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Neue Alben von Bob Dylan : Die Vollendung des Genies

  • -Aktualisiert am

Geburtsstunde eines Heldenzeitalters: Bob Dylan im Video zum „Subterranean Homesick Blues“ aus dem Jahr 1965. Bild: Foto aus dem Band Robert Shelton: "Bob Dylan. No Direction Home", von Robert Shelton, Edel Verlag

Bob Dylans Nachlass ist schon zu Lebzeiten unerschöpflich. Die frischeste Lieferung - die achtzehn CDs von „The Cutting Edge“ - stammt aus seiner größten Zeit, den Jahren 1965 und 1966. Und sie ist eine Sensation.

          Es war das heroische Zeitalter der Rockmusik, es waren die Jahre 1965 und 1966, und es ist alles längst in die „legenda aurea“ der Rockmusik eingegangen. Gerade darum muss man sich noch einmal vor Augen halten, was da vor einem halben Jahrhundert geschah: Der dreiundzwanzigjährige Bob Dylan, Wortführer der Folk-Szene und jugendlicher Held der Beat Poets, schreibt und produziert innerhalb von vierzehn Monaten drei Rock-Alben, mit denen er die Welt der populären Musik für immer verändert - und, da er mit den neuen Sounds auch eine neue Songpoesie erfindet, diejenige der Literatur gleich mit. Auf „Bringing It All Back Home“ folgen „Highway 61 Revisited“ und, als erstes Doppelalbum der Rockgeschichte, „Blonde On Blonde“. Das Risiko, dass Dylan damit seinen Star-Status verspielte, war größer, als es im Rückblick erscheint. Nicht zufällig ertönte im Manchester-Konzert am 17. Mai 1966 der Ausruf „Judas!“, mit dem empörte Folk-Puristen den elektrifizierten Surrealismus ihres Idols zum Verstummen bringen wollen.

          Doch der schöpferische Ausbruch ereignet sich mit unaufhaltsamer Gewalt und Geschwindigkeit. Schreiben und Aufnehmen gehen ineinander über; zeitweise verlegt der Sänger seinen Wohnort ins Studio. Weil der Strom der Einfälle kein Ende nehmen will, zieht er sich während der Aufnahmen immer wieder zurück, um einen Song umzuschreiben, der dann rasch eingespielt werden muss, weil schon die nächsten Ideen herandrängen. Zwischendurch absolviert Dylan aufreibende Tourneen und schreibt, als wäre er noch nicht ausgelastet, nebenbei noch die Kurzprosa des Bandes „Tarantula“, den er später verwerfen wird, weil ebendiese Songs ihn überflüssig gemacht haben.

          Spektakulär ist die schiere Fülle des Materials, das in diesen Monaten entstand. Und spektakulär ist seine Qualität. „Like A Rolling Stone“, aufgenommen im Juni 1965, wurde zum Inbegriff der Revolution, die sich hier vollzog, zu ihrer „Marseillaise“. Aber daneben stehen „Mr. Tambourine Man“, „Gates Of Eden“, „It’s Alright, Ma“, „Farewell Angelina“ - die Liste der kanonisch gewordenen Titel wäre ungefähr so lange fortzusetzen, wie es dauert, das erste Album abzuspielen. Es gibt stärkere und schwächere Songs aus dieser Phase, aber keinen schwachen. Die meisten davon sind allerdings inzwischen so oft gespielt worden, dass es schwerfällt, sich eine Zeit vorzustellen, in der sie noch nicht da waren: die Stille der Welt vor Dylan. Weil die Helden dieses Heldenzeitalters sie ihrem Autor aus den Händen rissen, um sie in Hits zu verwandeln, von den Byrds bis zu Jimi Hendrix, weil die Songs bald in aller Ohren und aller Munde waren, begann Dylan selbst sie im Laufe der Jahre zu zerlegen, um Platz zu schaffen für Neues.

          Vom Geheimnis schöpferischer Intelligenz

          Was also ist zu tun, um die Revolution noch einmal als Revolution spürbar werden zu lassen, um eine Kunst noch einmal zu erleben, die in Klischee und Legende zu erstarren droht? Die Antwort, die Dylans rührige Herausgeber bei Columbia Records jetzt gefunden haben, ist verblüffend: Man spielt sie in Echtzeit noch einmal ab. „The Cutting Edge“, so der einfallslose Titel, dokumentiert alle Aufnahmen in beispielloser Vollständigkeit. Kern des Unternehmens ist die achtzehn CDs umfassende Wiedergabe jedes Worts und jeder Note, die aus diesen magischen Monaten erhalten geblieben sind. Sagenhafte sechshundert Dollar kostet die „Collector’s Edition“; und wer argwöhnt, das sei Geldschneiderei für eine geduldige Fangemeinde, dem sei hiermit versichert, dass ausnahmsweise jeder Dollar gut angelegt ist. Da natürlich niemand das glaubt, hat Columbia auch eine auf sechs CDs gekürzte Version und noch ein aus zwei CDs bestehendes „Best of“ produziert, ungleich billiger - und langweiliger (Bob Dylan: „The Cutting Edge 1965 - 1966“. The Bootleg Series Volume 12, Columbia Records. 2, 6 oder 18 CDS, zwischen 20 und 600 Dollar).

          Denn anders als in den meisten der bisherigen Alben von Dylans Bootleg Series, als deren zwölfte Folge „The Cutting Edge“ erscheint, sind hier kaum neue Song-Entdeckungen zu machen. Für sich genommen, weichen die Aufnahmen nur in Instrumentierung, Tempo und Timing vom Bekannten ab. Darum werden am ehesten diejenigen enttäuscht sein, die sich die kürzeste Ausgabe kaufen. Natürlich ist es ganz lustig, „Mr Tambourine Man“ mit lärmender Tamburinbegleitung und „Just Like A Woman“ als latino-getönte Rocknummer zu hören. Doch neben dem flüchtigen Aha-Effekt bleibt doch vor allem die Gewissheit, dass die auf den Alben gelandeten Versionen die besten waren.

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