19.04.2010 · Er muss erst noch eine Wurst essen, dann kann Paul Weller unsere Fragen beantworten. Vor dem Fenster scheint die Sonne, wir sitzen vierzehn Stockwerke über Berlin. Weller ist 51 Jahre alt, 35 davon hat er schon auf der Bühne gestanden, erst mit The Jam, dann mit Style Council, seit 1992 allein.
Er muss erst noch eine Wurst essen, dann kann Paul Weller unsere Fragen beantworten. Vor dem Fenster scheint die Sonne, wir sitzen vierzehn Stockwerke über Berlin. Weller ist 51 Jahre alt, 35 davon hat er schon auf der Bühne gestanden, erst mit The Jam, dann mit Style Council, seit 1992 allein. Viele verehren ihn als den englischsten aller Popmusiker. Sein Akzent ist manchmal schwer zu verstehen, seine neue Platte dagegen überhaupt nicht: sehr kurze, schnelle, klare Gitarrenlieder, die gute Laune machen, Pop zum Mitpfeifen.
„Wake up the Nation“ heißt Ihre neue Platte. Haben Sie den Eindruck, dass England schläft?
Paul Weller: Ja. Aber das ist keine politische Stellungnahme, eher ein Gefühl: Die Politik, die Medien, das Fernsehen - alles fühlt sich so sicher an, so stromlinienförmig, man geht in dieser Traumwelt verloren. Letztlich ist es aber nur der Titel der Platte.
Als Sie 1985 mit Ihrer Band The Style Council den Hit „Walls Come Tumbling Down“ schrieben, brach ein paar Jahre später die Mauer wirklich zusammen.
Wegen meines Liedes, genau.
Manchmal gibt es solche Wechselwirkungen doch.
Titel und Text von „Wake up the Nation" sind genau um diese Zeit im letzten Jahr entstanden, die Musik damals war so langweilig, dass ich das Gefühl hatte, die Leute aufwecken zu müssen.
Wie finden Sie das, wenn Bands von heute Ihren Stil von damals kopieren?
Das ist ein großes Kompliment.
Es langweilt Sie gar nicht?
Nö.
Diese Bands könnten doch auch mit etwas Eigenem kommen, wie Sie vor 35 Jahren mit The Jam.
Klar, aber als wir anfingen, haben wir die Beatles und The Who kopiert. Und Bob Dylan hat Woody Guthrie kopiert. Es kommt doch alles irgendwoher. Niemand wird auf diesen Planeten gesetzt und ist sofort ein Originalgenie, mal von Mozart abgesehen. Popmusik ist ein Prozess - denken Sie besser daran, wie diese Bands in drei, vier Jahren klingen könnten. Bis dahin haben sie ihr eigenes Ding entwickelt.
Was beeinflusst Sie? Lesen Sie viel?
Ich höre die ganze Zeit Musik. Ich lese nicht viel, und wenn, dann über Musik. Ich weiß nicht so genau, ich schnappe eben viel auf.
Was ist mit Träumen?
Ja, es können auch Gespräche sein oder Leute, die ich auf der Straße oder im Bus beobachte. Vieles auf dem neuen Album habe ich aus dem Stand geschrieben. Wir haben diesmal anders als sonst gearbeitet: Normalerweise schreibe ich Lieder fertig und nehme sie mit ins Studio. Manches ist wirklich Unsinn geworden, aber mir gefiel, wie die Worte klingen.
Wenn Sie einfach drauflosgesungen haben, könnte man dann sagen: So wie diese Platte klingt, so fühlt es sich an, im Jahr 2010 ein Engländer zu sein?
Ja, könnte sein. Wir wollten Musik machen, die wir nicht zu hören kriegen. Und ich habe schon seit langem nichts mehr wie unsere neue Platte gehört. Klingt vielleicht arrogant, aber ich höre so was einfach nicht. Es gibt sicher gute Musik, aber es ist echt schwer, sie zu finden, weil das Radio so eintönig ist: Da hat es neue Musik schwer, sich durchzusetzen.
Liegt das an den Plattenfirmen?
Die Branche hat sich sehr verändert. Jeden Tag werden Leute entlassen, die Verkaufszahlen sinken. Es muss für junge Bands wirklich schwer geworden sein. Du hast heutzutage nämlich nur einen Schuss frei, wenn der ins Schwarze geht, kriegst du vielleicht noch einen. Wenn nicht, wirst du fallengelassen. Als ich einen Vertrag bekam, hatten wir drei Platten lang Zeit, bis wir es hingekriegt haben.
Produktion und Vertrieb sind durch die Digitalisierung einfacher geworden. Hilft das nicht?
Download hat alles verändert. Es gibt nur noch sehr, sehr wenige Plattenläden in England. Wie ist das denn hier?
In Deutschland ist das ähnlich.
Die neue Technologie hat gute und schlechte Seiten. Digitale Aufnahmen klingen einfach nicht so gut wie Vinyl. Andererseits könnte die Technologie zu mehr Autonomie führen, zu mehr unabhängigen Labels, dazu, dass die Leute einfach machen, was sie wollen.
Ist Popmusik immer noch die einzige, richtige Ausdrucksform für Sie? Haben Sie nicht mal daran gedacht, einen Roman zu schreiben?
Dazu wäre ich nicht klug genug. Songtexte kriege ich noch hin, da braucht man nur drei oder vier Strophen. Und schon das finde ich ziemlich schwierig. Aber ein Buch - ich wüsste gar nicht, wo ich anfangen sollte. Meine Begeisterung für Musik hat kein bisschen nachgelassen, es ist alles, was ich will und kann. Popmusik ist das Medium, das ich mir als Kind ausgesucht habe. Ich glaube immer noch an ihre kulturelle Kraft. Und ich nehme meine Rolle in der Popmusik sehr ernst. Außerdem bringt sie mich immer noch in Wallung.
Ist Musik für Sie auch Therapie? Viele Ihrer Lieder handeln von Stimmungsumschwüngen.
Ja, definitiv. Man kann mit ihr Gefühle freisetzen und verarbeiten. Aber das heißt nicht, dass alles, was ich schreibe, autobiographisch ist. Manchmal schreibe ich schon über mich, aber dann langweilt mich das, irgendwas lenkt mich ab, und dann schreibe ich über Sie oder ihn, oder was weiß ich.
Wie muss man sich eigentlich Ihren Alltag vorstellen? Leben Sie zurückgezogen in einer Villa?
Ich wohne in einer sehr, sehr schönen Wohnung mitten in London, und mein Alltagsleben - Sie meinen, was ich mache, wenn ich nicht arbeite?
Genau.
Also, morgens bringe ich meine Kinder zur Schule, mein Sohn wird bald fünf und meine Tochter ist gerade zehn geworden. Danach bin ich im Fitnessstudio, und wenn es gut läuft, gehe ich noch shoppen. Und danach hole ich meine Kinder wieder von der Schule ab.
Wie fühlt es sich eigentlich an, Paul Weller, die Stilikone, zu sein?
Ich sitze nicht zu Hause und denke: „Ich bin eine Stilikone.“ Ich bin sehr glücklich, ehrlich, wenn ich so etwas lese, aber ich denke nicht darüber nach. Es gibt nicht viel, was mir am Älterwerden gefällt, aber eins auf jeden Fall: dass ich meinen Platz im Leben gefunden habe. Ich will nichts anderes. Jemand hat mich mal gefragt, ob ich Ziele habe. Habe ich nicht, außer am Leben zu bleiben und zu arbeiten.
Ihre Kollegen Bob Geldof und Bono sind heute nicht mehr so sehr wegen ihrer Musik berühmt, sondern wegen ihres sozialen Engagements. Würde Sie das auch reizen?
Benefizkonzerte schon, aber ich möchte auf keinen Fall mit denen tauschen. In den Achtzigern habe ich mich mal politisch engagiert.
Bei der „Red Wedge“-Bewegung, die junge Leute für die Labour Party begeistern wollte.
Aber es hat mich abgelenkt von dem, was ich mochte und machen wollte. Außerdem bin ich nicht so ein politischer Kopf. Irgendwann gab es kein Interview mehr, wo wir nicht über Politik geredet haben. „Was halten Sie von Margaret Thatcher?“ Das hat mich abgeschreckt. Ich bin glücklich, wenn ich mein Scherflein beitragen kann. Aber zuallererst bin ich Musiker.
Sie gehören zu einer Generation, vielleicht der ersten überhaupt, die Popmusik zu einem Beruf gemacht hat, in dem man jenseits der Vierzig noch arbeiten kann. Hat Sie das je beschäftigt?
Ich bin immer noch überrascht, dass ich so weit gekommen bin. Als ich zwanzig war, hätte ich mir nicht vorstellen können, mit fünfzig noch Musik zu machen, Fünfzigjährige waren damals uralt für mich. Aber es gibt diese Altersgrenzen heute nicht mehr. Ich sehe viele jüngere Leute, die Fans von älteren Künstlern sind. Und abgesehen davon, wie ich aussehe, fühle ich mich auch nicht anders als mit zwanzig.
Aber über Ihren eigenen Anteil an dieser Entwicklung haben Sie nicht nachgedacht?
Eigentlich nicht. Man ist einfach so gut wie seine letzte Platte oder das letzte Konzert. Man muss jedes Mal neu anfangen. Wie auf einer Tournee: Man gibt ein phantastisches Konzert, aber am nächsten Tag muss man das wieder hinkriegen, besser als beim letzten Mal. Es gibt ältere Musiker, die sagen: Ist doch nur ein Job. Aber ich bin immer hypernervös, bevor ich auf die Bühne gehe. Es ist wichtig, dass diese Nervosität im Spiel bleibt, dass da etwas in dir arbeitet.
Klingt anstrengend. Wie entspannen Sie sich nach Konzerten?
Alkohol. Im Ernst, es ist schwer. Eben ist man noch auf dem Höhenflug und dann . . . Es gab Zeiten, in denen ich nicht getrunken habe, da bin ich ins Hotelzimmer gegangen und einfach in mich zusammengefallen.
Manche Musiker nehmen Ihre Familien mit, wäre das eine Idee?
Ich wüsste nicht, wie das gehen sollte. Meine älteren Kinder kommen manchmal mit, mein Sohn ist zwanzig und meine Tochter achtzehn. Aber ich könnte mir das mit meinen kleinen Kindern nicht vorstellen. Allein die Fahrerei und die langen Nächte! Außerdem schließt man die Tür hinter sich, wenn man auf Tour geht, und wird ein anderer Mensch.
Drehen Sie eigentlich noch Videos zu Ihren Songs? Oder treten Sie mehr im Fernsehen auf?
Da gibt es ja bei uns nur wenige Möglichkeiten, "Later with Jools Holland" zum Beispiel. Aber das war es schon, von ein paar Talkshows abgesehen. Und dann gibt es noch "Strictly Come Dancing", kennen Sie das in Deutschland?
Ja, bei uns heißt es „Let's Dance“.
Echt schockierend. Viele Bands treten da auf, weil es die einzige Show ist, in der man seine Platten unter die Leute bringen kann. Paul McCartney ist bei „X Factor“ aufgetreten. Haben Sie solche Castingshows hier auch?
„X Factor“ kriegen wir im Sommer. Bei uns läuft aber schon seit Jahren ein Ableger von „Pop Idol“, er heißt „Deutschland sucht den Superstar“.
Das ist eine globale Sache, es ist echt unglaublich.
Alle sehen gleich aus, klingen gleich, tanzen gleich.
Das ist nur eine Phase. Wenn man lang genug lebt, merkt man, dass sich Musik im Kreis dreht. Ich warte darauf, dass die nächste musikalische Revolution losgeht.
Man glaubt diese Wut auch auf Ihrer neuen Platte zu spüren. Dabei sitzen Sie jetzt hier so entspannt vor uns.
Das ist nur ein Kater.
Aber wütend sind Sie schon.
Ich bin mir nicht sicher, ob es Wut ist oder Leidenschaft. Das ist ein schmaler Grat. Ich habe einfach nur genug von mittelmäßiger Musik. Ich wäre sehr glücklich, wenn ein paar Siebzehn-, Achtzehnjährige mitmachen würden. Im Augenblick gibt es aber keine, zumindest habe ich noch von keinen gehört. In ein paar Jahren vielleicht.
Und bis dahin dressieren die Castingshows den Nachwuchs, sich noch mehr anzustrengen, um genau wie alle anderen zu klingen?
Man geht auf Nummer sicher. Das ist symptomatisch für unsere Zeit.
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jürgen beck (j.beck)
- 19.04.2010, 20:11 Uhr