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Musikszene Was ist aus dem Deutsch-Pop geworden?

06.04.2006 ·  Die jüngsten Platten von „Wir sind Helden“ und „Tomte“ enttäuschten. In diesen Tagen gibt es Neues von den „Sternen“ und von „Blumfeld“ - und plötzlich merken wir: Der Zauber vergangener Tage ist verflogen. Was ist geschehen?

Von Richard Kämmerlings
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Der deutschsprachige Pop war einmal ein großes Versprechen. Das ist keine zehn Jahre her. Es war Mitte der Neunziger, als schlagwortartige Songs wie etwa „Die Welt kann mich nicht mehr verstehen“ von „Tocotronic“ oder „Was hat dich bloß so ruiniert“ von den „Sternen“ zu schillernden Leitsätzen einer Generation werden konnten, die deutschen Pop bis dahin nur in schlechter Kinderzimmererinnerung aus Neue-Deutsche-Welle-Zeiten hatte, als Oldie-Disco-Brüller a la „Völlig losgelöst“ oder Grönemeyer-Kuschelrock.

„Über Sex kann man nur auf englisch singen“ hieß es noch auf dem ersten „Tocotronic“-Album von 1995 und: „Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk.“ Man war es aber irgendwie doch, jedenfalls erreichte kluge deutschsprachige Rockmusik ohne jeden Peinlichkeitsverdacht ein neues, junges Massenpublikum. Zugleich machte die Bewegung, parallel zum Erfolg der Popliteratur, ihre Gefangenen unter den Wortführern intellektueller Gegendiskurse. „Ich-Maschine“ und „L'Etat et Moi“, die ersten Alben der Hamburger-Schule-Meisterdenker von „Blumfeld“, überzeugten auch germanistische Oberseminaristen von der „Unmöglichkeit, ,nein' zu sagen, ohne sich umzubringen“; während auch die scheinbar naiv-ungestümen, in Wahrheit im klassischen Sinne sentimentalischen Lo-Fi-Rocker von „Tocotronic“ plötzlich ein Studentenpublikum zum Pogo-Tanzen und Feuilletonisten zu Songzitaten animierten.

Der Zauber ist verflogen. Was ist geschehen?

Während in den Clubs und den Charts die textferne elektronische Tanzmusik auf ihrem Zenit stand, prägten Popschreiber wie Dirk von Lowtzow, Jochen Distelmeyer, Frank Spilker oder auch Bernd Begemann das Kollektivgedächtnis wie zuletzt in der Aufbruchszeit der frühen Achtziger. In ihnen konnte sich ein mehr oder weniger diffus nonkonformistisches Lebensgefühl auf Halbdistanz zu Konsumgesellschaft und Arbeitswelt wiederfinden. Das richtige Leben, das es im Falschen nicht gab, wurde hier wenigstens auf den coolen Begriff gebracht: „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“ - gerade indem man den Verlust eines Generationszusammenhangs konstatierte, stellte man ihn her.

In diesen Tagen erscheinen nun neue Platten von den „Sternen“ und von „Blumfeld“ - und plötzlich merken wir: Es ist vorbei. Es geht nicht mehr. Der Zauber ist verflogen. Was ist geschehen? Ist Deutschpop nicht nach wie vor äußerst aktuell, ja, ein gewisser Mindeststandard an textlicher und sprachspielerischer Originalität geradezu selbstverständlich geworden? Eben der Erfolg des „unabhängigen“ deutschen Pop jenseits der „Superstar“-Maschinerie konnte bislang wohl verdecken, daß seine Relevanz, seine bewußtseinsprägende Kraft verlorengegangen ist. „Wir sind Helden“, „Tomte“, „Kettcar“ und „Virginia Jetzt!“ - vier hochbegabte deutsche Bands, die in den letzten zwei, drei Jahren von sich reden machten, haben mit ihren jeweils jüngsten Platten allesamt die Erwartung enttäuscht, hier könnte so etwas wie eine einfache Staffelübergabe an die nächste Generation erfolgen.

„Wo ist hier?“

Textlich wie musikalisch versandeten diese so vielversprechenden Aufbrüche in einfallslosem Weiterstricken eines Erfolgsrezepts. Im Willen zum großen kommerziellen Durchbruch verkam die Individualität zur Masche, nah an der Grenze zur Selbstparodie - vor allem bei „Tomte“, die eine fatale Selbstmythisierung zum Sprachrohr einer Generation dazu verführte, jede von ihnen besungene Alltagstrivialität für zeichenhaft zu halten. „Buchstaben über der Stadt“ heißt in schönster Hybris deren jüngstes, äußerst erfolgreiches Album - jede Zeile eine Werbebotschaft in eigener Sache, deren allgemeine Bedeutung doch nur lautstark behauptet wird: Zur Wir-Maschine wird man nicht allein dadurch, daß man sich zum Nabel der Welt erklärt.

Angesichts dieser Misere richtet sich der Blick wieder auf die Veteranen. An deren Werken ließen sich doch immer noch geistige Gezeitenwechsel ablesen, gerade als seien heutzutage die Popkünstler wie Kafkas „vorgehende Uhren“ - „Blumfelds“ düsteres vorletztes Werk „Testament der Angst“ erschien kurz vor dem 11. September 2001. Gerade ist „Räuber und Gedärm“, das neue „Sterne“-Album erschienen, morgen steht „Tics“ in den Läden, die neue Single von „Blumfeld“, ihr Album „Verbotene Früchte“ folgt in Kürze. Wie sähe nun unsere Gegenwart aus, wenn diese Platten ihren Soundtrack abgäben? Wie ist unsere Position oder, mit den „Sternen“ gefragt: „Wo ist hier?“

Was bleibt, sind Zynismus und Stolz

Der wichtigste Befund zuerst: Die Revolution war gestern. Oder besser: wäre gestern gewesen. Denn heute ist's zu spät. Fangen wir mit den „Sternen“ an, bei denen sich soziale Großwetterlagen in griffigen Zeilen niederschlugen. Der kämpferisch-repolitisierte, fast agitatorische Ton des letzten Albums von 2004 ist auf „Räuber und Gedärm“ heruntergedimmt zu einer resignierten Konsumkritik: Die allgegenwärtige Marktschreierei, die „Ausweitung der Kampfzone“ vom Öffentlichen ins Zwischenmenschliche wird sarkastisch abgebildet, doch das „Wir“, das diese Texte durchzieht, ist eher eine Leidensgenossenschaft als ein potentiell solidarisches Kollektiv.

Ein Umsturz der Verhältnisse wird nur noch wie eine ferne messianischen Hoffnung beschworen: „Es gibt eine Zeit / Es wird eine Zeit kommen / Auf jeden Fall kommt eine Zeit / Und wenn die Zeit kommt, dann haben wir gewonnen / Eine Zeit für den Sänger / Eine Zeit für den Schlagzeuger / Eine Zeit für Keyboard und Baß / Und wenn ihr Glück habt, dann bleibt für euch auch noch was.“ Frank Spilker singt von seinen Zweifeln - „Na, man kann immer noch so tun, als wär' man sicher“ - und seiner Hoffnung, die aber im Grunde auf Selbsttäuschung hinausläuft: „Wenn ich realistisch bin, verlass' ich grundsätzlich nicht das Haus.“ Was bleibt, sind der Zynismus und der Stolz, als Popstar den „Versuchungen“ von Ruhm und Reichtum widerstanden zu haben.

Mein Eskapismus ist die letzte Chance

Hat Jochen Distelmeyer standgehalten? Der Titel des neuen „Blumfeld“-Albums spielt auf den Sündenfall an - mit Distelmeyer in der Rolle des Versuchers. Doch was sind die „Verbotenen Früchte“, von denen gekostet werden darf? Mit jeder Platte haben „Blumfeld“ den Spagat zwischen politischem Anspruch und dem Rückzug in einen idyllischen Privatkosmos weiter vorangetrieben. Musikalisch an der Grenze zum Schlager, war der dialektische Umschlag stets mitgedacht: Sehr her, mein Eskapismus ist die letzte Chance in einer Welt voll entfremdeter Menschen, grauer Wolken und dummer Politiker!

Noch die für das Album nicht repräsentative Vorabsingle „Tics“ hält diesen Zusammenhang fest. Doch sonst haben „Blumfeld“ diesen dialektischen Rettungsanker gekappt. Was bleibt, ist Biedermeier. Beziehungsweise: das Kinderlied. Distelmeyer besingt Schneeflöckchen, den rührigen „Apfelmann“, der auf dem Wochenmarkt seine Früchte, verboten oder nicht, feilbietet, den „April“ oder „Schmetterlings Gang“. Die soziale Wirklichkeit endet im Vorgarten, in dem sich, eben wie im Paradies, nicht nur Fuchs und Hase, sondern auch Löwe und Krokodil gute Nacht sagen. Der Soundtrack könnte auf jedem Kindergeburtstag für Stimmung sorgen (der Favorit der zehnjährigen Tochter ist übrigens „Tiere um uns“). Distelmeyer ist bei der „Mundorgel“, beim urromantische Fahrtenlied angekommen, von seinem „Heiß die Segel“ ist es nicht mehr weit zu „Wenn die bunten Fahnen wehen“.

„Wir werden siegen“

Keine Frage, es sind wunderbare, im wörtlichen Sinne zeitlose Lieder auf dieser Platte, doch um gerade dies nun als Tabubruch, als Feier eines längst ferngerückten Naturverhältnisses, als Traum einer Wiederversöhnung von Welt und Bewußtsein zu verstehen, dazu müßte Otto Normalhörer wohl bis zum Schädel-Hirn-Trauma an der Reflexionsschraube drehen. Und ohne romantische Ironie klingt's schlicht nach Rolf und seinen Freunden auf dem Naturlehrpfad. Auch beim letzten „Tocotronic“-Album gab es solche parodiereifen Irritationsmomente: „Ich mag die Tiere nachts im Wald / Wenn sie flüstern, daß es schallt“, raunte da Dirk von Lowtzow a la Dammwild und deutsche Eiche. Aber der Refrain hatte dann wieder Sprechchor-Qualität: „Aber hier leben, nein danke“. Bei „Blumfeld“ ist es umgekehrt: Hier leben, ja bitte - aber dieses „hier“ gibt's nur in des Sängers Phantasie. Von der Weltflucht zur Bewußtseinsspaltung ist's da nur ein kleiner Tonschritt.

Wie gesagt, die Revolution im Deutsch-Pop war gestern. Und am Ende des Tunnels? Der Sänger Peter Licht, der 2000 mit seinem Elektro-Pop-Hit „Sonnendeck“ schon ein prägnantes Stichwort zur geistigen Situation unserer Zeit lieferte, hat gerade das Büchlein „Wir werden siegen“ veröffentlicht; seine ebenfalls in Kürze erscheinende neue Platte versammelt „Lieder vom Ende des Kapitalismus“. Wenn er dort nostalgisch an die Zeiten erinnert, als wir „unsere Dinge übers Geld regelten“, und dem Kapitalismus, „dem alten Schlawiner“, ein fröhliches Grablied singt („Vorbei, vorhorbei, jetzt isser endlich vorbei“), kann man das ironisch finden oder schlicht albern - es wirkt jedenfalls verblüffender und frischer als vieles andere. Vielleicht kommt sie doch wieder langsam in Gang, die große Wir-Maschine namens Pop.

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