09.03.2010 · Englands Jüngste sind trotz ihres jugendlichen Überschwangs schon ziemlich altklug: Der Bombay Bicycle Club rockt Köln nieder - und erweist sich als beste Newcomer-Band seit Jahren.
Von Eric PfeilDer junge Mann auf der Bühne der Kölner Werkstatt klingt, als wollte er sich gleich aufhängen. „I am ready to owe you anything“, singt er mit labiler Meckerziegenstimme; aber er grinst dabei, als wäre ihm das ein wenig peinlich. Es ist ein Grinsen von jener Art, das junge Mädchen um den Verstand bringt. Jack Steadman ist jung, sehr jung, vielleicht zwanzig; aber das ist nichts gegen Ed Nash, der rechts neben ihm den wummernden Peter-Hook-Ehrerbietungsbass bedient und ausschaut, als hätte er gerade die Versetzung in die zehnte Klasse nicht geschafft.
Überhaupt erweckt Steadmans und Nashs Band Bombay Bicycle Club weniger den Eindruck einer Band als vielmehr den von vier Pfadfindern, die gerade erst ihre Uniformen gegen Freizeitkleidung ausgetauscht haben. Aber die Musik, die sie machen, ist trotz des Ungestüms fast schon ein bisschen altklug: Bombay Bicycle Club - das merkt man nach ein, zwei Songs - wissen mehr über Spannungserzeugung als die meisten britischen Erfolgsbands der vergangenen Jahre.
Sie wollen nicht größer klingen als sie sind
Wenn das britische Pop-Revolverblatt „NME“ eine Band zum besten Newcomer kürt, dann ist erst einmal Skepsis angebracht. Im Falle des Bombay Bicycle Club, dem diese Ehre zuteil wurde, muss man den marktschreierischen Kollegen jedoch zustimmen. Die Band aus dem Norden Londons gründete sich vor fünf Jahren als Schülerband, und so sieht sie ja auch immer noch aus. Aber diese T-Shirt-Jungs wissen genau, was sie tun. Bombay Bicycle Club begehen nicht den Standardfehler vieler zeitgenössischer Neulinge, die größer klingen wollen, als es ihr Songmaterial zulässt.
Stattdessen tummeln sie sich ohne Angst und voller Spielfreude auf dem großen Post-Punk- und Schrammel-Spielplatz. Mit Unverfrorenheit und einem beeindruckenden Sinn für Dynamik kombinieren sie die eher dunkel getönte Musik der frühen Achtziger mit sonniger Melodik und viel jugendlichem Schmiss: Hits wie das cool tuckernde, von einem scheinschluderigen Gitarrenlick getriebene „Lamplight“, das rappelnde „Evening/Morning“ oder das pathetische „Dust on the Ground“, bei dem sie Interpol und die Editors mit viel Charme wie Retro-Kasper aussehen lassen, kann man wohl nur schreiben, wenn man sehr jung ist.
Immer etwas müde, immer etwas meckernd
Natürlich, die Wurzeln dieser Musik liegen im Post-Punk; aber Bombay Bicycle Club sind klug genug, keinen alten Sound mit heutigen Mitteln verwalten zu wollen. Sosehr ihre Musik auf frühen Wave abhebt, so sehr kann man auch Parallelen zu heutigen Erfolgsbands wie Vampire Weekend (ohne die verspielte Afrikanistik) oder Arcade Fire (ohne die Pfauenfedern und den Pomp) ziehen. Zwischendurch explodiert die Band immer wieder. Oft sieht es aus, als hätte man sie unter Strom gesetzt; doch im nächsten Moment steht der schmale Steadman wieder vorne vorm Mikrofon, singt meckernd seine klugen, immer etwas müden, aber eingängigen Melodien und grinst wieder ein paar Mädchen in die Ohnmacht.
Lustigerweise versucht das sehr junge Publikum in der gut gefüllten Werkstatt deutlich mehr landläufigen Coolness-Richtlinien zu entsprechen als die Band. Nach kaum einer Stunde ist Schluss, und das coole Publikum trifft die uncoole Band am T-Shirt-Stand. Der „NME“ hat ausnahmsweise nicht übertrieben: Bombay Bicycle Club sind mit Leichtigkeit die beste englische Newcomer-Band seit vielen Jahren.