13.03.2008 · E-Gitarre, Schlagzeug und Bass sind gefragte Musikinstrumente - vor allem bei Jugendlichen. Zum Leidwesen der Hersteller und Händler auf der Musikmesse nutzten sie aber oft billige Instrumente aus dem Supermarkt. Und auch die Konkurrenz aus Fernost macht der Musikbranche Bauchschmerzen.
Von Philip EppelsheimDeutschsprachige Bands wie „Sportfreunde Stiller“, „Tokio Hotel“ und „Wir sind Helden“ sind die Vorbilder der Jugend. Unzählige Schülerbands eifern ihnen nach, vor allem die E-Gitarre ist heiß begehrt. Um 9,3 Prozent nahmen die Absatzzahlen 2007 zu. Pop- und Rockmusik sind „angesagt“ und die Musikinstrumentenbranche, die sich in diesen Tagen auf der Frankfurter Musikmesse und der Prolight + Sound präsentiert, profitiert von diesem Trend.
2007 betrug der Umsatz des Handels mit Instrumenten, Noten und Zubehör 910 Millionen Euro nach 900 Millionen Euro im Jahr 2006. Die Musikinstrumentehersteller konnten ihre Umsätze um 2 Prozent auf 420 Millionen Euro steigern. Das „Rockinstrumentarium“ - neben E-Gitarre auch Bass und Schlagzeug - hat sich zu den elektronischen Musikinstrumenten wie Digitalpianos und der Musiksoftware gesellt, die ebenfalls steigende Absatzzahlen verzeichnen. Doch nicht nur die mehr oder weniger bekannten deutschen Rock- und Popbands haben daran ihren Anteil, sondern auch die Musikspiele auf dem Computer- und Spielekonsolenmarkt.
„Die Computerbranche spielt uns in die Hände“
So habe beispielsweise das Spiel Guitar Hero mit seinen Rock- und Metal-Liedern Jugendliche animiert, den Gitarren-Controller gegen eine echte Gitarre zu tauschen, sagt der Präsident der Society of Music Merchants (SOMM), Garry Baumeister. In Amerika gehörten diese Spiele längst zur Animationsstrategie der Musikinstrumentebranche, um Familien in die Geschäfte zu locken. „Damit spielt die Computerbranche uns in die Hände.“ Nicht zuletzt seien auch die Downloads der Lieder, die sich auf den Konsolenspielen befinden, enorm gestiegen. „Sogar richtig alte Lieder.“ Die Kinder wollten dazugehören und eiferten ihren musikalischen Vorbildern nach.
Da verwundert es nicht, dass die Branche mit Zuversicht auf das Jahr 2008 blickt, auch wenn der Dachverband Musikwirtschaft und Veranstaltungstechnik davon spricht, dass angesichts des schwierigen gesamtwirtschaftlichen Umfeldes „Sand im Getriebe“ sei. Neben Neuheiten wie den „Audio Cubes“ - kleinen leuchtenden Würfeln, die an den Computer angeschlossen werden und Musik abspielen - soll die zunehmende Musikbegeisterung der Jugendlichen dabei helfen, 2008 abermals die Umsätze zu steigern. Musik nehme einen immer größeren Stellenwert in der Gesellschaft ein, und zudem werde das aktive Musizieren stärker gefördert, sagt der Präsident des Gesamtverbands Deutscher Musikfachgeschäfte, Arthur Knopp. Es setze sich die Erkenntnis durch, dass Musik für Kinder eine „Schutzimpfung gegen Medienverwahrlosung“ sei. Dies sei auch an den Mitgliederzahlen der Musikschulen zu erkennen. So meldete der Verband der deutschen Musikschulen für 2006 einen Anstieg von 10.000 Schülern. Musikmachen sei wieder „en vogue“, sagt Baumeister. Es habe sich die Ansicht durchgesetzt, dass Musik soziale Kompetenz fördere.
„E-Gitarren sind so günstig wie noch nie“
Zudem hat die Musikbranche mit zahlreichen Initiativen und Projekten aktives Musizieren gefördert. Die Projekte „Bündnis für den Musikunterricht“ und „Initiative: Musik“ sind nur zwei unter vielen. Dabei beschränkt sich die Musikbegeisterung nicht nur auf Rock und Pop. Auch die „Blasmusik boomt effektiv“, sagt die Bundesvereinigung deutscher Musikverbände. Zunehmend versuchen sie auch ältere Menschen anzusprechen.
Die größte Herausforderung für die Branche sei, Musikbegeisterte dazu zu bewegen, sich ein eigenes Instrument anzuschaffen, sagt Yamaha-Manager Ralf Jeromin. Dazu gehöre unter anderem, dass auch die Preise für Instrumente gesenkt würden. „E-Gitarren sind so günstig wie noch nie. Vor zehn Jahren waren diese Preise undenkbar.“ Eine gute E-Gitarre sei für 300 Euro zu bekommen, vor zehn Jahren habe es keine unter 500 bis 600 Euro gegeben. Die günstigen Gitarren seien zumindest für Einsteiger zu gebrauchen.
Extremes Preisdumping
Doch dass Gitarren mittlerweile selbst von Discountern für 50 bis 75 Euro angeboten werden, stößt auch auf Kritik. Frank Scheucher hat vor sechs Jahren gemeinsam mit seiner Frau „Zerberus Guitars“ gegründet. Der Gitarrist aus Speyer wollte ein Instrument entwickeln, das seinen Ansprüchen gerecht wird. Rund 1500 Euro kosten seine E-Gitarren, die er und seine Frau entwickelt und gestaltet haben und die in Kleinserien von 120 Stück in Korea hergestellt werden. Der typische Fan einer Musikgruppe gebe sich vielleicht mit einem 100 Euro teuren Instrument zufrieden, doch seien diese Billigwaren „eigentlich Dreck“. „Das vermiest den Einsteigern den Spaß an der Freude. Die wissen ja nicht, dass es nicht nur fehlendes Können sein muss, sondern auch an der Gitarre liegen kann“, sagt Scheucher.
Unzählige Anbieter tummelten sich auf dem Billiganbietermarkt, es gebe extremes Preisdumping. „Unsere Gitarren sind dann eher etwas für Fortgeschrittene.“ Rund 100 Gitarren verkauft Scheucher im Jahr. Wenn man sich einen Ruf erarbeitet habe, seien die Musiker auch bereit, einen höheren Preis zu zahlen, sagt er. Neben dem Klang sei vor allem das Design wichtig. „Dann hilft nur noch: üben, bis die Finger bluten.“ Denn Computerprogramme und sonstige elektronische Unterstützung könnten das nicht ersetzen.
Konkurrenz aus Fernost
Auch andere Instrumentenhersteller und Händler sehen den aktuellen Trend eher skeptisch. Sie haben auch an dem Boom, von dem die SOMM spricht, und an den gestiegenen Umsatzzahlen kaum oder gar keinen Anteil. „Wo ist der Aufschwung? Ich sehe ihn nicht“, sagt Gitarrenbaumeister Martin Duwe. 2007 habe er spürbar weniger Gitarren verkauft als zuvor. „Der Trend Rock geht an uns vorbei. Wir sind eher auf klassische Gitarren spezialisiert.“ Zudem musiziere die Jugend eher im unteren Preisniveau. Eltern kauften lieber Instrumente in Supermärkten und interessierten sich nicht für die Qualität. „Und hinterher wundern sie sich dann, warum ihr Kind auf einmal keine Lust mehr hat.“ Hinzu komme das riesige Angebot aus den asiatischen Ländern. Die Instrumente seien wesentlich billiger, und zudem werde die Qualität besser, berichtet Duwe. Deutsche Anbieter müssten sich fragen, ob sie mit den Produkten aus Fernost künftig noch konkurrieren können.
Auch die Firma Höfner hält wenig von dem Trend, den die deutschsprachigen Musiker und die Konsolenspiele ausgelöst haben. Man setzt auf den Zugang zur klassischen Musik und - wie es auch Scheucher und Duwe machen - auf zumindest halb professionelle Musiker mit Qualitätsanspruch, die höhere Preise nicht scheuen. Die E-Gitarre will man nicht zum neuen Verkaufsschlager erklären. „Viele steigen doch derzeit auf akustische Instrumente um“, sagt Verkaufsleiter Thomas Jordan. Zwar könne man in den Produktbereichen Gitarre, Streicher und Bögen keine dramatischen Umsatzerfolge verbuchen, doch das sei auch gar nicht erwünscht. „Wir können nicht unter ein gewisses Preislevel gehen“, sagt Jordan. Man müsse sich entweder für Masse oder für Klasse entscheiden. Und zudem seien 4500 Euro für eine handlackierte Gitarre gar nicht so viel.
Statt sich auf den Markt der Musikeinsteiger zu verlassen, setzt Höfner unter anderem auf den „Retro-Stil“. Neuauflagen von Instrumenten aus den sechziger und siebziger Jahren seien gerade bei Britpop-Bands gefragt. Allerdings, sagt Jordan, habe Höfner auch günstige Gitarren, die eine Tochterfirma in China herstelle. Diese seien aber nicht mit Discounter-Artikeln vergleichbar. „Denn dieses Billiggitarren sind schließlich keine Musikinstrumente, sondern reine Klangkörper.“
Warum geht der Aufschwung an deutschen Herstellern vorbei?
Bastian Hoffmann (explorer76)
- 13.03.2008, 11:57 Uhr
Günstige Instrumente nur aus Fernost? Es gibt Alternativen...
Martin Duwe (MartinDuwe)
- 16.03.2008, 20:19 Uhr
Philip Eppelsheim Jahrgang 1981, Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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