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Paul McCartney zum 70. : Er propagiert die Liebe

  • -Aktualisiert am

Alles, was man musikalisch wagen kann, hat er schon einmal gemacht: Paul McCartney Bild: laif

Der begnadetste, beste Popmusiker aller Zeiten: Als Beatles-Komponist tauchte er die Welt in eine verführerische Tonfolge. Jetzt ist Paul McCartney 70.

          Die neue Musik, die in den sechziger Jahren populär wurde, hatte viele Millionen Tote hinter sich. Mit dem Weltkrieg, der Atombombe und dem Holocaust war es vorher zu so maßlosen Entsetzlichkeiten gekommen, dass man danach nicht einfach zum Alltag übergehen konnte. Überleben war ein Wahnsinn. Und um das Überleben zu überstehen, musste gejubelt werden. Dazu brauchte es eine Feier ohne Anlass: den Popsong.

          Die wunderbarsten, spektakulärsten und erfolgreichsten Popsongs haben sich die Beatles beziehungsweise deren Songwriter John Lennon und Paul McCartney ausgedacht. Sie wurden zum Maßstab aller ihnen Folgenden. Ihre Konkurrenz haben sie während der vergangenen fünfzig Jahre traumatisiert. Mick Jagger etwa nannte die Beatles „das vierköpfige Monster“. Es wird noch lange das Ideal einer Band sein. Man könnte behaupten, die Beatles seien für die Musik das, was Picasso und Andy Warhol zusammen für die Kunst, Newton und Einstein für die Physik, Pelé und Beckenbauer für den Fußball und Shakespeare und Goethe für die Literatur bedeuten.

          Der Trommler McCartney machte seine Sache ausgezeichnet

          In ihrem Schaffen ließen sie sich immer wieder von der Gegenwart aufs Schönste anstecken. Denn wie andere auch provozierten und propagierten sie den größten Skandal des Jahrzehnts: die Liebe. In ihrem Fall reichte es schon, wenn sie sich in der Öffentlichkeit zu zweit oder gar zu dritt friedlich vor ein einziges Mikrofon stellten.

          Sowohl McCartney als auch Lennon wuchsen in einer ruhigen Gegend der nordenglischen Hafenstadt Liverpool auf. Als sie mit der Musik anfingen, spielte McCartney zunächst Gitarre. Doch als sich der Bassist und bildende Künstler Stuart Sutcliffe für das Kunststudium und seine Freundin Astrid Kirchherr entschied, übernahm McCartney kurzerhand dessen Instrument. Dieser Pragmatismus war es auch, der ihn in den folgenden Jahren seine Kollegen mit Gitarre und Klavier begleiten oder, wenn Ringo Starr gerade fehlte, sogar am Schlagzeug einspringen ließ. Dass der Trommler McCartney seine Sache ausgezeichnet machte, lässt sich unter anderem bei „Back in the USSR“, „Dear Prudence“ oder „The Ballad of John and Yoko“ nachprüfen.

          Er spielt immer die meisten Lieder

          Trotzdem sah es nach der Trennung der Beatles 1970 lange Zeit so aus, als gäbe es niemanden, der kein Huhn mit ihm zu rupfen hätte. Die Antipathien reichten bis in den Kreis der ehemaligen Band-Kollegen. Hatte John Lennon schlechte Laune, beschimpfte er seinen früheren Partner mit den Worten: „Du bestehst doch nur aus Pizza und Märchen.“ Es ist bezeichnend für Paul McCartney, dass er, statt sich davon gekränkt zu fühlen, überlegte, was sich aus ihr machen lassen könnte: „Ich dachte, wow! Pizza und Märchen - was für ein toller Plattentitel!“

          Einen besseren Anlass, die Antipathien zu nähren, lieferte ausgerechnet das, was McCartney hinbekommt wie kein zweiter: Melodien. Er legt die ganze Welt in eine geradezu gemeingefährlich verführerische Tonfolge. Jeder kennt die Lieder, das geht bis zu der wieder unglaublich gelungenen Single-Auskopplung „Valentine“ aus dem aktuellen Album „Kisses On The Bottom“. Für manche männliche Rockfans, die sich ihrer Heterosexualität versichern wollten, stellte Paul McCartney allerdings eine Bedrohung dar - Melodien hielten sie für schwul. Besser gefiel ihnen eine prägnant betonte Tonfolge, auch Riff genannt. Da fühlten sich die Jungs zu Hause oder besser: in Sicherheit.

          Doch das ändert nichts daran, dass Paul McCartney der begnadetste, beste Popmusiker aller Zeiten ist. Alles, was man musikalisch wagen kann, hat er schon einmal gemacht. Und immer noch zu entdecken sind seine umfänglichen Avantgarde-Produktionen. Als erster Schritt in die richtige Rezeptionsrichtung sei hier „The Unknown Paul McCartney“ empfohlen, ein erstaunliches Buch von Ian Peel. Selbstverständlich ragt McCartney auch unter allen britischen Ikonen hervor. Wenn Bob Geldof ein Weltrettungsfestival veranstaltet oder die englische Königin Jubiläum hat, so wie neulich, dann spielt Paul McCartney von allen Auftretenden immer die meisten Lieder, und zwar zum Schluss. An diesem Montag wird er siebzig.

          Der Popmusiker Kristof Schreuf veröffentlichte zuletzt die Soloplatte „Bourgeois With Guitar“ (2010).

          Quelle: F.A.Z.

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