28.04.2003 · Mit dem Fahrrad durch die Ewigkeit: Peter Gabriel hat auf der Bühne in Hamburg die Rockmusik endgültig aus der Zeit befreit. Sie wird zur veredelnden Bestätigungskultur: wahrhaftig schön und gut.
Von Andreas ObstSuchte man nach Gründen, in Zukunft Rockkonzerte zu meiden: weil sie zu teuer geworden sind, zu laut, zu unbequem, oder überhaupt, weil man meint, genug Rockkonzerte besucht zu haben - dann wäre dies der perfekte Abschluß. Nach einem Abend mit dem nun auch auf die Bühne zurückgekehrten Peter Gabriel verläßt man die Halle in bester Laune. Man hat alles gesehen, was es in diesem Genre zu hören gibt, man wird nichts mehr verpassen. Von diesem Gipfel aus kann es beim besten Willen nicht mehr höher hinaufgehen.
Das Enzyklopädische, gar Weltumarmende ist seit je Hauptwesensart der Musik von Peter Gabriel: Wo seine Name draufsteht, war schon immer die Welt drinnen. Seit er 1975 "Genesis" verließ - unmittelbar vor ihrem Aufstieg in den Olymp der Superstars -, hat er seine Karriere aufgefächert wie kein anderer. Er spielte Soloalben ein, die stets aller künstlerischen Ehren wert waren und seit "So" (1986) auch kommerziell erfolgreich, er gründete ein Festival - mit dem Anspruch einer Welt aus Kunst allein. Daß das "Womad-Festival" aus dem Stand eine Pleite wurde, hat seine Reputation sogar erhöht. 1989 rief er seine eigene Plattenfirma mit dem programmatischen Namen "Real World" ins Leben, um damit eine Plattform vor allem für andere Künstler von den fruchtbaren Rändern der Musiklandschaften in aller Welt zu gewinnen. Dort präsentierte er uneitel und selbstlos, was ohne ihn womöglich keine Zuhörer gefunden hätte.
Stil- und Grenzenenthobenheit
Zuhören zu können ist vielleicht Gabriels größtes Verdienst. Er war einer der ersten, der den inzwischen überstrapazierten Begriff "Weltmusik" mit musikalischem Gehalt füllte, indem er sich die Mühe machte, nichts zu tun. Vielmehr ließ er andere musizieren: auch in seiner eigenen Musik. Ihre nicht geringste Qualität ist prinzipielle Stil- und Grenzenenthobenheit. Bei Gabriel hat die Bezeichnung nie ihren Sinn verloren - so, wie es mit anderen Worten geht, wenn man sie nur oft genug wiederholt. Sie werden dann Klang. Im allerbesten Fall ein Song von Peter Gabriel.
Im nachhinein mag es sogar konsequent gewesen sein, daß er nach dem Album "Us" mit weltmusikalischen Meditationen vor allem über privaten Verdruß und einer spektakulär theatralischen Tourneeinszenierung dazu seinen Abschied von der Rockbühne nahm. Zehn Jahre ist das her. Die Zeit verbrachte Gabriel damit, Film- und Bühnenmusiken zu erfinden, mit neuen audiovisuellen Darstellungsformen zu experimentieren - und weiter anderen Musikern zuzuhören.
Doch im vorigen Herbst war er plötzlich mit einem neuen Album wieder da. "Up" schließt in gewisser Hinsicht dort an, wo er sich vor zehn Jahren zurückgezogen hat. Vielleicht ist die neue Musik grüblerischer, auch sperriger, dafür hat sich das Themenspektrum ins Allgemeine geweitet. Je tiefer ich vordringe, desto dunkler wird es, heißt es gleich im ersten Song der Platte: Man kann das unendlich banal finden oder sehr weise. Für beides spricht vieles.
Selbsterfindung auf der Bühne
Wer die Weisheit wählt, ist bestens gerüstet für die neueste Selbsterfindung des Dreiundfünfzigjährigen auf der Bühne - zum Beginn des Deutschlandteils seiner Europatournee in der neuen, angenehmen Hamburger Color-Line-Arena. Das Instrumentarium, die Songs, die visuellen Einfälle, kurzum: die Elemente seiner Show sind nicht wirklich neu. Ganz neu jedoch ist die gelassene Selbstverständlichkeit, mit der Gabriel mit den Ideen umgeht. Er muß nichts mehr beweisen, seine Kreise nähern sich dem Entrückten, als Ausweis subtilen Abstands zu hektischen Rockweltläuften. Die Haltung des Unspektakulären ist zum Selbstzweck erhoben, ganz ohne Begründung. Gabriel selbst stilisiert sich heute mit wallenden Stoffen über dem Kugelbauch und keck angedeutetem Druidenbart als Seher von jenseits des Horizonts. Das Konzert ist nicht zuletzt auch Beleg für den Wandel des Rock von einst rauher, lärmender gesellschaftsverändernder Kraft zur veredelnden Bestätigungskultur: wahrhaftig schön und gut.
Was in zwei Stunden auf der Bühne passiert, von Peter Gabriel in artigem Deutsch vom Blatt moderiert, ist in höchstem Maße ausgewogen und bietet dramaturgische Überraschungen allenfalls als Ausdrucksformen eines Grundvertrauens in den ewigen Fluß der Dinge auch im Rock. Auch dafür hat er in dem neuen Programm schlichten wie sinnfälligen Ausdruck gefunden: Das Lied "Growing Up" singt er, während er in einer überdimensionalen Plastikkugel über die Bühne kullert: Fötus in der Gebärmutter oder Philosoph in der Höhle - ihm sind alle Rollen zu glauben. Doch wenn es auf ewig so weitergehen sollte, müßte man ja nicht mehr dabeibleiben. Diesen Eindruck vermittelt auch Gabriel im schönsten Moment des Konzerts. Da schwingt er sich mitten in seinem Evergreen "Solsbury Hill" auf ein chromblitzendes Fahrrad und radelt auf der kreisrunden Bühne gegen die Laufrichtung seiner Musiker.