21.05.2007 · Nils Koppruch wird oft übersehen, wenn es gilt, die intelligentesten Songschreiber im deutschen Pop zu ehren. Zu unrecht. In Köln entzündete der lakonische Liedermacher mit seinen anrührenden Folksongs ein knisterndes Lagerfeuer.
Von Eric PfeilDas Gebäude 9 in Köln ist an diesem Mittwochabend im Mai anfangs so leer, dass es einen friert. Nur stetes Umherlaufen schützt vor Auskühlung, aber zum Glück kommt ja gleich Nils Koppruch und lässt das musikalische Lagerfeuer knistern. Die wenigen Besucher, die schon beim Vorprogramm in der Halle stehen, gehören jenem Schlag wertkonservativer Musikfreunde an, der wohl auch Gefallen an Tom Waits und Johnny Cash findet: Um-die-Vierziger, denen die ganze Angelegenheit mit den Bäuchen und den Frisuren erfrischend egal zu sein scheint und die mit konstantem Dauerrauchen eine letzte Bastion der Unbeugsamkeit in ihrem Leben verteidigen.
Als Nils Koppruch, ehemaliger Sänger und Songschreiber der Gruppe „Fink“, dann um viertel nach neun die Bühne betritt, hat es sich doch noch ansehnlich gefüllt. Den ersten Song, „Staub und Gold“, spielt er noch ganz allein, nur zur Gitarre. Er sieht mit seinem Hotzenplotzbart und den gleichgültig fallenden Haaren ein bisschen aus wie der Dandy vom Bauwagenplatz, wie der gutaussehende Typ, der morgens plötzlich in der WG-Küche sitzt, und alle fragen sich, in welchem der Mädchenzimmer der denn wohl übernachtet hat.
Der übersehene Lakoniker
Der zweiundvierzigjährige Koppruch, der 1997 mit „Fink“ seine erste Platte veröffentlichte, wird häufig vergessen, wenn es gilt, die großen Songschreiber, die klugen Texter im deutschen Pop zu ehren. Während Jochen Distelmeyer, Frank Spilker und selbst Tom G. Liwa regelmäßig Ehrung erfahren, ignoriert man den Lakoniker Koppruch viel zu häufig - vielleicht gerade, weil er ein so begnadeter Schulterzucker ist. Diese Pose schützt ihn auch davor, mit seinen rustikalen Country- und Folk-Nachbauten in der Kleinkunstfalle zu landen. Und davor, wirklich nur ein Wärmestifter für Fans von strubbeliger Underdog-Musik zu sein.
Beim zweiten Song gesellen sich dann seine Mitmusiker hinzu, ein Standbassist, ein zweiter Gitarrist und ein Schlagzeuger. Das mitgebrachte Bühnenbild verhält sich umgekehrt proportional zum Aufwand des Vortrags: Sechs Pappwände füllen die Bühne, auf die im Comicstil zivilisationsgeschundene Botanik gekrakelt wurde. Die Musik zum geradezu üppigen Bühnenbild aber bleibt für den Rest des Abends relativ unbehauener Folk-Rock, der die Schönheit stets im Detail findet.
Knarzigkeit und Zurückhaltung
Doch es sind vor allem Koppruchs Texte, die in ihrer Knarzigkeit und Zurückhaltung immer wieder berühren. Im zweiten Lied, dem anrührenden „In die Stille“, singt er: „Erzähl mir die Stille / Mach, dass ich weiß / Du bist immer noch da / auch wenn du schweigst.“ Nach dem Titelsong seines etwas untergegangenen ersten Solo-Albums „Den Teufel tun“ holt er ein Buch des Hippie-Schriftstellers Richard Brautigan hervor. Das passt: Brautigan war einer der größten Lakoniker der Literaturgeschichte. Koppruch liest das Gedicht „Kritischer Büchsenöffner“. Es geht so: „Mit diesem Gedicht stimmt etwas nicht / Können Sie es finden?“
Koppruch spielt heute fast ausschließlich Songs seines Solo-Albums: Das charmante „Komm küssen“, „Einmal“, eine kreisende Meditation über die Einmaligkeit alles Schönen - aber natürlich auch „Heimweh“, dieses beklemmende Lied über medial befeuerten Nationalismus: „Kameras schwenken / durch den Darm uns'rer Zeit / Menschen sehn Menschen / und Menschen und Menschen / Und du siehst dich im Spiegel / Das ist Heimweh - ich weiß.“ Es ist der mit Abstand galligste Song dieses entspannten, ja doch, Liedermachers, der an diesem Abend den Raum gefangennimmt. Man kann seinen neuen Songs vorwerfen, sie kreisten um sich selbst. Bei dieser konzentrierten Poesie ein dummer Vorwurf.