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Zum Tod von George Michael : Der letzte Prinz

Er, das einstige Teeniewunder, servierte uns makellose Popstücke in unterschiedlichen Tonlagen: George Michael Bild: Reuters

Die Riesen, sie sterben: Mit George Michael verliert die Popwelt im Jahr 2016 ihre nächste Größe. In den Neunziger Jahren erlebte der Meister des Eklektizismus sein Schreckensjahrzehnt. Sein Gefühl hat ihn schließlich nicht getrogen.

          George Michael war mit seinem musikalischen Hedonismus einer der größten Helden der achtziger Jahre, und doch hat seine persönliche, man kann es jetzt nicht mehr anders sagen: Tragik etwas exemplarisch Heutiges. Sexuell lange Zeit uneindeutig, mit dem Ruhm hadernd, um seine Intimsphäre auf widersprüchliche Art kämpfend und dem Widerstreit zwischen wirtschaftlichen und künstlerischen Interessen auf besonders krasse Weise ausgesetzt, erscheint er uns nun als sehr zeitgenössische Figur, obwohl seine Musik in der zweiten Karrierehälfte nicht annähernd mehr die Rolle spielte wie in der ersten.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Der 1963 in Nordlondon Geborene war ein Teeniewunder, dessen Komplettheit sich mit der Steve Winwoods vergleichen lässt. Als Mastermind des Duos WHAM!, der die Songs schrieb, arrangierte, produzierte und sang, überführte er den hochkommerziellen Motown Soul der Sechziger in eine zeitgenössische Form, bereichert um Karibik- und Dance-, aber strikt ohne Rock-Elemente, deren gitarristischer Vitalität er misstraute. „Wake Me Up Before You Go-Go“, „Club Tropicana“, „I’m Your Man“ oder „Freedom“ waren makellose Popstücke, die Michael in unterschiedlichen Tonlagen servierte: viril oder feminin, aufgedreht oder introvertiert, meistens schmachtend und verletzlich. So wurde er eine nahezu idealtypische Figur, der „Kronprinz des Pop“, ein Titel, den ihm damals allenfalls Prince und Michael Jackson streitig machen konnten.

          Als sich Mitte der achtziger Jahre geschäftliche Turbulenzen ergaben, nutzte Michael die Gelegenheit und machte sich selbständig, nachdem schon Singles unter eigenem Namen erschienen waren: „Careless Whisper“ und „A Different Corner“, vor allem Letzteres ein Ding von bleibender Schönheit. Das Plattendebüt „Faith“ (1987) geriet ihm auf Anhieb zum Triumph und wurde mit annähernd 20 Millionen Verkaufsexemplaren eine der erfolgreichsten Platten der Popgeschichte. Michael zeigte sich hier als Meister des Eklektizismus, der über die wichtigsten Register der Unterhaltungsmusik, besonders die schwarzen, verfügte: Das Titelstück ließ er mit einer Kirchenorgel beginnen und als quirlige Akustikminiatur enden, mit dem Skandallied „I Want Your Sex“ zeigte sich er sich den schlüpfrigen Herausforderungen durch Prince gewachsen, „Father Figure“ kehrte die Spiritualität und Getragenheit, die seiner Musik prinzipiell eignen, ganz nach außen.

          Sein Perfektionismus stand ihm im Weg

          Mochte die Kritik die Geläufigkeit, mit der er die Stile miteinander verband, und den Willen zum Klischee, mit dem er sie darbot, auch beanstanden – George Michael hatte sich als maßgeblicher weißer Soul-und-Funk-Musiker von großem künstlerischem Ernst etabliert und sich zwischendurch im Duett mit Aretha Franklin („I Knew You Were Waiting For Me“) als ebenbürtiger Partner erwiesen. Er stand auf dem Höhepunkt seiner schöpferischen Kraft. Die drei Jahre, die er für das vielsagend in Richtung Kritiker betitelte Nachfolger „Listen Without Prejudice Vol. 1“ brauchte, deuteten allerdings schon seinen Perfektionismus an, der ihm noch zu schaffen machen und ihn, im Zusammenwirken mit einer seelischen Erkrankung und Streitigkeiten mit der Plattenfirma Sony, zeitweise vollends lahmlegen sollte. Dieses insgesamt recht homogene Album aber enthielt in Gestalt von „Freedom 90“ und „Praying For Time“ überragende, sanft mitreißende oder raffiniert befriedende Popsongs von unverminderter Qualität; immer noch konnte sich sein Tenor von niedrigstem Schlafzimmer-Hauch emporschwingen zu absolut festen Schmetter-Tönen; immer noch waren die Arrangements und die Instrumentierung auf eine Weise subtil, die sich erst nach mehrmaligem Hören erschloss.

          Das britische Pop-Duo „Wham!“: Andrew Ridgeley (links) und George Michael, aufgenommen 1986 während ihres Abschiedskonzerts im ausverkauften Wembley Stadion in London. Bilderstrecke
          Das britische Pop-Duo „Wham!“: Andrew Ridgeley (links) und George Michael, aufgenommen 1986 während ihres Abschiedskonzerts im ausverkauften Wembley Stadion in London. :

          Die neunziger Jahre wurden dann sein persönliches Schreckensjahrzehnt: Familiäre Verluste, Drogen, mehrmalige Verhaftungen und Gefängnisaufenthalte versorgten die Öffentlichkeit ersatzweise mit Stoff und machten ihn vollends zur Yellow-Press-Beute, während seine ohnehin wenigen, handwerklich perfekten, aber teilweise auch etwas langweiliger gewordenen Platten in immer größeren Abständen erschienen. Schon rein akustisch trat eine Tendenz zur Selbstverliebt- und Selbstverlorenheit hervor, manches klang wie in Watte gepackte Affektiertheit – eine Charaktereigenschaft, aus der Michael auch nie einen Hehl gemacht hat, ohne dabei je schrill zu wirken. So wurde ihm die Produktivität zum Problem. Von einem Reporter einmal zur Rede gestellt, warum er nicht, wie etwa sein Kollege Phil Collins, andere, jüngere Künstler produziere oder mit Material versorge, antwortete er ehrlich: weil er die paar Ideen, die er habe, für sich selbst benötige.

          Sein schmales Werk gehört freilich zum Bleibend-Wertvollsten des Popbestands. Man hört und liest im Nachhinein manches anders. Unverkennbar aber brachen schon beim ganz jungen George Michael durch die Unbeschwertheit seiner Musik und seiner Auftritte so etwas wie Melancholie und Trauer durch. „Ich habe“, sagte er einst, „das Gefühl, ich werde nicht sehr lange leben. Es ist nicht bloß die Angst vor dem Alter oder geheimer Todeswunsch, es ist ein bestimmtes Gefühl.“ Dieses Gefühl hat ihn nicht getrogen. Aber es ist besonders merkwürdig, dass dieser außergewöhnliche Musiker, dessen „Last Christmas“ die Welt seit dreißig Jahren aufs Fest einschwört, sie ausgerechnet jetzt verlassen hat. Am ersten Weihnachtstag ist George Michael, der eigentlich Georgios Kyriakos Panagiotou hieß, im Alter von 53 Jahren gestorben.

          Popsänger : Trauer in der Musikwelt um George Michael

          Quelle: F.A.Z.

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