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Veröffentlicht: 17.07.2012, 16:24 Uhr

Nachruf auf Jon Lord Zwischen allen Tasten

Klassik, Rock et cetera: Er war einer der wichtigsten Komponisten und Interpreten der damals sogenannten progressiven Musik. Zum Tode des britischen Deep-Purple-Organisten Jon Lord.

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© Getty Images Schwerblütiger Begleiter, freier Vordenker: Jon Lord an der Hammondorgel

„Rock meets classic“ (oder umgekehrt) ist eine schwer in Verruf geratene Maxime. Das liegt an den Unberufenen, die sie sich zu eigen gemacht haben, Sänger, aber auffällig oft auch Geiger, die meinten, man könne das eine - Emphase, Geschwindigkeit, allgemein auch Aggression - ganz umstandslos hinüberretten in eine Sphäre, die durch und durch Struktur ist und in der Bluffs und Posen auf die Dauer dann doch nicht funktionieren.

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So gesehen, ist es nicht unbedingt ehrenvoll, Jon Lord den Erfinder dieser Unart zu nennen. Er ist es aber (wenn man von Keith Emerson absieht), und zwar in einem durchaus ehrenwerten Sinne. Lord, der 1941 in Leicester geboren wurde, Musik studiert und auch eine Schauspielschule besucht hatte, fing, nach Lehrjahren in kleineren Jazz- und Rockcombos, mit dem professionellen Musizieren an in einer Zeit, als es noch ein Statement war, wenn sich eine Rockgruppe auch einen Organisten/Keyboarder hielt, und zwar keinen, der nur so ein paar Akkorde klimpert, damit es nicht gar zu eintönig wirkt, sondern der mit seinem Instrument sehr eigene Ideen verfolgt. Dies tat das Gründungsmitglied von Deep Purple ohne Zweifel, und seine von Anfang strikt aufs klassische Großformat zielenden Ambitionen waren wohl mitursächlich für eine jahrzehntelange Beziehung zum Brutalo-Gitarristen Ritchie Blackmore, für die das Wort „Hassliebe“ deutlich zu schwach ist - das ging bis zu Prügeleien auf offener Bühne.

Dröhnend wie eine Kirchenorgel

Dabei funktionierte die Klassik-Rock-Antinomie in Deep Purples Frühphase tadellos; Lord konnte den Ball gewissermaßen in der eigenen Hälfte und sich selbst mit dem „Concerto for Group and Orchestra“ sowie der „Gemini Suite“ bis 1970 als Band-Chef halten. Aber dann kam mit den Platten „In Rock“ und „Machine Head“ wahrhaft klassisches Material. Zwar ließen ihm Rock-Kurzopern wie „Child in Time“ oder „Lazy“ noch genügend Platz für auch luftigere, fast frei improvisierende Läufe, aber auf den Hardrock-Großtaten „Smoke on the Water“ und „Highway Star“ sah er sich an seiner Hammondorgel überwiegend in die Rolle eines schwerblütigen Begleiters gedrängt, während Blackmore seine sechs Saiten malträtierte und Ian Gillan sich die Seele aus dem Leib schrie. Jon Lord waren die Flügel gestutzt.

Nach dem, wie sich herausstellen sollte, nur vorübergehenden Ende von Deep Purple festigte Lord seine Stellung als einer der wichtigsten Komponisten und Interpreten der damals so genannten progressiven Musik. Insbesondere das unter Beteiligung Eberhard Schoeners, des nachmaligen „Rock meets classic“-Apostels, eingespielte, barocken Strukturen verpflichtete Album „Sarabande“ (1976) zog das Interesse beider Lager auf sich, ohne dabei plattes Crossover zu sein; das elfminütige „Bouree“ war mit arabisch-nahöstlicher Anmutung ein starkes Stück Weltmusik.

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Depp Purple kamen mehrmals wieder, auf „Perfect Strangers“ (1984) ließ Lord, mitten im allgemeinen Synthesizer-Pop, seine Hammond dröhnen wie eine Kirchenorgel und hielt mit Blackmore leidlichen Burgfrieden. Ohne Projekte, die selten eine eindeutige Richtung einschlugen, war der Mann eigentlich nie. Nun ist Jon Lord, dieser unermüdliche Organist und klassische Rockvor- und Weiterdenker, einundsiebzigjährig in einem Londoner Krankenhaus gestorben.

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