14.06.2008 · Coldplay gehören zum aussterbenden Genre der Großbands. Auch in ihrem neuen Album haben die Briten einiges aufgefahren, um das Pathos hochzuhalten: Gurus, Kathedralen und Delacroix-Gemälde. Das drückt auf die Tränendrüsen und lässt manchmal das Herz hüpfen, und ab und zu ist es wirklich groß.
Von Eric PfeilEs ist immer das Gleiche mit erfolgreichen Rockbands: Treten sie in die Phase ihrer dritten, vierten Platte, werden zum Zwecke der Weiteraufblähung gerne Vokabeln wie „Neuerfindung“, „Richtungswechsel“ oder „Weiterentwicklung“ auf den Tisch gepackt. In manchen Fällen wird es so schlimm, dass man gar nicht mehr das Gefühl hat, es mit Popmusikern, sondern vielmehr mit einer Partei auf Selbstfindungssuche zu tun zu haben. Das Beispiel U2 entlarvt all das Gerede am schönsten: Keine Band hat sich so lautstark regelmäßig neu erfunden wie die ehemaligen Weihrauch-Waver, späteren Amerika-Eroberer und heutigen post-ironischen Pop-Politiker. Trotzdem sind sie noch dieselben Pathos-Rocker wie in den Achtzigern.
Eklatante Weiterentwicklungen werden ohnehin immer nur Bands nachgesagt, die eitel genug sind, derart wichtigtuerische Kategorisierungen überhaupt für sich in Anspruch zu nehmen. Chris Martin, U2-Fan und Sänger von Coldplay, einer der erfolgreichsten Bands dieses Jahrzehnts, spricht dieser Tage oft von „künstlerischer Relevanz“, wenn er die Sound-Veränderungen auf „Viva La Vida“, der neuen Platte seiner Band, erklärt. Auch das ist so eine Formulierung: Es sind immer nur die Streber, die von Relevanz im Pop reden. Die anderen scheren sich nicht drum und machen trotzdem meistens die besseren Platten.
Die Vulgarität der Gefühle
Vor diesem Hintergrund muss es manchem den Angstschweiß auf die Stirn getrieben haben, als erste Informationen über die Entstehungsbedingungen der neuen Coldplay-Platte durchsickerten: Atmosphären-Guru Brian Eno und der Arcade-Fire-Mann Markus Dravs seien zu gleichen Teilen für die Produktion mitverantwortlich; bereits im Dezember 2006 habe man mit den Aufnahmen begonnen; man experimentiere mit nordafrikanischer Rhythmik und habe Chöre in einer Kirche in Barcelona aufgenommen; sogar ein Hypnotiseur sei für einen Tag in den Probenraum geladen worden. Auch wenn kein eigens eingeflogener Fußreflexzonen-Guru erwähnt wird, klang all dies nach Verzettelung und verschwenderisch dotierter Künstler-Hybris.
Doch auch wenn man sich schon längst gegen die ernsten britischen Gefühlsvulgaristen in Position geworfen hatte, durfte man gespannt sein, wie die Platte – immerhin das lang erwartete vierte Album einer der letzten Bands, die den Eindruck erwecken könnte, in der Musikindustrie sei noch Geld zu verdienen – denn nun klingt. Da kaum anzunehmen war, dass Coldplay an Enos Brust oder der irgendeines Hypnotiseurs plötzlich zu einer wahnsinnig tollen Band wachsen würden, musste die von dieser Platte zu beantwortende Frage ohnehin wohl so lauten: Schaffen es Coldplay, ihren Kritikern ein Schnippchen zu schlagen und noch mal drei, vier Songs zu schreiben, gegen deren Pop-Appeal sich selbst die nicht wehren können, die der Band am liebsten auch noch die akustischen Verbrechen ihres Epigonen James Blunt anhängen möchten?
Karges Pathos, schwelgende Emotion
Der Anfang, das Instrumental „Life In Technicolor“, lässt nicht eben das Beste vermuten: Es klingt exakt wie ein von Brian Eno produziertes Coldplay-Stück, nur ohne Gesang; ein bisschen auch wie eine wiedervereinte Krautrockband, die in einem Fußballstadion die Musik für einen Völkerverständigungs-Kinospot probt. Es folgt „Cemeteries of London“, das leider nicht halb so gut ist, wie der Titel verspricht: Chris Martin singt gewohnt emotionsheischend durch die Nebenhöhlen; der Song selbst hört sich an wie die Achtziger-U2 in einer 2008-Nachstellung. Ratlos starrt man auf das Cover, einen Ausschnitt aus dem Delacroix-Gemälde „La liberté guidant le peuple“.
So hat man sich das vorgestellt: Wenn jetzt noch das Wetter schlecht wird, hat man wirklich Probleme . . . Und dann passiert es: Mit „Lost!“ nimmt das Album Fahrt auf und wird richtig gut. Dieses Stück, ein rustikaler, weißer Pseudo-Gospel, besteht fast nur aus wildem Getrommel und einer kathedralengroßen Orgel. Zwar beherrscht Chris Martin immer noch nicht mehr als Poesiealbumsprüche für Indie-Mädchen („Just because I’m losing, doesn’t mean I’m lost“); aber so karg kann man Pathos ruhig inszenieren, ohne einfallslos zu wirken. Hoffentlich erzählt Brian Eno, der schon am neuen U2-Album bastelt, seinem Kunden Bono davon.
Das Herz hüpft
Noch besser ist das bereits veröffentlichte „42“: Zuerst hört man Martin waidwund am Klavier – so hätte es entfernt geklungen, wenn sich Lennon auf seinen frühen Solo-Platten hätte gehen lassen. Dann ein Tempowechsel: Wir hören ein digital bearbeitetes Schlagzeug und ein hinter flirrender Elektronik verschwindendes Gitarrenthema, das bald verzerrt gedoppelt wird. Dann kippt der Song noch mal: „You didn’t get to heaven, but you made it close“, singt Martin zur hingeworfensten Copldplay-Melodie aller Zeiten, und das Herz hüpft. In solchen Momenten zeigt sich die Kraft kompetent auf die Drüsen drückender Popmusik: Man ist doch viel dümmer, als man immer dachte. Und ganz schön leicht zu kriegen. Ein tolles Gefühl.
Auch der Titelsong ist ein Popsong, dem man noch oft wiederbegegnen möchte: Zu donnernden Pauken und einem Geigen-Arrangement singt Martin eine himmelstürmende Melodie. Der Kniff hier: Das Lied hält konstant die Spannung und entlädt sich – anders als sonst so oft bei Coldplay – nicht in einem plumpen, spekulativen Refrain.
„Viva La Vida“ ist ein ab und zu grandioses, wenngleich freilich kein perfektes Album; dafür nimmt es sich dann doch deutlich zu ernst. Womöglich wurde für eine wirklich tolle Platte auch zu viel nachgedacht. Welche offene Klischee-Türe Coldplay beim nächsten Mal in ihren Verlautbarungen einrennen, ist beinahe vorherzusehen: vermutlich jene mit der Aufschrift „Basis-orientiertes Rock-Album“, durch die zuletzt REM im Taumel neuanfänglicher Glücksseligkeit schritten. Es muss schlimm sein, eine Großband zu sein. Immerhin fallen zwischen all den Planspielen und esoterischen Indianertänzen manchmal ein paar schöne Songs für uns ab.