Home
http://www.faz.net/-gsd-tm27
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

P. Diddy Das nächste große Bling

06.11.2006 ·  Sein neues Stückwerk „Press Play“ will der Großmeister des Hip-Hop als „Concept Album“ verstanden wissen. Es ist vielleicht ein wenig zu glatt gebügelt. Aber all die Freunde, die ein bißchen geholfen haben, machen das wett.

Von Stephan Herczeg
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (1)

Wenn man nicht gerade Paris Hilton oder Ivanka Trump heißt, hat man als Lebewesen ohne True-Religion-Jeans und Hair-Extensions nur selten die Gelegenheit, P. Diddy in einer Diskothek zu begegnen. Um so erfreulicher also, daß dieser Punkt nun von der Lebens-To-Do-Liste gestrichen werden kann.

Auf einem weißbespannten Klappstuhl, mitten auf der Tanzfläche eines nicht besonders hippen Kölner Clubs sitze ich am späten Vormittag zwischen vergrämt dreinschauenden Journalisten und warte auf P. Diddy, der gleich sein neues Album „Press Play“ präsentieren soll.

Mit jeder Minute, die er sich verspätet, steigt das theoretische Risiko, von der gigantischen Diskokugel, unter deren Südpol ich sitze, erschlagen zu werden. Unglamourösere Arten des Ablebens wären jedoch vorstellbar.

Ein Vermögen von 346 Millionen Dollar

Anderthalb Stunden später erscheint er schließlich, der Mann mit den vielen Namen, über die man sich, vielleicht ungerechterweise, gerne lustig macht. 1969 in Harlem/New York als Sean John Combs geboren, markieren seine Künstlernamen Puff Daddy, Puffy, The Big Puff, Sean John, P. Diddy und Diddy Lebensabschnitte auf dem Weg zum erfolgreichsten Geschäftsmann des Hip-Hop-Busineß.

Innerhalb von 13 Jahren hat es der ehemalige Montessori-Schüler geschafft, als Produzent und Solokünstler, als Gründer der Plattenfirma „Bad Boy Entertainment“ und des Modelabels „Sean John“ ein Vermögen von 346 Millionen Dollar anzuhäufen.

Kein Problem, seinen Reichtum zur Schau zu stellen

Nebenbei entdeckte er Superstars wie Mary J. Blige, wurde in Diskotheken in Schießereien verwickelt, entging dafür nur knapp einer mehrjährigen Haftstrafe, zeugte vier Kinder, moderierte MTV-Shows, schauspielerte am Broadway, unterstützte Wohltätigkeitsprojekte und veranstaltet Jahr für Jahr seine belächelt legendäre „White Party“ in den Hamptons auf Long Island.

Auch sein Ende letzten Jahres auf den Markt gebrachtes Eau de Toilette „Unforgivable“ ist natürlich mittlerweile der meistverkaufte Herrenduft der Vereinigten Staaten. Geld stinkt nicht, und Diddy hat sowieso kein Problem damit, seinen Reichtum in Form von „Bling“, Brillantohrringen, goldenen Armbändern und Ketten, zur Schau zu stellen.

Überraschend ungroßmäulig

Da sitzt P. Diddy also, sonnenbebrillt und beblingt, in überdimensionierten Baggy-Trousers, hellem Wollpullover und brauner Lederjacke, auf einem etwas billig anmutenden weißen Ledersofa, das er sich selber niemals kaufen würde. Überraschend ungroßmäulig, aber auch fast emotionslos beantwortet er die Fragen des die Veranstaltung moderierenden MTV-VJs Patrice Bouédibéla.

Zu lachen gibt es wenig, hier schwadroniert ein Marketingprofi und Topmanager, der sich selbst am liebsten als „Entrepreneur“ bezeichnet, über eines seiner vielen lukrativen Geschäftsfelder: die Business Division „Black Music“ des Diddy-Imperiums.

Mittelmäßig begnadeter Rapper

Seine neue CD „Press Play“, erklärt Sean Combs, sei ein „Concept Album“, das er als eine Art musikalischen Scorsese-Film verstanden wissen will, als eine überlegt gecastete Liebesgeschichte über „Love and Pain“.

Diddys Besetzungsliste liest sich tatsächlich beeindruckend: Will.I.am von den Black Eyed Peas, Big Boi von Outkast, Cee-Lo von Gnarls Barkley, Nicole Scherzinger von den Pussycat Dolls, Timbaland, Nas und The Neptunes sind nur ein Teil des Ensembles, das P. Diddy zusammengerufen hat, um seine Rhymes zu umsingen, zu produzieren und musikalisch aufzuwerten. Denn nicht nur bei seinen zahlreichen Kritikern gilt Diddy als eher mittelmäßig begnadeter Rapper im hart umkämpften Hip-Hop-Universum.

Bereits auf Platz 1 der US-Charts

Allseits geschätzt hingegen werden seine Fähigkeiten als Produzent. Und so ließ er es sich auch nicht nehmen, auf seiner eigenen Platte herausragenden Persönlichkeiten wie Kanye West oder Mario Winans als Co-Producer zur Seite zu stehen. Auf diese Weise entstand ein vielleicht zu glatt gebügeltes Album, das aber dennoch durch seine stilistische Vielfalt überzeugen kann.

In „Tell me“ knödelt sich Christina Aguilera gekonnt durch einen orientalisch verbrämten Reggaeton, „Special Feeling“ läßt P. Diddys Bewunderung für Prince-Beats der achtziger Jahre erkennen, in „Thought you said“ begibt er sich zusammen mit Brandy sogar auf Drum-'n'-Bass-Wege. Den R-'n'-B-Part übernimmt die immer wieder phantastische Mary J. Blige mit „Making it Hard“ und läßt den musikalischen Tiefpunkt des Albums vergessen: „Last Night“, P. Diddys erstem und hoffentlich auch letztem Gesangsversuch an der Seite von Keyshia Cole.

Puristische Hip-Hop-Fans werden an „Press Play“, das sich bereits an Platz 1 der US-Charts gesetzt hat, einiges herumzumäkeln haben. Alle anderen finden mit etwas Nachsicht an Diddys womöglich letztem Soloalbum sicherlich viel Spaß.

P. Diddy: „Press Play“, erschienen bei Warner.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 05.11.2006, Nr. 44 / Seite 32
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Ab in die eTonne

Von Ursula Scheer

Der „eTown-Index“ rechnet aus, in welcher Stadt Deutschlands es die meisten wirtschaftlichen Internetseiten gibt. Googles System dahinter ist ebenso durchschaubar wie verworren. Mehr