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Veröffentlicht: 28.10.2011, 15:40 Uhr

PeterLichts neue CD Über uns wölbt sich der Warenhimmel

Mit Luhmann Popmusik machen? Wie das geht, erklärt der Musiker mit dem Künstlernamen PeterLicht, der sein Gesicht nicht fotografieren lässt, beim Treffen in einem Kölner Café.

von Jan Drees
© Motor

Der Klang im Kölner Café Wahlen ist gedämpft, und am Anfang des Gesprächs deutet nichts auf Niklas Luhmann hin, der wenig später die Bühne betreten wird. „Im Café Wahlen gibt es einen Sound, der unseren Ohren schmeichelt“, sagt der Popmusiker PeterLicht und fragt, ob das an den dünnen Stimmen der Serviererinnen liege. Oder an der Atmosphäre, die suggeriert, „dass hinter einem der Kleiderständer Konrad Adenauer hervorschauen könnte“.

Im Oktober feiert die Konditorei ihr Hundertjähriges. Im Schaufenster wird eingeladen zum „Jubiläums-Kaffeeklatsch“ mit Getränken und Gebäck à discrétion. Im plüschigen Fünfziger-Jahre-Gastraum werden Russische Eier serviert, Kännchenkaffee koffeinfrei von Hag, Kekse auf Porzellantellerchen. Wasser mit Gas heißt immer noch Sprudel. Heile Welt. Damen im Goldene-Hochzeits-Alter treffen hier auf Kölner Medienschaffende, die kurz das Hipster-Sein abzulegen suchen.

Mit einjähriger Verspätung

PeterLicht lädt bei allen seinen Neuerscheinungen ins Café Wahlen ein, zuletzt 2008, als sein Album „Melancholie & Gesellschaft“ erschien. Ebenso 2006 zur Publikation des Textes „Wir werden siegen - Buch vom Ende des Kapitalismus“ und ein Jahr später wieder, nachdem er für „Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends“ beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt mit zwei Preisen ausgezeichnet worden war.

Jetzt erscheint sei fünftes Album. „Ende der Beschwerde“ heißt es - und es kommt mit einjähriger Verspätung. Es war zu viel zu tun: PeterLicht veranstaltet Konzerte, Performances, Lesungen. Im vergangenen Jahr bearbeitete er überdies Molières Komödie „Der Geizige“ für das Berliner Maxim-Gorki-Theater. Und manchmal zeichnet er auch.

Das Geheimnis bleibt geheim

Die erste Singleauskopplung aus „Ende der Beschwerde“ heißt, als wäre es eine Selbstbeschwörung, „Neue Idee“. Es ist ein mit tanzbaren Beats unterlegtes Gedankenspiel von folgender Art: „Drum führ du mich in die Nacht. Führ mich raus. Gib mir eine neue Idee.“ Campusradios spielen dieses Lied. Ü30-Partys aber auch. In Konzerten von PeterLicht sitzen sechzigjährige Großmütter mit ihren zehnjährigen Enkeln. „Ich singe nicht für eine bestimmte Gruppe Leute“, sagt der Musiker. Und nun sitzt er, alterslos blickend, mit Bedacht sprechend, vor pastellfarbener Draperie, schaut durch seine Panorama-Retrobrille und trägt einen Pullover ohne Labelaufdruck.

Das fehlende Signet wirkt in seiner aufdringlichen Abwesenheit konsequent, denn „PeterLicht“ ist ein Pseudonym, sein Gesicht ein Geheimnis, das gehütet werden will. Allein auf Konzerten dürfen ihm Fans in die Augen sehen. „PeterLicht, das bin nicht ich“, sagt er, „das changiert. Mal sind wir deckungsgleich. Mal nicht. Waldorfisch gesprochen: Manchmal tritt PeterLicht aus meiner Aura heraus.“

Auf der Suche nach dem Zuckerberg

Sein Management hat, weil Redaktionen immer wieder um Bilder nachfragen, Werbematerial in Auftrag gegeben und ein Foto machen lassen, auf dem des Künstlers Gesicht hinter schwebenden Tassen, Tellern, Banknoten und Zeitungsseiten verborgen ist. Essen, Geld, Klatsch - das zieht. PeterLichts „Ende der Beschwerde“ erzählt, ebenso doppeldeutig wie wehmütig, von Sonnen, die „das ganze Geld“ verbrennen, von Meinungsklumpen in Multiversen, von iPhones, die an der

Biegung des Flusses vergraben werden sollen, „da, wo in der Mitte der Gesellschaft eine Kausalkette entspringt“. PeterLicht singt: „Blast meine geheimen Nummern in die Wolken, die vorbeiziehen. Und häuft Euch einen Zuckerberg.“ Alles wie gehabt. Krise in Dichtung. Verführend bleibt, in jeder Mauer eine Firewall, in allen Wolken eine iPad-Cloud, hinter den vielen Gesichtern ein Facebook zu sehen. „Dabei ist allein der Zuckerberg ganz konkret gemeint“, sagt PeterLicht, „jeder sucht doch seinen ganz persönlichen Zuckerberg.“

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Noch ist Niklas Luhmann nicht aufgetaucht. PeterLicht bestellt Sprudel und dazu schwarzen Tee. Das Ereignis dieses Albums ist aber nicht Zuckerberg, sondern die Diskrepanz zwischen den sehr eigenbrötlerischen Texten und der überaus publikumszugewandten Vertonung. In seiner „Dichterklause“, im eigenen Wohnzimmer, schreibt PeterLicht diese stilleren Texte, mit vagen Anlehnungen an Peter Sloterdijk, Börsencrash und Ethikkommissionen, Texte, die er selbst bezeichnet als „etwas Geworfenes“: „Wie die Seher im alten Griechenland, die ihre Knochen werfen, um sie zu lesen. Ich werfe Worte statt Knochen. Ich sehe mich nicht als Seher, aber der Vorgang ist der gleiche. Die Worte werfen sich selbst.“

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