22.07.2009 · Es hat sich schon immer gelohnt, ihre Texte verstehen zu wollen, denn sie ist ganz eigentlich eine Dichterin: Die Rocksängerin Patti Smith spielte mit ihrer Band in Frankfurt - mit vielen alten Band-Weggefährten und direktem Kontakt zum Publikum.
Von Rose-Maria GroppSie schreitet den Parcours ihrer Möglichkeiten ganz ab, von bald vier Jahrzehnten ist da zu sprechen. Zeit scheint für Patti Smith nicht entlang einer Schiene zu verlaufen, sondern ihr wie ein weiter, geräumiger Hof zur Verfügung zu stehen. Vielleicht bewegt sich die Zeit für sie in Schleifen, wie ihre Stimme, die in all den Jahren nur noch beweglicher geworden ist, oder wie die Töne auf einer elektrischen Gitarre, von der sie einmal gesagt hat, sie sei das einzige Maschinengewehr, das sie jemals gebrauchen werde. In der Jahrhunderthalle in Frankfurt-Höchst hat sie nun ihr einziges Deutschland-Konzert gegeben, ausverkauft seit Wochen bis auf den letzten der zweitausend Sitzplätze.
Sie heizt ihren Auftritt an mit dem scharfen alten Song „Free Money“, dann holt sie sich ihr Publikum schon näher mit jenem Charme, der ihre seit unvordenklichen Zeiten bestehende Liebe zu Europa und seinen Dichtern versprüht: „I came to Frankfurt to see Goethe’s house“, deklamiert sie zur Gitarre und erzählt eine kleine Geschichte von Zerstörung und Wiederaufbau, vom Geist, der weht, wo er das darf – „there in the light, there is Goethe’s desk“. Das gibt ihr die fließende Überleitung zu Zeilen aus ihrem Lied „My Blakean Year“, das 2005 auf „Trampin’“ dem genialischen William Blake gewidmet ist – „one road is paved in gold, one road is just a road“.
Lauter alte Weggefährten
Es hat sich schon immer gelohnt, Patti Smiths Texte zu verstehen und zu begreifen; denn sie ist ganz eigentlich eine Dichterin, und der Punk in ihr ist vor allem sprachliche Entäußerung, die Musik ihre Rhythmusmaschine, die freilich längst nicht so simpel konstruiert ist, wie sie vorgibt, als wären da bloß ein paar Akkorde zu greifen. Und so lassen Patti Smith und ihre Musiker dieses Opening ausklingen in einem furiosen Gitarrenquartett mit Schlagzeug. Denn das ist die Besetzung, ohne alle Schnörkel: am Bass Tony Shanahan, Schlagzeug und Gitarre spielen die frühen Bandmitglieder Jay Dee Daugherty und Lenny Kaye – und als Spezialgast hat sie den Gitarristen Tom Verlaine dabei, einst Haupt der Punkformation „Television“, auch er ein alter Weggefährte. Den ganzen Abend sitzt Verlaine am linken Rand der Bühne und arbeitet, als gäbe es kein Morgen, an seinem Instrument, dem er für die, die es hören wollen, in manchen Passagen wahrhaft zauberische Tonfolgen entlockt.
Zwei Stunden lang sind auf der Bühne nur Kraft, Musik und jene Botschaften der Patti Smith, die diese Rock-’n’-Roll-Königin zur Predigerin machen: nicht sanftmütig geworden, aber geduldiger und eigentlich noch aufregender als früher. Aber auch wer all die anspielungsreichen Text- und Sinnfäden nicht verfolgen will, bekommt eine Portion Sound satt, in einer Halle mit sehr tauglicher Akustik. Es geht nach Goethe weiter mit dem reggaegetränkten, harten „Redondo Beach“ von der Platte „Horses“ aus dem Jahr 1975, ehe Patti Smith ihre Klarinette nimmt, um ihr fremdschöne Wüstentöne zu entlocken. Wieder gleiten die einzelnen Titel ineinander, mit dem Jimi-Hendrix-Klassiker „Are You Experienced?“, den sie vor zwei Jahren mit ihrer Band auf der Cover-CD „Twelve“ eingespielt hat, geht es dahin bis in die Nähe des Jazz, getragen von der Brillanz Tom Verlaines. Längst hat sie die Halle auf ihrer Seite – diejenigen, die mit ihr den langen Weg seit den Siebzigern gegangen sind, und die vielen Jungen, die vielleicht gekommen sind, um eine lebende Legende zu betrachten; ihnen wird eine veritable Erscheinung zuteil, die ihr Publikum anzieht wie ein Magnet die Späne.
Eine Herrscherin und ihr Publikum
An Patti Smiths Seite steht immer wieder und unverbrüchlich Lenny Kaye in seiner fortwährend schönen, eher alteuropäischen Melancholie, schlank und edel ergraut, noch immer ein Ausnahmegitarrist, der sich indessen mit einem Hauch Ironie, vor allem wenn er singt, ganz in den Dienst seiner Frontfrau stellt. Diese Dyade ist von hohem Reiz, und wenn die beiden auf den Stahlsaiten ihrer akustischen Gitarren ein Duett geben, das großartig ausufert in etwas, das früher die Session einer Band geheißen hätte, dann ist da ein solcher Moment, für den Konzerte gemacht sind. Schließlich gibt es alles, was das Herz begehrt: Patti Smiths kämpferisches Credo „People Have the Power“, das sie jetzt als ultimativen Gassenhauer singt, dann „Because the Night“, die unzerstörbare Hymne an die Liebe, deren erster Akkord schon reicht für den hellen Jubel. Immer wieder geht sie an die Rampe, lässt sich berühren – eine Herrscherin und ihr Publikum. Ihm schenkt sie zum Abschied noch in einer entgrenzten Performance ihren vielleicht stärksten Song, den „Rock’n’Roll Nigger“. Mit Pathos wird Geschichte gemacht.
Eine...nein, DIE...
Stephan Jansen (StephanJan)
- 22.07.2009, 12:52 Uhr
Rose-Maria Gropp Jahrgang 1956, Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.
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