War es das? Jeder zweite Amerikaner hält Hip-Hop für eine „negative Kraft“ der Gesellschaft, Hip-Hop-Platten verzeichneten in den vergangenen zehn Jahren einen Umsatzrückgang von mehr als fünfzig Prozent. Die Stars beeindrucken nicht mehr durch poetische Tricks, sondern durch die Zahl ihrer Gesetzesverstöße. Und kaum ein Jahrgang hat einen deprimierenderen Ausstoß hervorgebracht als 2009, selten gab es mehr stilistische Einfalt. Werden auf dem Grabstein des Hip-Hop also tatsächlich die Jahreszahlen 1979-2009 stehen? Oder stellen die aktuellen Nachrufe – darunter Sasha Frere-Jones im „New Yorker“ und Simon Reynolds im „Guardian“ – nur die übliche Enttäuschung alternder Fans dar, denen die Entwicklung „ihrer“ Musik davongelaufen ist?
Tatsächlich hat Hip-Hop schon einige Grabreden überlebt; das erste Mal Anfang der Neunziger, als die Welle des Gangster-Boogie politisch ambitionierte Rapper wie Public Enemy und ästhetisch eher experimentelle Gruppen wie A Tribe Called Quest von der Bühne spülte. Doch die teuflisch-unwiderstehlichen Phantasien von Gesetzlosigkeit, Gewalt und Sex hypnotisierten am Ende mehr Zuhörer. Und die Industrie, kurzzeitig durch die Morde an Tupac und Notorious B.I.G. erschüttert, saß jede Krise einfach aus. So eroberte 50 Cent nur ein paar Jahre später mit ähnlichen Provokationen wie Tupac ein weltweites Publikum. Rap drehte sich immer mehr in einer Zeitschleife und bediente statt der ästhetischen Avantgarde vor allem die hormonellen Bedürfnisse Heranwachsender.
Kein Wunder, wenn ein revolutionärer Beatmacher wie Timbaland 2004 erklärte, er werde der Wiederholungen seines Genres müde. Zur selben Zeit verkündete Jay-Z seinen Abgang aus Langeweile und lieferte die Vorlage für seinen einstigen Konkurrenten Nas, der zwei Jahre später als Totengräber posierte. Albumtitel: „Hip-Hop Is Dead“. Den Eingeweihten aber blieben noch Trumpfkarten: Versprachen nicht sozialkritische Rapper wie Kanye West, Common, Talib Kweli, Mos Def und The Roots eine Zukunft? Hatte sich Hip-Hop nicht immer wieder gehäutet und verjüngt?
Letzte, müde Versuche
In den meisten Metropolen dieser Welt findet man eine vibrierende Hip-Hop-Szene, die dafür sorgt, dass Rapper, DJs und Beat-Produzenten so wenig aussterben werden wie Bluesgitarristen, Rockschlagzeuger und Jazzsänger. Nur spricht vieles dafür, dass sie demnächst nicht mehr als Avantgarde, sondern nur noch wegen ihres Lokalkolorits interessieren: als Bewahrer und Ausdifferenzierer von Musikstilen, die einmal einen gewaltigen historischen Beitrag zur Popmusik geleistet haben. Wer dieses Jahr Revue passieren lässt, wird kaum umhinkommen, den Grabrednern beizupflichten: Was Progressivität betrifft, so hat Hip-Hop sein Pulver verschossen und ist zu einer Industrie lahmender Ex-Superstars verkommen.
Das Dinosauriersterben lässt sich von Album zu Album beobachten. Jay-Zs Comeback mit „The Blueprint 3“: ein Schatten seiner Vorläufer, Langeweile auf hohem Niveau. Unverzeihlicherweise hat der sich ständig als „business man“ rühmende Hip-Hop-Mogul über den Renditerechnungen seinen früheren Wortwitz vergessen. Timbalands „Shock Value II“: Fastfood, angerichtet aus Billig-Effekten, als ob Rhythm-’n’-Blues-Refrains und Synthesizerpop-Produktion die einst so experimentelle Hip-Hop-Küche nicht schon längst zur Fließbandproduktion für Babybrei degeneriert hätten. Und 50 Cents lange verschobenes „Before I Self Destruct“: ein schwacher Versuch, die harte Jugend und ihre Aggression ein letztes Mal heraufzubeschwören. Wer zu lange im Penthouse wohnte, dem kauft niemand mehr den hungrigen Hustler ab, auch nicht Snoop Dogg, dessen neues Album „Malice N’Wonderland“ den alten, schon fast aller Geschmacksstoffe beraubten Gentleman-Gangster-Gewürzmix aufbrüht.
Breitwandkino für die Ohren
Lebt der Hip-Hop also tatsächlich nur noch vom Rückblick? Die wenigen gelungenen Alben des Jahres scheinen das zu bestätigen, etwa Raekwons „Only Built For Cuban Linx.II“. Der detailgetreue Nachbau der Wu-Tang-Clan-Ästhetik aus den frühen neunziger Jahren, mit knochentrockenen Beats, düster-molligen Streicherpassagen, esoterischen Samples und dem Anspruch, Breitwandkino für die Ohren zu bieten, wurde von den Fans wie das Manna in der Wüste gefeiert. Auch die restlichen Glanzlichter tönten wie aus dem vorigen Jahrzehnt: Mos Defs „The Ecstatic“, Q-Tips „The Abstract“, Marco Polo & Toraes „Double Barrel“. Und wenn es um konsequente Haltung und klischeefreie, engagierte Texte ging, dann ruhen die Hoffnungen vieler Fans auf einem dicklichen, fast blinden, weißen Albino aus Minneapolis: Brother Alis Album „Us“ beschwört das Wir und greift dabei auf uralte schwarze Traditionen des Gospels, des Work Songs und des Bläser-Funks zurück. Bezeichnenderweise ist Brother Ali immer noch bei einem winzigen Independent-Label unter Vertrag.
Was bedeutet das für die Zukunft des Hip-Hop? Eine Handvoll Enthusiasten, die sich die Mühe mache, durch Websites zu stöbern, Internetradio zu hören und Mixtapes auszutauschen, wird wohl auch in Zukunft ihre Adrenalinschübe finden – virtuose Performer, waghalsige DJs, am Mainstream vorbei produzierende Kleinststudios. Für den Rest wird Hip-Hop nicht viel mehr bedeuten als die billige Untermalung zu Youtube-Tanzvideos, i-Pod-Nudelware beziehungsweise der Lärm, den Eltern, ganz zu Recht, hassen dürfen.
Was für den Hip-hop gilt...
Lena Gerstenburg (Gerstenburg)
- 30.12.2009, 20:06 Uhr
HipHop lebt, allerdings nur für Kenner
Benjamin Titzck (Buuurnz)
- 30.12.2009, 20:19 Uhr
Das ist nur eine Durststrecke
Dani Ibra (daniibra)
- 30.12.2009, 20:23 Uhr
Mehr vom Alten...
Joerg Crantz (crawl)
- 30.12.2009, 20:30 Uhr
Niedergang des Hip-Hop
Danijel Radojkovic (dani2323)
- 30.12.2009, 21:14 Uhr