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Neues Interpol-Album : Ist das Independent Rock - oder kann man das hören?

  • -Aktualisiert am

Aufs Touren würden die drei verbliebenen Interpol-Mitglieder gerne verzichten. Bild: Foto PIAS

Die New Yorker Band Interpol würde lieber kürzertreten. Gut, dass die Musikindustrie sie wieder ins Studio zwingt. Auch ohne Bassist Carlos Dengler klingt das Ergebnis frischer und fokussierter als zuletzt.

          Interpol sind der ewige Außenseiter der Independent-Musikszene, weil sie schon seit ihrem gemeinhin vergötterten Debüt „Turn on the Bright Lights“ (2002) im Grunde mehr von ihr trennt als mit ihr verbindet. Mit einer halben Million verkaufter Alben in Amerika und einem Dutzend Major-Zugpferde im Nacken, die mit allen Kräften versuchten, genau so zu klingen wie die New Yorker, steht seitdem jeder Schritt dieser Band unter Beobachtung.

          Vier gut durchdachte Jahre und ein Besetzungswechsel am Bass liegen nun zwischen dem ersten („Interpol“, 2010) und dem zweiten selbstbetitelten Ausrufezeichen, als das man auch das gerade erschienene, mit Anagramm arbeitende Album „El Pintor“ (Soft Limit/Matador) hören und werten darf. Der hellblau gespiegelte Schriftzug verrät es: Die Maler, das sind wir.

          Graue Melancholie als Fundament

          Interpol, das ist immer auch Konzept und Inszenierung. Live generell im Anzug und in diffuses dunkelblaues oder rotes Licht getaucht, strahlt die amerikanische Band eine britische Reserviertheit und Künstlichkeit aus, die im harschen Kontrast zur warmen Klangfarbe ihres Gitarrensounds stehen. Man interagiert wenig mit dem Publikum, man sendet, vor allem der Sänger Paul Banks mit seiner tiefen und gleichzeitig fragilen Stimme, die wohl wie kein anderes Merkmal für diese Band steht. Am ehesten erinnert sie wohl an Michael Stipe in dessen düstersten Momenten. Nicht umsonst coverte dieser 2004 mit R.E.M. den Interpol-Hit „NYC“.

          Diese Stimme nimmt den Hörer auch vom ersten Ton auf „El Pintor“ an in Beschlag. „All The Rage Back Home“ ist ein sich steigerndes melancholisches Sehnsuchtsstück, wie es vielleicht auf einem der frühen Placebo-Alben hätte stehen können. Interpol koppelten den Song als Single aus und drehten ein Schwarzweißvideo mit spielender Band und einem Surfer auf grauen, das Sonnenlicht reflektierenden Wellen. Auch wenn die verspielten Gitarrenlicks den Mann bei den Sprüngen mit seinem Brett begleiten, ist es doch die graue Tiefe, die das Fundament und den Unterton von Song und Szenerie bildet.

          Keine Szeneanbiederung

          „Be my desire“, singt der „frustrated man“ Banks in „My Desire“ über ein ebenfalls sehr prägnant getrillertes Gitarrenmotiv. Nicht selten scheinen die Songs auf „El Pintor“ wie um eine dieser simplen, kaum variierten Melodien gestrickt. Die warmen Tonfolgen übernehmen die Ohrwurmfunktion eher noch, als die gesungenen Refrains es tun. Atmosphärisch besonders dicht wird es vor allem dann, wenn sich Gesangsharmonien und Sechssaiter kreuzen, übereinanderlegen und vermischen, wie in der zweiten Hälfte von „Anywhere“. Der Post-Punk tritt am auffälligsten im schweren „Ancient Ways“ zutage. Auch wenn die Gitarren hier größtenteils im Hintergrund schrammeln und die Forderung „Fuck the ancient ways“ noch niemals höflicher und weniger umstürzlerisch vorgetragen wurde.

          „El Pintor“ von Interpol

          Nicht alles ist Gold, was dunkelrot glänzt, und auch „El Pintor“ hat freilich seine Längen. Nichtsdestotrotz zeigen sich Interpol hier zugänglicher als zuletzt und zementieren ihren Ruf als eine der interessantesten Independent-Rockgruppen der vergangenen Jahre. Die gewisse Schwermütigkeit und Introvertiertheit verkommen hier nicht wie bei vielen Genrekollegen zur prätentiösen Masche, sondern wirken echt.

          „Wenn ich könnte, würde ich einfach aufhören zu touren. Ich würde gleich drei Alben im Jahr veröffentlichen, wenn ich nicht andauernd unterwegs sein müsste“, sagte Paul Banks unlängst dem Musikmagazin „Rolling Stone“. Man glaubt es dieser Band gern, dass sie sich in der Rolle von Kammermusikern wohl fühlen würde. Da aber Qualität und Quantität immer in gewissem Maße voneinander abhängen und Erstere oft erst in der Live-Situation wahre Bestätigung erfährt, darf man dem Musikgeschäft im Falle von Interpol ausnahmsweise einmal dankbar für seine ausgeübten Zwänge sein. Beste Freunde werden beide sowieso nicht mehr.

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