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Nostalgie Das Ende der Kassette

22.12.2007 ·  Sie leierten. Sie entmagnetisierten sich. Sie waren Liebesbeweise. Sie fesselten Generationen über Tage ans Radio. Manchmal lösten sie Katastrophen aus. Und plötzlich verschwinden die Kassetten. Eine Erinnerung.

Von Niklas Maak
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Im Kaufhaus bei uns um die Ecke verkaufen sie keine Kassetten mehr. Das ist, als würden sie keine Taschentücher mehr verkaufen oder keine Wurst. Im Kaufhaus gab es immer Kassetten; immer standen sie hinten links, hinter den Singles, die damals noch aus Vinyl waren, dann verschwanden die Schallplatten und wurden durch CDs ersetzt, aber die Kassetten blieben dort, wo sie waren, doppelt eingeschweißt in eine sehr dünne Folie, die zusammen mit sechs anderen Kassetten von einer weiteren dünnen Folie zusammengehalten wurde. Bis jetzt.

Denn jetzt hat der Übergang vom mechanischen zum digitalen Dasein auch die Kassette erwischt. Bekannte Hersteller produzieren keine Kassetten mehr, und weltweit geht der Umsatz so rasant zurück, dass es bald nur noch in Gegenden der Welt, in denen die Lebensbedingungen für CD-Player und iPods zu unwirtlich sind, Kassetten geben wird: 1994 wurden laut einer Statistik in den Vereinigten Staaten knapp 439 Millionen leere Kassetten verkauft, im vergangenen Jahr waren es gerade noch siebenhunderttausend.

Meldung aus einer untergegangenen Zeit

Kassetten sind inzwischen so selten geworden, dass man vor seinen eigenen alten Bändern steht wie vor einer archäologischen Ausgrabung: stark rauschende, leiernde, liebevoll mit Tesafilm geflickte Magnetstreifen, die gleichzeitig Vorder- und Rückseite abspielen, verpackt in durchsichtige Plastikhüllen, deren Oberfäche, wie die Fenster eines zu lange leerstehenden Hauses, zerkratzt, blind oder zerbrochen ist.

Die inzwischen vergilbten Aufkleber sind mit ausgeblichenen Filzstiften, Schultinte und sogenannten Tintenkillern beschriftet, die dort notierten Reiseziele und Jahreszahlen stammen aus einer Zeit, in denen Postleitzahlen vierstellig waren und Kassetten in D-Mark bezahlt wurden.

Und wenn man diese Kassetten dann wieder hört, sofern sie sich nicht entmagnetisiert haben, findet man in den (oft aus dem Radio mitgeschnittenen) Liedern, wie in uraltem Bernstein, seltsame Einschlüsse: Auf einer 1986 aufgenommenen Kassette wird „A Question of Time“ unterbrochen von der Verkehrsmeldung, vor dem innerdeutschen „Grenzübergang Helmstedt“ staue sich der Verkehr; so empfängt man in dringlichem Tonfall vorgetragene Meldungen aus einer untergegangenen Zeit, von längst verschwundenen Orten.

Aber dass Kassetten einmal nicht nur, wie das Theater vom Film oder das Pferd vom Auto, als Opfer eines optimierten Folgeprodukts in eine Liebhaberecke zurückgedrängt würden, sondern derart gründlich verschwinden könnten, dass man zum Beispiel in Frankfurt oder Berlin nach Kassetten so intensiv suchen muss wie nach Schreibmaschinen-Farbbändern oder nach Austauschbirnen für Diaprojektoren: Das hätte man noch vor ein paar Jahren nicht gedacht.

Leiernde Liebesgaben

Mittlerweile untersuchen sogar schon Völkerkundler die Kassette, und in den vergangenen Monaten gab es in einigen Fachmagazinen erste melancholische Abgesänge auf das Tonband. Die Autoren schwelgten in schönen Erinnerungen an laue Sommernächte und leiernde Liebesgaben, und die Trauer über das Verschwinden der Kassette entpuppte sich schnell als Trauer über das Verschwinden der eigenen Jugend:

Wer noch weiß, was eine Kassette ist, ist definitiv nicht mehr richtig jung, schließlich gibt es inzwischen schon wahlberechtigte Menschen, die noch nie eine Kassette bespielt haben und auch nicht wüssten, wie und womit man das macht. Bei so viel Nostalgie wird allerdings immer gern vergessen, dass Kassetten natürlich auch etwas Furchtbares waren.

Das Weihnachtsband

Der Onkel eines Freundes etwa verbrachte fast die ganze Adventszeit damit, die vorweihnachtlichen Sendungen im Nachmittagsprogramm der Hamburg-Welle und des NDR 1 mitzuschneiden und zu einem Band zusammenzustellen, das an Heiligabend zur Bescherung abgespielt werden sollte. Am 24. Dezember lagen morgens noch rund ein Dutzend Kassetten auf seinem Schreibtisch herum, aus denen er an seinem Doppelkassettendeck das Weihnachtsband zusammenstellte.

Leider beschriftete er seine Kassetten nie, so dass bei der Bescherung oft das falsche Band eingelegt wurde. Gegen Abend, wenn es dunkel wurde, läutete die Weihnachtsglocke; die Ikea-Lichterkette warf ein feierliches Glitzerleuchten in den Raum, aus der Küche drang der schwere, winterliche Geruch einer Weihnachtsgans in Portweinsoße; und dann erklang, statt einer James-Last-Version von „Jingle Bells“, die Stimme von Mike Krüger, der „Mein Gott, Walter“ sang.

Das Kassettendeck als Irrweg der modernen Technik

Der Onkel hatte die falsche Kassette eingelegt. Hektisch wurde sie von der Tante wieder herausgenommen, der Onkel angeschrieen, dann schrie der Onkel zurück, der Tannenbaum wurde vorübergehend abgeschaltet, Kassetten wurden zur Probe eingelegt, die Gans bekam eine bedrohliche Solariumsbräune, der Onkel einen bedrohlich roten Kopf und eine Herztablette, schließlich wurde eine alte Vinylsingle mit Dean Martins „Let It Snow“ aufgelegt und eine an der Ausdörrungsgrenze befindliche Gans aufgetischt.

Weil sich dieser Vorfall fast jedes zweite Weihnachten wiederholte, galt das Kassettendeck vor allem bei den älteren Familienmitgliedern als unzuverlässiger und insgesamt ärgerlicher Irrweg der modernen Technik. Das schöne, verschwundene Wort „Kassettendeck“ erinnert dabei eher an ein luxuriöses Kreuzfahrtschiff - wie überhaupt die Sprache, die sich um Kassetten herum entwickelte, einen ganz eigenen Stil zwischen Hedonismus und Zukunftsglauben prägte, der typisch war für das Zeitalter der Kassettenkultur.

Die Compact-Kassette entstand zeitgleich mit Pop Art und Antibabypille

Auf Kassetten fanden sich, in Gold oder Silber auf die schwarze Hülle gedruckt, Wortgebilde, die man als Kind eher am Cockpit von Raumschiffen oder am Heck von Supersportwagen vermutete: „High Position“, „Highfidelity“, „Gt-IIx 90 IEC II Type II Hig(CrO2)“. Auf Fuji-Kassetten fand sich der Zusatz „For Car And Outdoor Use“, der allen autolosen Schülern als Vorbote einer besseren, enthemmten Zukunft erscheinen musste. Dazu gehörten natürlich auch die zuckenden Bilder im Display der Stereotürme: Tanzende Leuchtdioden flackerten dort wie digitale Drehzahlmesser zu den Bässen der Anlage.

Das Kassettenzeitalter war vielleicht die unbeschwerteste Zeit der Nachkriegsmoderne. Die Compact-Kassette entstand zeitgleich mit Pop Art und Antibabypille. Zwar gab es schon in den frühen fünfziger Jahren Tonbandgeräte für den Privatgebrauch, aber die waren bei Preisen zwischen 700 und 1500 DM nichts für die Massen. Die Erfolgsgeschichte der Kassette begann, als Philips Anfang der sechziger Jahre ein Gerät für das Be- und Abspielen von „Compact Cassetten“ vorstellte.

Eine selbst zusammengestellte Kassette als Lebensentwurf

Der Apparat kostete 299 Mark, und schnell wurden diese Geräte mit Radios und Schallplattenspielern kombiniert und zum Vehikel einer fortschreitenden Selbstermächtigung der Massen gegen die Kulturindustrie; man musste keine Platten mehr kaufen, man konnte sie endlos kopieren, verändern, selbst zusammenmixen; die Autorität der Plattenhersteller schmolz, wie sie es noch nie zuvor getan hatte, gleichzeitig fanden die Musikhörer ein neues Ausdrucksmedium. Man konnte eine Single verschenken, aber eine selbst zusammengestellte Kassette war noch einmal etwas anderes: ein Lebensentwurf, ein Selbstporträt, eine Handlungsanleitung, eine Liebeserklärung, wozu sich Kassetten besonders eigneten, schon, weil Mühe immer rührt.

Die wie eine kostbare ottonische Buchminiatur des Mittelalters mit Zeichnungen und liebevoll verzierten Buchstaben gestaltete Kassettenhülle war ein erster eindrucksvoller Beweis für die Anstrengungen, die der Kassettenschenker auf sich nahm, um das Herz des oder der Beschenkten zu erobern. Allein die Zusammenstellung der Lieder konnte Tage kosten. Nachmittagelang saßen Kassettenschenker vor dem Gerät, mussten jede Platte einzeln auflegen, drei Minuten bis zum Ende des Liedes warten, dann das nächste Lied starten oder beim Mitschneiden von Radiosendungen dasitzen und beten, dass der Moderator nicht in die schönste Stelle des Liedes hineinquatschte.

Gebrannte Geschenke

CDs zu brennen und Kassetten zu bespielen verhält sich wie Flugreisen zu Bahnreisen; bei der Kassette ist kein Zapping möglich, die Strecke muss in Echtzeit zurückgelegt werden. Was dabei entstand, war dafür auch ein sorgsam komponiertes Selbstporträt des Schenkers, eine aus Songtiteln zusammengesetzte, mehr oder weniger offene Liebeserklärung, ein utopischer Lebensentwurf oder ein Wunschzettel für den erwünschten Ablauf eines ersten gemeinsamen Wochenendes („Please please please let me get what I want“ - „Weekend à Rome“ - „Come with me / into the trees“ - „Sea, sex and sun“).

Der Übergang von der mechanischen zur digitalen Musikverschenkkultur, von der schwarzen (Kassette) über die silberne (CD) zur weißen (iTunes) Musikepoche ist unter romantischen Gesichtspunkten ein einziger emotionaler Abkühlungsprozess: Eine schnell zusammengebrannte CD oder, schlimmer, ein im iTunes-Store gekauftes und weitergemailtes Lied hat nie den gleichen Effekt wie eine in langen Nächten zusammengestellte Mixkassette; die rührende Ästhetik der Mühe ist dahin.

Kassette und Erotik

Das Verhältnis von Kassette und Erotik ist dabei immer auch katastrophenträchtig gewesen. Man konnte zwar dank Kassetten bis zu 120 Minuten engverknotet auf dem Sofa liegen, während der Single-Besitzer alle drei Minuten, der LP-Hörer spätestens nach 25 Minuten aufstehen und die Platte umdrehen musste. Kassettenhörer hatten dafür andere Probleme.

Ein Freund, der über Wochen an einer Kassette gearbeitet hatte, die beim ersten Besuch einer Freundin im Hintergrund laufen sollte, hatte das Tempo der Annäherung überschätzt; während sein Gast noch Tee trank und die Mutter unerwartet vor der Zimmertür staubsaugte (der Sauger stieß dabei geräuschvoll gegen die Unterkante der Tür), lief schon „Stripped“ von Depeche Mode und „The Power of Love“; beim hektischen Zurückspulen zu den unverfänglicheren Liedern entstand eine sehr lange, unangenehme Pause, schließlich drehte die Reverse-Funktion des Kassettengeräts das Band unaufgefordert auf die andere, nicht für diesen Nachmittag gedachte Rückseite und spielte „Du willst mich küssen“ von den Ärzten.

„Für Horstibär, Lovesummer 1977“

Die Freundin ging ungeküsst; das entschlossene, fast gewalttätige Klacken des sich automatisch abschaltenden Kassettendecks beendete den Abend mit einer hämischen Endgültigkeit. Mit der Kassette geht die Welt der mechanischen Geräusche unter, die seit einem Jahrhundert die Wiedergabe von Musik begleitet hat: Erst verschwand das edle, satte „Fump“ der aufsetzenden Schallplattennadel und das Vadummvadummvadumm der zu Ende gespielten Platte, jetzt das Klackern und Schleifen der gerade eingelegten Kassette und das trockene Schluckgeräusch, wenn eine Kassette im Autoradio versank.

Eine Archäologie der eigenen musikalischen Geschichte wird es nicht mehr geben; iTunes-Dateien werden für immer mit alten Festplatten verschwinden oder aus Versehen gelöscht werden - und dass man im hintersten Winkel des Handschuhfachs eines Gebrauchtwagens eine ausgeleierte, versandete Kassette mit der handschriftlichen Mitteilung „für Horstibär, Lovesummer 1977“ findet: Das wird in Zukunft auch nicht mehr passieren.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
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