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Neues Album von Reinhard Mey : Ein Künstler in Deutschland

  • -Aktualisiert am

Reinhard Mey am Hauptbahnhof seiner Heimatstadt Berlin Bild: Jim Rakete

Er ist der Kronzeuge unserer Befindlichkeiten. Aber wir haben uns so sehr an Reinhard Mey gewöhnt, dass wir ihn gar nicht mehr hören, wenn wir ihn hören - ein Fehler, wie das neue Album „Dann mach’s gut“ zeigt.

          Wir Deutschen sind seltsam: Da hatten wir zum Beispiel in Caterina Valente einen Weltstar, der Chanson, Jazz und Bossa Nova so perfekt sang wie Schlager - und waren erst stolz auf sie, als sie schon ihren Abschied von der Bühne plante. Peter Maffay wagen hierzulande Rockfans nur heimlich zu schätzen, Ute Lemper wird in New York als neue Lotte Lenya geschätzt und bei uns als Hysterikerin bemäkelt, Joy Fleming, die so singt wie Janis Joplin singen würde, wenn sie noch lebte, muss sich in Talkshows von angeblichen Intellektuellen als Bierzeltsirene abkanzeln lassen, und dass Mary Roos, Kennzeichen Schlager, vor Jahren im Pariser Olympia Ovationen erntete, ist bei uns so bekannt wie ein Geheimdossier der Staatskanzlei François Hollandes.

          Genauso ungläubig dürften viele Deutsche hören, dass Reinhard Mey 1968 in Frankreich unter dem Namen Frédérik Mey gefeiert wurde und als erster Nichtfranzose den „Prix International de la Chanson française“ erhielt. Kennen tut ihn selbstverständlich jeder Deutsche - als „Liedermacher“, der seit mehr als vierzig Jahren singt, textet und komponiert, dessen „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“ und „Noch ein letztes Glas im Steh’n“ geflügelte Worte, heimliche Hymnen, aber offiziell verschämt belächelte alte Hüte geworden sind, tauglich allenfalls noch für ein letztes Glas Rotwein an nostalgischen Abenden.

          Diese fließenden französischen Chansonakkorde

          Letzteres aber ist nicht mehr sonderbar, sondern ignorant. Denn wer Reinhard Meys Lieder hört, der hört die Geschichte mindestens zweier deutscher Generationen: das Aufbegehren nach 1968 („Die Schlacht am Kalten Buffet“), die Sehnsucht der damals Jungen nach Romantik statt ranzigem Kitsch („Ich wollte wie Orpheus singen“), die (Selbst-)Ironie, die das Dritte Reich getilgt hatte und die der Bierernst fanatischer Achtundsechziger nicht aufzubringen vermochte („Alte fette Frau Pohl“), die hilflosen Ausbruchswünsche, die viele bei Erreichen des mittleren Alters packten („Über den Wolken“), und das Entsetzen, als in den neunziger Jahren nicht nur denen, die zehn oder zwanzig Jahre zuvor den Kriegsdienst verweigert hatten, deutlich wurde, dass „Bürger in Uniform“ im Ernstfall Soldaten sein müssen („Nein, meine Söhne geb’ ich nicht“).

          Wir haben uns so sehr gewöhnt an Reinhard Mey, dass wir ihn kaum noch hören, wenn wir ihn hören. Dazu dürfte sein seit Jahrzehnten kaum veränderter musikalischer Stil, diese fließenden französischen Chanson- und Bardenakkorde, gelegentlich mit Country-Einsprengseln angerauht, beigetragen haben.

          Im März dieses Jahres verlieh Reinhard Mey den „Echo“ für das Lebenswerk an seinen Kollegen Hannes Wader.

          Seine neue CD aber, „Dann mach’s gut“ (Odeon/EMI), zwingt, obwohl auch sie musikalisch nichts riskiert, zum Zuhören: Reinhard Mey, im vergangenen Dezember siebzig geworden, hält Rückschau. Immer schon regierte das Ich in seinen Texten, diesmal aber sind sie nicht knapp und pointiert, sondern kleine ausführliche Erzählungen, sehr persönliche Monologe, in denen ein Mann sein Leben rekapituliert.

          Sternenstaub und Seraphim

          Es beginnt beruhigend besinnlich: „Wenn du bei mir bist“ erzählt vom gelassenen Glück nach jahrzehntelangem Zu-zweit-Sein. Welch gewaltiger Anspruch sich dahinter verbirgt, wird klar, wenn darin Meys unscheinbares „Die Liebe hört nicht auf“ sich als das „Die Liebe höret nimmer auf“ aus dem ersten Brief des Paulus an die Korinther entpuppt. Auch im Lied „Fahr dein Schiffchen“, gewidmet dem Enkel, tauchen mit Sternenstaub und Seraphim religiöse Motive auf - der Sänger ist nicht der Erste, der mit den Jahren die Wortgewalt der Bibel wiederentdeckt.

          Reinhard Mey ist noch immer ein Kronzeuge unserer Befindlichkeit: Kürzlich erschütterte der Fernseh-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ die Republik. Auf seiner neuen CD erinnert der Sänger mit „Vaters Mantel“ an die harte Kindheit so vieler aus dieser Generation. Das folgende „Vater und Sohn“ verknüpft drei Generationen; „Lieber kleiner Silvestertag“ drückt dezent, aber unmissverständlich den Ekel eines Mannes aus, der mit siebzig Jahren Lebenserfahrung kaum noch das kollektive Jubeln ertragen kann, das mit dem Glockenschlag zwölf sich selbst und wider besseres Wissen die große Lebenswende vortäuscht.

          Rührend das Lied auf die erwachsene Tochter: „Sie braucht mich nicht wirklich, doch sie lässt mir die Illusion.“ Doppelbödig „Alter Freund“, ein trotziges, zuweilen weinerliches Loblied auf den Wein als Tröster.

          Zum Ausklang der insgesamt siebzehn Lieder mutet Reinhard Mey sich und seinem Publikum Erschütterndes zu: „Wir begreifen unser Glück erst, wenn wir es von draußen seh’n“ heißt eine Zeile des Titellieds „Dann mach’s gut“, das Abschied nimmt von einem unerreichbar Gewordenen. Und im musikalischen Selbstgespräch „Lass nun ruhig los das Ruder“ heißt es: „Du bist sicher, Schlafes Bruder wird ein guter Lotse sein.“

          Auch wer noch nicht im siebten oder achten Lebensjahrzehnt steht, wird sicher schon einmal gehofft haben, dass dem so sein müsste. Reinhard Mey fasst diese für gewöhnlich gut verborgenen Ängste und Wünsche in Worte. Er ist noch immer einer, dem gegeben ist, „zu sagen, was er leidet“. Ein Künstler in Deutschland.

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