenunterwäsche fliegen: Die Sängerin Pink gibt in Köln ein Clubkonzert und macht Anstalten, zum weiblichen Robbie Williams zu werden. Doch dazu fehlt einiges.

Von Eric Pfeil
Artikel Bilder (7) Lesermeinungen (0)

Sie ist das böse Mädchen des amerikanischen Mainstream-Pop. Sie sagt schlimme Wörter, schimpft auf den Präsidenten, lächelt seltener als der Rest, sie ist offen bisexuell. Womöglich raucht sie sogar.

Zuletzt sorgte die sechsundzwanzigjährige Sängerin Pink durch ihr Video zur Single „Stupid Girls“, einer Abrechnung mit dem Körperkult ihrer amerikanischen Pop-Kolleginnen, für Aufsehen. Ihr Auftritt im Kölner Gloria - gleichzeitig Fan-Service und Werbung für ihre im Herbst anstehende Arena-Tour - geriet zu einer gekonnten Personality-Show zwischen Kalkül und Authentizität - häufig auf Kosten der Musik.

Strenge Puffmutter

Zunächst herrscht Routine: Als Pink kurz nach ihrer überschaubaren Band die Bühne betritt, strahlt sie wenig von jener Aufmüpfigkeit aus, für die sie von ihren jungen Fans geliebt wird. Im schwarzen Kleid und mit kaltschnäuzigem Gesichtsausdruck gemahnt sie eher an eine strenge Puffmutter, die mit hartem Regiment den Laden zusammenhält. Kokett kratzt sie sich am Dekolleté: Im Saal herrscht Hysterie. Ein paar Rockposen hier, eine Billy-Idol-Schnute da - das reicht für den Anfang.

Als zweiten Song spielt sie „Trouble“, so etwas wie die signature tune des vermeintlichen Antistars. Ärger ist im Haus, möchte sie sagen, doch bislang sieht man allenfalls Showbusiness. Erst nach und nach wird die Sängerin lockerer. Sie beginnt mit dem Publikum zu feixen, wird routiniert zotig und ist offenbar ernsthaft gerührt angesichts all der Begeisterung, die ihr entgegenschlägt. Jemand reckt ihr eine Barbiepuppe entgegen, Pink nimmt sie und bedankt sich - sie läßt die Puppe ganz. Im weiteren Verlauf des Konzerts flattern auch noch ein Anti-Bush-T-Shirt und Mädchenunterwäsche auf die Bühne.

Der weibliche Robbie Williams?

Es gibt ein Schlüsselmoment in diesem kurzen Konzert: Nach dem Hauptteil werden Barhocker an den Bühnenrand gestellt. Die obligatorische Ballade droht. Und richtig: Pink spielt mit Akustikgitarrenbegleitung und Background-Gesang „Dear Mr. President“ - ein naives Anti-Bush-Statement mit „How do you sleep“- Rhetorik. Die beiden ihr zur Seite sitzenden Sängerinnen gucken so anklagend und betroffen, wie dies wirklich nur amerikanischen Showprofis möglich ist. Dann singt Pink die entscheidende Zeile: „And what kind of father might hate her own daughter when she was gay?“ Ein lautes, helles Johlen geht durch die Menge, Szenenapplaus. Ist Pink also der weibliche Robbie Williams für die queer-Szene?

Nein, nicht nur. Natürlich besetzt Pink eine Marktnische im modernen, an Stars nicht eben reichen internationalen Pop. Es gibt eine Konsumenten-Nachfrage nach dieser Rolle des bösen Mädchens. Wo es eine Christina Aguilera gibt, ist auch Platz für eine Anti-Christina. Doch Pink gibt diesen Part mit genügend Authentizität und Charme, um gleichzeitig als Star und große Freundin mit Vorbildcharakter durchzugehen. „Was wurde aus dem Traum, daß mal ein Mädchen Präsident wird?“ fragt sie in „Stupid Girls“, und die Mädchen im Gloria fragen sich gerne mit.

Biedere Rockposen

Doch ganz will das Bild eines weiblichen Robbie Williams mit Haltung nicht aufgehen. Zum einen leistet sich Pink höchstens im Ansatz ironische Brechungen: Wenn ihre Musik etwas zupackender wird, beschränkt sich die Sängerin auf biedere Rockposen. Ein Umstand, der weniger über Pink aussagt als vielmehr über die beschränkten musikalischen Koordinaten, innerhalb deren Frauen im Mainstream-Pop immer noch agieren müssen.

Zum zweiten macht der auf ein dreiviertelstündiges Hit-Paket reduzierte Auftritt erschreckend klar, daß Pink im Gegensatz zum Robbie Williams der frühen bis mittleren Jahre kaum wirklich gute Songs im Repertoire hat. Lediglich der abschließende Ein-Akkord-Schrubber „Get The Party Started“ ist wirklich zeitlos. Am Schluß sammelt Pink alle Geschenke ein, die man ihr auf die Bühne geworfen hat. Sie ist halt doch 'ne Nette.

Quelle: F.A.Z., 18.05.2006, Nr. 115 / Seite 37
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Ab in die eTonne

Von Ursula Scheer

Der „eTown-Index“ rechnet aus, in welcher Stadt Deutschlands es die meisten wirtschaftlichen Internetseiten gibt. Googles System dahinter ist ebenso durchschaubar wie verworren. Mehr