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Neues Bowie-Album Es ist nie zu spät für einen Wackelschieber

Grandioser Zombie-Boogie: Der Hype um das erste Album von David Bowie nach zehn Jahren hatte tatsächlich sein Recht. Es gehört zum Besten, was Rockmusik heute anzubieten hat.

© Jimmy King Vergrößern David Bowie sucht alte Weggefährten: Der Sänger vor einem Bild seiner selbst mit William S. Burroughs

Mit seinem Berliner Totentanz zu Beginn dieses Jahres hat David Bowie alle genarrt. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich aus dem Nichts die Nachricht, es kursiere nach zehnjähriger Schaffenspause des Künstlers ein sonderbares Video mit dem Titel „Where Are We Now“. Es bietet im Bild wie auch im Songtext eine elegische Erinnerung an Bowies Berliner Zeit Ende der siebziger Jahre, darüber hinaus ist es aber noch garniert mit einer verstörenden Animation des Videokünstlers Tony Oursler, die ein zweiköpfiges Mischwesen aus Bowie und Ourslers Frau in schonungslosem Close-up zeigt. Und dann ebendieses Lied, in dem dauernd die Zeile „Walking the Dead“ fällt und Bowie dann auch noch auf Deutsch von Potsdamer Patz und Bösebrücke singt - gespenstisch.

Als man in der Zeitung Bilder zu Bowie heraussuchen wollte, stellte man fest, dass es da ebenfalls sehr lange keine gab: Die letzten Konzerteindrücke, bei denen der Mann noch immer wie ein blonder Jüngling im roten Samtanzug strahlte, waren ebenfalls eine Dekade alt - und jetzt war Bowie plötzlich nur noch ein zerknautschter Eierkopf auf dem Sofa, der jeden Moment in Tränen ausbrechen wollte! Wie würde also das mit großem Tamtam angekündigte Album eines Mannes in diesem Zustand werden, von dem man annehmen musste, dass er schon mit einem Fuß im Jenseits der Rockgeschichte steht?

Ab heute weiß man, warum Bowie uns mit diesem Eindruck zum Narren gehalten hat. Denn die Antwort, die er nun auf dem Platz gibt, beginnt mit einem Tor in der dritten Spielsekunde, nämlich beim Titelstück und Opener des Albums „The Next Day“. Es ist ein dreckiges, englisches Tor, und Dreckrock ist die Richtung, die auch die ganze Partie bestimmt. Bowie knüpft da an, wo er mit seinem vielleicht besten Song überhaupt, „New Killer Star“ (unter dem Hashtag #Aufschrei mögen nun die Fans der Bowie-Frühzeit ihre cholerischen Anfälle kriegen), auf dem Album „Reality“ 2003 aufgehört hatte.

Immer wieder Hunger auf das letzte Gericht

Es sind diese herrlich zerrenden Gitarren über absoluten Killer-Grooves (die eher Billy-Idol-Gesten evozieren als Erinnerungen an den Thin White Duke), welche aus der Platte ein furioses Champions-League-Spiel der Rockmusik machen, bei dem man gleichwohl nicht auf schöne Kombinationen und die eine oder andere Pirouette verzichten muss. In der Gewichtsklasse von „The Next Day“ gibt es gleich mehrere Stücke, zum Beispiel das nicht weniger losrockende „Love is Lost“. „Wave goodbye to a life without pain“, singt Bowie darauf, während die Musik gleichzeitig die Zähne zusammenbeißt.

Die Frage, wie es Bowie denn eigentlich gehe, wird ebenfalls gleich im ersten Stück beantwortet: „Here I am/Not quite Dying“. David Bowie ist noch da, ja, er ist so was von zurück, dass dagegen viele andere Comebacks alt aussehen. Dennoch folgt der augenzwinkernden Beruhigung, dass er noch lebe, dann noch ein überraschendes Ende des Satzes: „...my body left to rot in a hollow tree“.

Hier schließt sich der Kreis zu den Toten aus dem Berlin-Video. Sie erweisen sich als Zombies, die auf dem Album hier und da durch die Lieder spuken. Das Lustige ist, dass durch dieses Thema auch eine vermeintlich harmlose Zeile wie „The stars are out tonight“ plötzlich unter Verdacht gerät: Hier könnten nicht nur die zwinkernden Sternlein am Himmel, sondern wiederum totgeglaubte Rockstars gemeint sein. Und tatsächlich: „The Stars are never sleeping/The dead ones and the living.“ Das Lied wird so zum grandiosen Zombie-Boogie. Nach diesem Boogie ist der neue Bowie wohl geradezu süchtig, wenn er an anderer Stelle singt: „Can’t get enough of that doomsday song“.

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