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Musikmesse Popkomm Beethoven oder ich

23.09.2007 ·  Von Untergangsstimmung keine Spur: Auf der Popkomm mochte diesmal keiner von der Krise der Plattenindustrie sprechen. Doch gelöst wurde sie deshalb noch lange nicht. Von Richard Kämmerlings.

Von Richard Kämmerlings
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Krise? Welche Krise? Damals, in den goldenen siebziger Jahren der Schallplattenindustrie, gab es dieses schöne „Supertramp“-Cover mit einem sonnenbadenden, cocktailtrinkenden Herrn, der sich um die apokalyptischen Szenarien jenseits seiner Oase nicht schert. „Crisis? What Crisis?“ hieß die musikalisch eher unerhebliche Platte, die doch zu einem Symbol der siebziger Jahre, von Ölschock und Überbevölkerungspanik, geworden ist.

Die Berliner Popkomm in diesem Jahr fühlte sich ähnlich an: Alles ist erleuchtet, von Untergangsstimmung keine Spur, man verzeichnet einen Ausstellerrekord und lässt den Raubkopierer für ein paar Tage einen guten Mann sein.

Der Geist weht, wo er will

Die Messe am Funkturm ist heller, weiter, großzügiger angelegt als in den letzten Jahren, und gerade die Auftritte der Plattenmultis zeugen nicht von neuer Bescheidenheit: Universal stellt einen spiegelnden Metallkubus mitten in die Halle, ein Monolith wie die Kaaba, auratisch und fremd. SonyBMG macht vollends Ernst mit der Sakralisierung des Musikbusiness: Man hat einen ganz in Weiß gehaltenen Altarraum mit angedeuteten Säulen und von der Decke hängenden Leuchten errichtet, vor dem das Standpublikum wie auf Kirchenbänken sitzt. Tatsächlich tritt regelmäßig ein Gospelchor auf, der etwa „I Still Haven't Found What I'm Looking For“ von „U2“ schmettert.

Wonach man hier im Ernst verzweifelt sucht, ist ein tragfähiges Geschäftsmodell für das Download-Zeitalter. Aber die Standdesigner wollen wohl bekräftigen, dass die Plattenfirmen immer noch mit den tiefsten Sehnsüchten der Menschen Handel treiben. Die Frage ist nur, wie man die Suchenden dazu bringt, für die Erfüllung ihres Verlangens etwas in den Klingelbeutel zu werfen: Der Geist weht, wo er will, und lässt sich immer seltener in die Konservendosenprodukte einer schwerfälligen Industrie abfüllen und unter das Volk bringen. Das macht längst Kirche von unten.

Das Geschäft mit Livekonzerten floriert

Mehr Musik war nie, so fasste es Edgar Berger, Sony-Chef Deutschland, auf einem Podium richtig zusammen. Nie zuvor gab es eine größere Angebotsvielfalt, nie mehr Möglichkeiten, Musik abzuspielen: auf dem MP3-Player beim Joggen, am Computer im Büro, auf dem Handy. Das Interesse an Popmusik, die gewaltige Bedeutung, die sie für das Lebensgefühl und die Identität keineswegs nur junger Menschen hat, ist ungebrochen. Das Geschäft mit Livekonzerten floriert selbst bei völlig überteuerten Preisen.

Zigtausende von Rockfans schlagen sich auch in verregneten Sommern wie diesem ganze Festivalwochenenden um die Ohren. Täglich kann man per Internet in den unterschiedlichsten Musikrichtungen unbekannte Künstler entdecken; man klickt ein bisschen auf Myspace oder Youtube, hört ein personalisiertes Internetradio wie „Last fm“ und hat Hörempfehlungen auf Monate hinaus.

Der Kindertraum der Künstler

Goldene Zeiten also längst wieder - für die Hörer. Schwierig ist es nur für alle anderen: für die Künstler, die sich längst den Kindertraum abschminken dürfen, Popstar zu sein heiße, viel Geld zu verdienen. Für die Plattenfirmen, denen die Felle im globalen Datenstrom wegschwimmen und die händeringend nach neuen Einnahmequellen suchen (nun etwa den Einstieg ins immer lukrativer werdende Eventgeschäft) und zu „audiovisuellen Entertainmentfirmen“ mutieren.

Und auch für die Vermittler, etwa die Musikzeitschriften, denen im Internet kostenlose und meist aktuellere Konkurrenz erwächst. Vom „Ende der Kontrolle“ sprach der Sozialforscher Gerd Leonhard. Beim Pop wird erstmals in großem Maßstab Wirklichkeit, was die alten Medientheorieträume mit der Ermächtigung des Empfängers meinten. Der autonom gewordene Hörer braucht niemanden mehr, der ihm eine Playlist zusammenstellt: weder ein Formatradio noch eine Promokampagne noch den Großkritiker.

Musiker verschenken längst ihre Songs

Vielleicht haben die Franzosen das mit höherer Ironie darstellen wollen, als sie auf ihrem Gemeinschaftsstand einen neuen Peugeot 308 parkten, als wäre man auf der IAA: Die Autobranche erfindet sich bei Absatzkrisen einfach ein größeres, schnelleres, sparsameres Modell. Vergleichbar würde die Lage erst dann, wenn sich im Fernverkehr die Teleportation wie auf dem „Raumschiff Enterprise“ durchsetzt: Der Pop ist schon längst ins Stadium des Beamens eingetreten; und jetzt will Scotty für jeden Trip 99 Cent kassieren.

Aber was ist mit den Künstlern? Denn ohne die gibt es, jedenfalls bis zur Erfindung des rockenden Roboters, auch im digitalen Zeitalter kein Werk. Billy Bragg, das britische Singer/Songwriter-Schlachtross, hatte in seiner sympathischen Mutmachrede zwei Modelle der Zukunft parat: einerseits sich selbst, andererseits Beethoven. Entweder einfach immer weiterschrammeln, auf Konzerten Selbstgebranntes, T-Shirts und sonst etwas verkaufen.

Oder für große Projekte wie die Neunte Symphonie des Freak Folk wie in alten Zeiten einen Sponsor finden. Längst verschenken Musiker ihre Songs, ein prominentes Beispiel war zuletzt Prince, um auf anderen Wegen entlohnt zu werden. „Power to the Artist!“ ist das Schlagwort; die direkte und völlige Kontrolle über die Distribution des eigenen Werks wird in vielen Facetten in den kommenden Jahren ausprobiert werden. Rein künstlerisch betrachtet, gibt es Grund zu feiern, auch das war auf der Popkomm zu erleben, abends, nach Ladenschluss: Das Popgeschäft kommt und geht, die Musik bleibt.

Quelle: F.A.Z., 24.09.2007, Nr. 222 / Seite 39
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