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Veröffentlicht: 02.04.2015, 14:19 Uhr

Neues Album von Blur Diese Band ist noch nicht am Ende

Zeitgeschichte im Songformat: Dass Blur noch einmal zusammen ins Studio gehen würden, hätte niemand mehr gedacht. Doch Damon Albarn und Kollegen überraschen die Popwelt mit einem neuen Album.

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© WireImage Damon Albarn, Dave Rowntree, Alex James und Graham Coxon sind Blur.

Nadelstiche haben sie immer wieder gesetzt. Zum Beispiel, als sie 2009 beim Glastonbury-Festival auftraten, dem britischen Woodstock sozusagen: große Nostalgieshow der neunziger Jahre, bei der mit den Discobass-Oktaven am Anfang von „Girls and Boys“ sofort die Massen tobten – ein Auftritt, musikalisch weit entfernt von Perfektion, aber was für eine Energie! Oder 2012 beim Sommer-Gig im Londoner Hyde Park: Auch dort raunte man „Wir bringen die Band wieder zusammen“, und tatsächlich gab es mit „Under the Westway“ ein neues Lied, bei dem sofort dieses Gefühl wieder da war: Hier wird britische Zeitgeschichte gewitzt in das Format eines Popsongs gegossen, so wie es in den besten Blur-Stücken immer der Fall war, von „Sunday Sunday“ über „Country House“ bis zu „End of a Century“.

Jan Wiele Folgen:

Aber trotzdem schien eine Wiedervereinigung der wichtigsten Britpop-Gruppe zuletzt fast aussichtslos: Gerade erst vor einem Jahr, als Sänger Damon Albarn sein großartiges Soloalbum „Everyday Robots“ vorstellte, hieß es noch, die Band Blur sei für ihn am Ende, er könne sich das einfach nicht mehr vorstellen. Wenn man betrachtet, wie unglaublich produktiv der Sänger seit dem vorläufig letzten Blur-Album „Think Tank“ (2003) gewesen ist und wie er dabei in jeder Hinsicht den Horizont seiner Kunst erweitert hat, ist das leicht nachzuvollziehen. Die Idee zur animierten Cartoonband Gorillaz war schlichtweg genial, und auch seine anderen Projekte, vom kurzen Glück mit The Good, The Bad and The Queen bis zu dem Konzeptalbum über den elisabethanischen Wissenschaftler John Dee („Dr. Dee“) sprechen sehr für ihn.


Blur - There Are Too Many Of Us on MUZU.TV.

Albarns Drogenprobleme, die oft als Grund für das Ende von Blur angeführt wurden, bedeuteten also mitnichten das Ende seiner Kreativität. Es stimmt allerdings, dass diese Probleme, wie er offen erzählt, schon die letzten Blur-Alben künstlerisch geprägt hatten: Besonders in dem Song „No Distance Left to Run“ hatte er die auch am Heroin gescheiterte Beziehung zu Justine Frischmann vertont, der Sängerin der ebenfalls wichtigen Britpop-Band Elastica. Und tatsächlich stellte man sich bei ebendiesem tieftraurigen Lied wie auch bei der großen Elegie „The Universal“ oder dem völlig zerbrochen klingenden „Battery in Your Leg“ die Frage, was nach solcher Trauermusik eigentlich noch kommen sollte. „No Distance Left to Run“ hieß dann folglich auch eine Filmdokumentation, die den Titel des Songs auf die Geschichte der ganzen Band übertrug: ein Abgesang.

Der verschrobene Habitus ist unverändert

Dafür, dass Blur Wiederbelebungsschwierigkeiten hatte, mag es noch weitere Gründe geben. Während Albarn sehr erfolgreich und Graham Coxon in einer geradezu schwelgerisch antimainstreamhaften Art immer weiter Musik machten (die diversen Soloalben dieses Frickel-Gitarristen sind vielleicht lustig, klingen aber oft wie irre Trips jenseits aller Hörbarkeit), ist der Bassist Alex James nur noch wenig und der Schlagzeuger Dave Rowntree gar nicht mehr musikalisch in Erscheinung getreten. James lebt inzwischen „in the country“ auf einer Farm; Rowntree erweckte im Gegensatz zum hippen Auftreten der anderen drei ohnehin schon immer auf leicht belustigende Weise den Eindruck, er sei womöglich selbst in eines jener Vorort-Reihenhäuser aus dem „Parklife“-Musikvideo eingezogen. Umgekehrt könnte man aber auch behaupten, wie Coxon das in der Dokumentation tut, dass Blur Anfang des neuen Jahrtausends Gefahr lief, zu einer Karikatur zu werden.

Während es also schien, als ob die Band wie so viele andere frühere Größen bald nur noch bei gelegentlichen Festivalauftritten ihr Erbe verwalten würde, kam die Wende nun angeblich bei einer ebensolchen Gelegenheit: Auf Tournee in Asien hatte man einige Tage frei in Hongkong, und dort sprang bei Spielereien in den Avon Studios von Kowloon wohl doch wieder ein neuer Funke über. Schwups, war auch der frühere Produzent Steven Street wieder ins Boot geholt, und nun gibt es also nach zwölf Jahren das neue Studioalbum „The Magic Whip“, das am 24. April erscheint.

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Besonders in England wird darum bereits viel Aufhebens gemacht, es geistern Musikschnipsel durch die einschlägigen Portale. An den verdruckst-intellektuellen Interviews der Gruppe hat sich offenbar wenig geändert. Man fühlt sich auch gleich wieder an Wortgefechte zwischen Colchester und Manchester, Blur und Oasis, Damon Albarn und Noel Gallagher erinnert, bei denen man als Nichtmuttersprachler kaum ein Wort verstehen konnte.

Wohin Damon Albarn gehört

Tatsächlich beginnt das neue Album geschichtsbewusst: Das Eröffnungsstück „Lonesome Street“ knüpft hörbar an die psychedelische Frühphase der Band rund um „She’s so High“ an, es quäkt ein froschartiger Synthesizer dazu. „If you have nobody left to love/I’ll hold you in my arms“, verspricht Albarn. Das ist doch schon mal etwas. Der dreckige Slow-Rock von „Go Out“ erinnert dagegen eher an das Spätwerk David Bowies, es donnert der Krach. Natürlich wird man von Blur auch wieder erwarten, dass sie den Phon-Orkan ihrer Hitsingle „Song 2“ neu entfachen, das allerdings ist wohl unmöglich. Mit Stücken wie „Ghost Ship“ und „New World Towers“ wird dann klar, dass es bei Blur 2015 nicht mehr nur um Gitarre, Bass und Schlagzeug gehen kann, sondern auch Hiphop- und Soul-Einflüsse aus Albarns Solowerk hier zu ihrem Recht kommen.

Die Band hat wohl auch begriffen, dass der Albumsound von „Think Tank“ mit all seinen verrückten Geräuschsamples bis heute etwas Besonderes ist, genau daran hatte ja auch Albarn mit Piep-und Funksignalen auf seinem letzten Solowerk weitergestrickt. Durch alle Lieder spuken hier Geräusche, vom pfeifenden Teekesselchen bis zum Spielomat beim ulkigen „Ice Cream Man“. Klanglich ist das Werk oft so nah bei „Everyday Robots“, dass man es auch für eine weitere Soloplatte Albarns halten könnte.

Man könnte daraus jetzt wieder ableiten, dass Albarn die Gruppe gar nicht mehr braucht. Oder aber man sagt, dass sein melancholischer Gesang, stimmlich wie inhaltlich, im Grunde immer von Blur geprägt war und deshalb auch in dieser Band am besten aufgehoben ist. Genau zu dieser Überzeugung kommt man bei „There Are too Many of Us“. Es ist wieder so eine apokalyptische Ballade, in der die Menschheit schon zur Marschtrommel in den Abgrund steuert. Aber gleichzeitig vermittelt sie das Gefühl, dass die Band, die sie spielt, noch nicht am Ende ist. Eine große Herausforderung hat sie allemal noch zu meistern: Nach den wirklich perfekt arrangierten Soloauftritten Albarns mit Streichern und Chorsängern jüngst müssen die außer Form geratenen Blur-Mitglieder jetzt schon einmal hart trainieren, um nicht nur die Energie, sondern auch die Qualität der neuen Songs im Konzert zu Gehör zu bringen.

Glosse

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