Ein Hotel in Hamburg, draußen regnet es sehr ungemütlich, drinnen sitzt Nena auf einem Sofa und gibt Interviews, um ihre neue Platte „Du bist gut“ (Laugh & Peas / Tonpool) vorzustellen, die einmal quer durch alle Popgenres spaziert. Wenn Nena, 52 Jahre alt, schwarze Haare, der Schmuck klimpert laut an ihren Armen, lacht, und das tut sie oft, möchte man am liebsten keine weiteren Fragen mehr stellen, sondern einfach nur das Band laufen lassen.
Sind Sie nach 17 Alben eigentlich immer noch aufgeregt, wenn eine neue Platte herauskommt?
Bei der ganzen Arbeit, die so ein Projekt mit sich bringt, ist es völlig okay, auch mal total ungelassen und verkrampft zu sein. Wir wissen, wie viel Kraft und Energie in diesem Album steckt, das gibt mir ein total gutes Gefühl. Aber das habe ich nicht immer gehabt. Es gab Alben, bei denen ich kurz vor der Veröffentlichung wusste: Das könnte auch heikel werden. Die neue Platte ist eine halbe Stunde, bevor sie ins Presswerk musste, fertig geworden. Ich weiß nicht, warum man sich immer wieder in so einen Stress manövriert, aber irgendwie gehört es dazu.
Gerade hat auch die neue Staffel Ihrer Castingshow „Voice of Germany“ begonnen. Wünschen Sie sich manchmal, morgens aufzuwachen und nichts zu tun zu haben?
Das wäre ja meine Verantwortung. Ich kann es schon absolut genießen, mal Tage zu haben, an denen nichts zu tun ist, das hätte ich mir vor ein paar Jahren auch nicht vorstellen können - aber wenn man etwas älter wird... Ich renne seit zehn Jahren durch die Gegend und sage, es wird weniger. Aber irgendwie scheint das für mich noch nicht dran zu sein. Das Gefühl, alles erreicht zu haben, kenne ich gar nicht, und wahrscheinlich bleibe ich deshalb immer in Bewegung. Letztes Jahr war ich eine Weile richtig krank, zum ersten Mal in meinem Leben. Jetzt höre ich auf die Signale, und wenn es unter der Kniescheibe zwirbelt, dann weiß ich, was ich zu tun habe.
Sie haben mit 17 in Ihrer ersten Band gesungen, Sie waren 22 bei „Nur geträumt“ und 23 bei „99 Luftballons“, danach ging es immer schneller - wann ist Ihnen klar geworden: Das bin ich, Nena, hauptberuflich Popmusikerin?
Ich habe irgendwann eine Familie gegründet, und als ich das Geld dann nicht mehr für mich allein verdient habe, wurde mir klar: Das ist ja ein echter Beruf! Aber es ist wechselhaft. Es gibt eine Basis, die über die Jahre entstanden ist. Die ist auch nicht wacklig. Aber wenn ich dann auf der Bühne stehe oder im Fernsehen sitze und die Kamera ständig auf mich draufhält: da weiß ich oft nicht genau, was ich da eigentlich mache. Mit den Jahren kommt schon eine Professionalität, das ist sehr hilfreich und schön, gerade wenn man ein neues Projekt startet. Aber wir hören auch nicht auf, uns den Raum zu geben, ganz kindlich an neue Ideen heranzugehen und unserem Herzen zu folgen.
Sie haben mal gesagt, dass man ein gefühlvolles Lied singen können muss, ohne selbst dabei traurig oder glücklich zu sein. Ich fand das ungewöhnlich, wenn man an persönliche Lieder wie „Wunder gescheh’n“ denkt, die Sie im Laufe Ihrer Karriere gesungen haben.
Man ist sehr festgelegt, wenn man sich immer voll in das hineinbegibt, was man gerade singt. Und wenn dann auch noch Leute zuhören, wird es sehr eng. Ich habe schon den Anspruch, mich mit den Menschen zu verbinden und nicht von vornherein auf Distanz zu gehen. Aber man muss sich immer wieder auch selbst erlauben, Lieder anders zu interpretieren.
Macht das dann einen Entertainer aus? Dass er sich von seinen Gefühlen trennen kann und dabei trotzdem glaubwürdig bleibt?
Ich muss mich überhaupt von gar nichts trennen. Aber ich habe die Freiheit, meine Lieder und Texte so zu singen, wie ich sie in dem Moment fühle. Ich hab’ auch schon erlebt, dass ich bei ernsthaften Stellen einen totalen Lachflash bekam, weil ich es so ernst fand, dass es schon wieder komisch war.
Sie erleben ja in Ihrer Castingshow jetzt viele junge Sänger. Muss man lernen, mit den eigenen Gefühlen auf der Bühne zurechtzukommen?
Das ist die Herausforderung für jeden, der auf eine Bühne geht. Bei den Leuten, die sich in der Show vorstellen, ist es sehr unterschiedlich. Aber wenn jemand nur mit Angst und Selbstzweifel kommt, wird es schwierig, obwohl ich glaube, dass ich Leute ganz gut motivieren kann. Aber da stößt man manchmal an Grenzen. Man muss schon gern auf die Bühne wollen.
Die neue Platte hat so etwas wie ein Leitmotiv: Du bist gut! Sag dir das selbst! Sag das anderen! Wo, würden Sie sagen, kann man das auch in der Musik hören?
Das kann man vor allen Dingen in meinen Texten hören, aber auch beim letzten Lied auf meinem Album, dem Titelsong. Da habe ich alles selbst programmiert, etwas, das ich vorher noch nie gemacht hatte. Der Entstehungsprozess des Songs könnte also exemplarisch für die Motivationsformel „Du bist gut“ stehen: das Ausschöpfen seines eigenen Potentials, offen und mutig etwas Neues zu probieren.
Die neue Platte wirkt ein bisschen so, als hätte Ihre Fernsehshow, in der ja die Kandidaten ständig andere Genres singen, auf Sie abgefärbt - als stünden Sie in einem Sturm von Einflüssen, die Sie nicht sortieren, sondern erst mal einfach auf die Platte packen.
Ich gehe mit größter Offenheit in ein Projekt und denke, das ist es, was man auf der Platte hört - die Freiheit, die wir uns nehmen. Und da geht noch viel mehr. Ich arbeite daran, dass ich in meinem Leben immer freier werde.
Sie haben seit langem auch ein eigenes Label. Sie sind da zur Geschäftsfrau geworden?
Nicht in dem Sinne, dass ich daran arbeite, aus zwei Euro unbedingt 300 zu machen. Ich habe eine Einstellung zu Geld, die sich bewährt hat: Man muss immer was im Portemonnaie haben, aber vor allem musst du Geld auch ausgeben! Es muss fließen, damit es zu dir zurückkommt.
Ich meinte eher: Sie haben Angestellte, Sie wissen, wie hoch der Umsatz Ihrer Firma ist ...
Nein, das weiß ich nicht immer ganz genau. Es wäre auch nicht gut für mich. Da habe ich jemanden, dem ich vertrauen kann, das ist mein Mann. Ich habe eine andere Verantwortung: Ich sorge dafür, dass immer was reinkommt. Ich bin kein Sparer, es geht von der Hand in den Mund, aber das ist auch eine Art, in Bewegung zu bleiben.
Spüren Sie eigentlich bei den Kandidaten Ihrer Show, dass sie unter größerem Druck stehen als Sie damals, als Sie anfingen?
Diesen Druck mitzubringen ist eigentlich nicht Sinn der Sache. Es ist heutzutage so festgelegt, was es heißt, erfolgreich zu sein, Musik zu machen und damit sein Geld zu verdienen. Ich versuche, den Kandidaten diesen Druck zu nehmen. Nichts hängt von irgendeiner Fernsehshow ab. Als ich mit meiner ersten Band angefangen habe, war ich 17, und damals wusste ich noch nicht mal, dass es goldene Schallplatten gibt. Es ging darum, Musik zu machen und Spaß damit zu haben. Diesen Raum sollte man sich geben. Da kann die Castingshow noch so toll sein und anders als andere: Du musst selbst einfach richtig erfüllt sein von dem, was du tust, und daraus deine Kraft ziehen.
Waren Sie unschuldiger damals?
Also, Schuld gibt’s ja für mich sowieso nicht. Ich war unbedarft und habe mich vollkommen treiben lassen. Ich habe im Grunde nur mich wahrgenommen, und daraus ist dann alles entstanden.
„Solange du dir Sorgen machst, was andere von dir denken, gehörst du ihnen und nicht dir“, singen Sie auf der neuen Platte. Können Sie wirklich ausblenden, was über Sie so alles geschrieben und gesagt wird?
Es wird immer Menschen geben, die dein Tun und Handeln nicht nur schlechtreden, sondern einfach nicht respektieren wollen, dass du anders bist als sie. Ich kann das sehr gut ausblenden, und in meinem Zentrum ist es mir tatsächlich egal, was andere Leute von mir denken. Das war schon in meiner Kindheit so, aber es gibt natürlich auch immer wieder Momente, wo mich etwas verletzt - und dann beobachte ich mich selbst dabei, wie ich mit diesem Gefühl umgehe.
„Voice of Germany“ ist sehr gelobt worden dafür, das Gegenmodell zu sämtlichen Castingshows zu sein. Die Jury würdigt niemanden herab, Zynismus ist verboten.
Das war die Grundvoraussetzung. Ich würde nie jemanden in Grund und Boden demütigen und mich darüber auch noch freuen. Es war klar, dass wir das alle nicht wollen, und das Konzept der Show war ja auch von Anfang an darauf ausgerichtet, den Leuten respektvoll zu begegnen...
Was ja eigentlich selbstverständlich sein sollte.
... auch wenn ich vor meiner Zusage Zweifel hatte, dass die es damit wirklich ernst meinen. Und so schön wie das jetzt läuft, darf es sich auch gerne immer weiter entwickeln. Man will sich ja nicht darauf ausruhen, dass man anders ist als die anderen, das zählt irgendwann nicht mehr. Diese Show hat das Potential, ständig zu wachsen und sich neu zu erfinden. Und ich persönlich wünsche mir zum Beispiel, dass es bald normal ist, dass die Leute immer mehr eigene Songs singen - statt Coverversionen.