Home
http://www.faz.net/-gsd-xpml
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Samstag, 11. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Musikindustrie Das Ende vom Lied

19.09.2009 ·  In diesen Tagen hätte die Popkomm in Berlin stattfinden sollen, die wichtigste Musikmesse auf deutschem Boden. Sie wurde abgesagt, aber das Bedauern darüber hält sich in Grenzen. Streifzug durch eine Branche, die im Bewusstsein lebt, sich auf sparsame Zeiten einrichten zu müssen.

Von Edo Reents
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (5)

Wir würden uns dann, hatte der Mann noch gesagt, am Vogelgehege treffen. Man kommt sich vor wie in einem Spionagefilm, macht sich an einem gewittrigen Spätsommertag auf in die Schweiz, nach Zug in der Nähe von Zürich, läuft vom Bahnhof aus zum See, dort am linken Ufer entlang und sieht dann auch ganz richtig und wie vom Informanten beschrieben das Gehege, in dem exotische Vögel zu sehen sind. Die letzten ihrer Art? Das würde passen.

Der Mann kommt Minuten später als verabredet und spricht in sein Handy hinein. Es fallen die Namen „Steve Blame“ und „Ingrid Steeger“. Steve Blame war einmal ein sympathischer Moderator bei MTV mit einem so obszön aussehenden Oberlippenbart, dass er dafür mit einem nicht zitierfähigen Namen bedacht wurde. Ingrid Steeger ist noch allgemein bekannt. Der Mann stellt das Handy ab und breitet, wie um die prinzipielle Unwägbarkeit solcher Verabredungen anzudeuten, die Arme aus. Er sagt, er komme einen Tick zu spät, weil er ein anderes Vogelgehege, gleich in Sichtweite, gemeint habe. Ein harmloses Versehen also.

Der Mann ist seit zehn Jahren raus aus dem Geschäft. Man sieht seinem Gesicht an, dass er gerne gut lebt, aber auch weiß, was harte Arbeit ist. „Gott sei Dank“ sei er damals „noch freiwillig“ gegangen, wie er mit offenbar noch nachwirkender Erleichterung sagt. „Andere sind ja entfernt worden.“ Die bekanntesten sind Tim Renner von Universal und Thomas M. Stein von BMG. Jahre später gab es noch einmal eine Anfrage, ob er nicht zurückkommen wolle. Nee, habe er gesagt, sich dann aber doch geschmeichelt gefühlt, und so wurde er, der von 1989 bis 1998 Präsident und Vorstandsvorsitzender von EMI Music Deutschland, Schweiz und Österreich gewesen war, 2005 bis 2007 noch einmal Chairman. „Da wusste ich wieder, warum ich vorher die Reißleine gezogen hatte.“

Helmut Fest ist heute sechzig Jahre alt und einer der wenigen, die sich überhaupt über die Musikindustrie äußern wollen. Die meisten wiegeln schon am Telefon ab: „Was wollen Sie? Auf keinen Fall.“ Man will es sich mit niemandem verderben und kann vermutlich auch die ewig gleichen Fragen nicht mehr hören: was die Musikindustrie alles falsch gemacht oder verschlafen habe, ob CDs nicht doch viel zu teuer sind und wie man gedenke, mit den Umsatzeinbrüchen fertig zu werden.

Der Umzug als Anfang vom Ende

In diesen Tagen hätte die Popkomm in Berlin stattfinden sollen, die wichtigste Musikmesse auf deutschem Boden. Sie wurde abgesagt, aber das Bedauern darüber hält sich in Grenzen. Es handelte sich zuletzt sowieso nur noch um eine Party, bei der sich die Katerstimmung nicht erst hinterher einstellte. Dieter Gorny, der Vorsitzende des Bundesverbands Musikindustrie, der einst Viva mit aus der Taufe hob, begründete die Absage mit der wirtschaftlichen Situation. Das war verständlich. Lachhaft wurde es aber, als er nachschob, schuld an der Absage seien die illegalen Downloads. Wenn das stimmt, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Frankfurter Buchmesse mit dem Hinweis auf Google abgesagt wird. Was „der Dieter“ da gesagt habe, sei, „halten zu Gnaden, Humbug“, sagt Fest und bestenfalls als politische Äußerung zu verstehen.

Für Fest wie für andere war der Umzug der Popkomm von Köln nach Berlin der Anfang vom Ende. Dabei kann er das vielleicht nicht ganz objektiv beurteilen: „Sie müssen wissen: Ich bin Kölner.“ Das hört man. Der tiefe und doch biegsame Singsang erinnert an den seligen Trainergott Hennes Weisweiler. Wenn Fest „LP“ sagt, betont er das auf der ersten Silbe.

Die Kölner Popkomm bekam Geld von der Stadt und, dank Gornys gutem Draht zu Wolfgang Clement, auch vom Land Nordrhein-Westfalen. Dann kam alles zusammen: Universal zog von Hamburg nach Berlin, Viacom kaufte erst Viva, dann die Popkomm. Und das Jung-Triumvirat der deutschen Musikindustrie, das aus Gorny, Renner und dem ehemaligen Sony-Chef Balthasar Schramm bestand, bugsierte die Popkomm nach Berlin.

Es ging ihnen doch gut

Dabei war Köln immer eine musikaffine Stadt. Hier ging es familiärer zu, Hunderte Clubkonzerte fast in Fußweite, dazu das gesellige Ringfest, und alles ohne diese zwangskreative Wichtigtuerei, den Hang zum global Bedeutenden, der sich in Berlin dann doch einstellt. Aber ob nun am Rhein oder an der Spree - irgendwann, als fast nur noch über Internet und Krise geredet wurde, stellte sich die Frage, wozu eine Musikmesse noch gut sein könnte. Sollten die jüngeren Hörer, die darauf aus sind, zu möglichst viel Musik möglichst schnell und kostenlos zu kommen, noch an Ständen herumstehen?

„Diese Stände waren das monströse Zeugnis unseres Konkurrenzverhältnisses“, sagt Fest, den die finanziellen Exzesse heute an das Römische Reich erinnern, das schließlich auch untergegangen sei. Einerseits vermisse er diese messebedingten „Testosteron-Schübe“, andererseits habe er schon damals nicht immer genau gewusst, was so ein Messestand überhaupt sollte: „Es ging darum, wer hat den größten, wer hat den längsten.“

Die Sorge um die Standmieten sind die Firmen zumindest für dieses Jahr los. Das Geschäft ist abstrakter geworden und härter. Insofern passt die Absage: Man kann vielleicht gar nicht mehr in Flächen denken, man hat es längst mit Bits und Bytes zu tun. „Die Industrie ist im Grunde technologiefeindlich“, sagt Fest. „Jedes Mal, wenn etwas Neues kommt, denkt sie, das brauchen wir nicht, uns geht es doch gut.“

Vom Geschäft blockiert

Die Popkomm ist eine Erfindung aus der Zeit, als es noch gut lief, aber eigentlich schon bergab ging. Man hat in den Achtzigern und noch in den Neunzigern ordentlich verdient und teilweise gewaltige Vorschüsse gezahlt. Aber sobald die Firmen an die Börse gingen, machten sich in ihnen Leute breit, die nicht mehr in erster Linie an Musik interessiert waren. „Früher ging es zu neunzig Prozent um Musik und zu zehn ums Geschäft“, sagt Fest. „Heute ist es umgekehrt. Und die Leute, die nur noch Gewinne machen müssen, haben überhaupt kein Verständnis für die Mentalität eines Künstlers. Sie denken grundsätzlich, Musiker sind faul.“

Fest hat, nachdem er eine Zeitlang am Schlagzeug gesessen hat („ganz gut, aber Amateur“), 1968 als Auszubildender bei EMI in Köln angefangen. Die Firma hatte damals 1300 Mitarbeiter und neben den Beatles und den Beach Boys auch später noch Bands und Interpreten unter Vertrag, die quasi Gelddruckmaschinen waren: Queen, Tina Turner, dazu Nationalhelden wie Heino und Howard Carpendale - „das waren schon Knaller“.

In den Siebzigern war Fest Manager für die damals zu EMI gehörigen Labels Motown und Capitol. Es gab damals Leute wie Clive Davis (Columbia), Ahmet Ertegun (Atlantic) oder David Geffen (Asylum), große, charismatische Plattenbosse, mit denen vielleicht auch nicht immer zu spaßen war, die aber außer Bilanzen noch etwas anderes im Kopf hatten. Die A&R-Abteilung (Artist & Repertoire), die heute eher eine Marketingabteilung ist, war das kreative Hirn jeder seriösen Firma. Anfänger wurden geduldiger aufgebaut und konnten sich mehr Flops erlauben. Dies war allerdings auch die Zeit der berüchtigten Knebelverträge, von denen die Musiker regelrecht blockiert waren: Springsteen bei Columbia/CBS, später Prince bei Warner. Nach und nach haben sich viele von den ganz Großen von den Major-Firmen gelöst, Treue zu einem Label gibt es heute nur noch in Ausnahmefällen. Es ist wie beim Fußball: Die Vereine sind oft schon bankrott, während die Spieler machen, was sie wollen.

Glaubt Fest, der heute die A-cappella-Gruppe Naturally 7 betreut, daran, dass es nächstes Jahr eine Popkomm geben wird? Kaum: „Was soll sich bis dahin ändern?“

Abschiede im Wochentakt

Wer wissen will, was einer, der aus der Industrie ausgestiegen ist, zu ihrer Lage sagt, muss das weißgeklinkerte, waldumstandene Haus in Overath nahe Köln im Bergischen Land aufsuchen, in dem Uwe Kerkau Büroräume für seine Agentur angemietet hat. Dass die „Uwe Kerkau Promotion“ mit der Firma Bofrost, dem weltweit größten Direktvertreiber von Tiefkühlkost und Eiscreme, unter einem Dach wohnt, verleiht ihr eine sympathisch-improvisierende, bodenständige Note, die sich von dem branchenüblich gestylten Daherkommen abhebt. Aber geduzt wird hier nicht. Kerkau promotet CDs abseits des Mainstreams, Künstler, die meistens noch nicht allzu bekannt sind, es dank Kerkau aber nicht selten werden. Er hat neoklassischen Jazz und Soul im Sortiment, dazu Independent-Rock und vor allem Chanson- und Liedermacherhaftes. Der zierliche Mann von Anfang fünfzig widmet sich seinem Programm mit einer Hingabe, die im ganzen Land schon sprichwörtlich ist.

Wir steigen die Treppe hinauf, vorbei an schwarzweißen Jazzpostern, und setzen uns ans Fenster, von wo aus man die Bofrost-Wagen sehen kann. An der Wand hängt hinter Glas eine goldene Schallplatte, die die Geigerin Vanessa Mae bei EMI bekommen hat. Kerkau war gefragt worden, ob er sie promoten will. „Hab ich damals abgelehnt“, sagt er und lacht, als könnte er das gar nicht glauben.

In gewisser Weise ist er der Pionier einer Entwicklung, die der Musik als solcher bisher nicht geschadet hat, für die Angestellten aber meistens unerfreulich war: Es gab in den vergangenen Jahren Phasen, da bekam man aus dem Hause Warner, Sony oder sonst woher beinahe wöchentlich eine Abschiedsmail, in der von einer guten Zusammenarbeit die Rede war und davon, dass man eine neue Herausforderung suche. Oft tauchen diese Leute dann an anderer Stelle wieder auf: „Ich habe hier einen Künstler . . .“

Die Kreativität bleibt

So ähnlich hat es Kerkau auch gemacht, mit dem Unterschied, dass er damals freiwillig ging, weg von der stilbildenden Independent-Firma Rough Trade, deren erster deutscher Außendienstmitarbeiter er von 1985 bis 1990 war. Das bedeutete: Er fuhr mit dem Auto quer durch Norddeutschland, an Bord Platten von The Smiths oder Nirvana, anfangs noch auf Vinyl, und da konnte es passieren, dass der Plattenhändler, der diese Bands noch gar nicht kannte, aber nichts verpassen wollte, ihm sagte: „Gib mal fünf Stück davon.“ Bei einer Pixies-Platte hieß es schon mal: „Was ist das denn?“ Als dann die deutsch-deutsche Grenze offen war und Kerkau stundenlang hinter stinkenden Trabbis herfahren musste, hatte er die Nase voll.

Er profitiert davon, dass viele Musiker ihre Karriere inzwischen selbst in die Hand nehmen und ihn direkt anrufen. Die großen Firmen lagern immer mehr Tätigkeiten aus. „Die geben ja alle kein Geld mehr aus“, sagt er. Die „Gesundschrumpfung“ schärfe allerdings auch den Blick fürs Wesentliche. Jeder könne heute am Laptop, für wenig Geld, ein Album aufnehmen, „die Kreativität bleibt ja“. Die Frage sei nur: „Wer sichert die Qualität?“

Den Flug zur Popkomm hatte er in diesem Jahr zwar schon gebucht, als die Absage kam. Er hätte sich mit den Leuten aber sowieso abseits vom Messegelände getroffen. „Die Popkomm hat sich, aus meiner Sicht und gerade in Berlin, zu wichtig genommen. Da gab es immer eine unprofessionelle Haltung. Die Leute haben sich auf Kosten ihrer Firmen die Kante gegeben und hatten dann am anderen Morgen Ringe unter den Augen. Darunter leiden doch die Termine!“

Was bleibt

Die Plattenfirma, die in den vergangenen fünfzig Jahren mit die Größten herausgebracht hat, die es in der Pop- und Rockmusik gibt, residiert südlich von der Hamburger Altstadt nahe dem Deutschen Zollmuseum. Seit einigen Jahren ist die Warner Music Group Germany in einem ehemaligen Speicherhaus untergebracht, dessen Platzverhältnisse es erlauben, dass auch die absoluten Superstars hier ihre Alben mit einer Party vorstellen. Am Fahrstuhl sind keine „Stockwerke“ ausgezeichnet, sondern „Böden“ - offensichtlich eine Reminiszenz an hanseatisches Handelserbe und wohl weniger ein Zugeständnis an den englischen floor. Im riesigen Empfangsraum läuft Viva. Die Fotogalerie mit den Haus-Künstlern kann sich sehen lassen: Ray Charles, Sinatra, Lou Reed, Prince, Lindenberg, Phil Collins, Led Zeppelin, ZZ Top, Westernhagen und Madonna, die inzwischen aber die Dienste des Konzertveranstalters Live Nation vorzieht. Bernd Dopp, Chef von Warner Music für Zentral- und Osteuropa, musste sich deswegen hämische Fragen anhören: ob er nicht „enttäuscht“ sei von Madonna? „Warum sollte ich? Wir haben ihr viel zu verdanken, und ihr gesamter Backkatalog verbleibt ja bei Warner.“

Es ist nicht so, dass seine Firma deswegen schon ausgesorgt hätte, aber eine ordentliche Backlist ist mit Geld fast nicht zu bezahlen. Wenn dereinst eine große Madonna-Werkschau erscheint, womit ja zu rechnen ist, dann bei Warner. Anfang Oktober kommt eine schöne Vierer-Box mit bisher unveröffentlichtem Rod-Stewart-Material heraus, gerade bringt EMI die Beatles neu auf den Markt, und erst unlängst lief das Neil-Young-Archiv vom Stapel.

„Neil und ich sind gute Freunde“, sagt Dopp. Das will bei dem kanadischen Grantler etwas heißen. Aber wenn man den unaufgesetzt jugendlich wirkenden Vorstandsvorsitzenden in Jeans und Sakko sieht, glaubt man's. Gut gelaunt führt er bei strahlender Spätsommersonne auf den Balkon seines schönen, mit viel altem Holz und Glaswänden ausgestatteten Büros, bis man durch das Eisengitter hindurch plötzlich in die Tiefe, in den braunschwarzen Zollkanal schaut, als stünde man im Freibad auf dem Zehnmeterbrett. „Kucken Sie mal.“

Gespenst des Downloads

Dopp bedauert die Absage der Popkomm und sieht darin eine gewisse selbstzerstörerische Neigung. „Immerhin war es gelungen, damit neben dem ,Echo' eine der beiden zentralen Marken aufzubauen.“ Es regionalisiert sich gerade wieder alles: die „c/o Pop“ in Köln, in Hamburg das Reeperbahnfestival und diese Tage in Berlin „all2gethernow“, ein eben aus dem Boden gestampfter Popkomm-Ersatz, bei dem auch Tim Renner seine Finger im Spiel hatte und wo man sich hauptsächlich wieder über Urheberrechtsfragen unterhalten hat. Wenn es ein Krisensymptom gibt, dann das: Früher redeten Sittenwächter über Popmusik, heute Rechtsanwälte und Betriebswirte.

Man hätte, meint Dopp, die Popkomm zu einer Leistungsschau vor allem der nationalen Künstler machen müssen. Es sei ja ein Leichtes, Hunderttausende Fans zusammenzubekommen, wenn etwa ein neues Madonna-Album präsentiert werde - nur stünde es dann noch am selben Tag auf allen illegalen Plattformen im Netz. „Das geht nicht.“ Der Umzug nach Berlin sei nicht das Problem gewesen, aber die Messe nach einem Jahr Pause noch einmal zum Leben zu erwecken, werde nicht einfach sein.

Was ist mit der staatlichen Förderung, über die jetzt wieder gesprochen wird? Der Film kriegt doch auch viel Geld. „Wir wurden ja nie nennenswert unterstützt. Von der Politik können wir aber wenigstens erwarten, dass uns, durch ein längst nicht mehr zeitgemäßes Urheberrecht und die Toleranz von millionenfachem Diebstahl im Netz, nicht auch noch Knüppel zwischen die Beine geworfen werden.“ Da ist es wieder, das Gespenst namens Downloading. „Ein bisschen Diebstahl ist offenbar o. k. Insofern kann ich Dieter Gorny nur recht geben, wie er die Absage begründet.“

Zum Wandel gezwungen

Jeder weiß, dass allein mit Plattenverkäufen heute sowieso niemand mehr reich wird. Aber immerhin: Vergangenes Jahr machten die meisten Firmen mit CDs achtzig Prozent ihres Umsatzes, dieses Jahr werden es noch siebzig sein. Der Umbau einer klassischen Plattenfirma hin zu einem Music-Entertainment-Unternehmen, der längst im Gange ist und vor allem die Karten im Konzertgeschäft neu mischen wird, ist jedenfalls die Konsequenz aus dem Strukturwandel. Bei Warner sieht das so aus, dass man nach wie vor auf vier Beinen stehen will: Statt wie früher auf Vinyl, Musikkassette, VHS/DVD und CDs setzt man in Zukunft auf CDs, Downloads, T-Shirts und Konzerttickets. „Wir nehmen in Deutschland nur noch Newcomer unter Vertrag, wenn wir auch die Live- und Merchandising-Rechte halten.“ Marek Lieberberg und Fritz Rau, die Platzhirsche unter den Konzertagenturen, werden sich freuen.

Die Musikindustrie: Man denkt immer, sie sprühe nur so vor Phantasie und schüttele die Erfindungen aus dem Ärmel. Dabei muss sie dazu oft erst gezwungen werden. Eine Zeitlang sah es so aus, als verschlafe sie die Entwicklungen, während alles auf sie starrte, wann sie endlich die zündende Idee habe. Ihre führenden Leute sind bis heute, vielleicht zu Recht, stolz darauf, mit der emotionalsten Ware zu handeln, die es überhaupt gibt. Aber darüber, dass die Musik immer allgegenwärtiger wurde und bis in die letzten Ritzen der Gesellschaft vordrang, kam ihr auch die Deutungshoheit abhanden, weil jeder meinte, mitreden und ihr Vorwürfe machen zu können. Dabei hat sich die schwarze Wolke der Krise über ihr nur zuerst abgeregnet; andere Branchen folgen jetzt. So betrachtet auch Dopp die Musikindustrie als „Speerspitze der Kreativwirtschaft“, die auch in Sachen Krisenerfahrungen vorangeschritten sei.

Das Handy klingelt, jemand vom Viacom-Konzern ist am Apparat. Nach zwei Minuten kommt Dopp zurück und nimmt seine Kaffeetasse in die Hand. Stress? „Ich bin nie im Stress.“ Die Zeit ist aber um.

Eine private Frage noch: Die Ry-Cooder-Platte „My Name Is Buddy“ ist bisher nicht auf Vinyl erschienen - könne er nicht veranlassen, dass das passiert, wo doch Warner immer noch Vinyl pressen lässt? Bernd Dopp lächelt. So viel Nostalgie ist leider nicht drin.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Wulffs Ensemble

Von Martin Otto

Schon Bertholt Brechts Dogsborough konnte Geschenke guter Freunde nicht ablehnen. „Dieses Landhaus hätt’ ich nicht nehmen dürfen“, bekennt die an Reichspräsident Hindenburg angelehnte Figur. Mehr 7 13