Home
http://www.faz.net/-gsd-rzs2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Musik Walküre, trag mich davon

24.02.2006 ·  Harte Rockmusik, die zum Himmel schreit: Die Metal-Band „Benedictum“ um die zornbebende Frontfrau Veronica Freeman schöpft aus dem Fundus von Christentum und Hexenwesen.

Von Dietmar Dath
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)

Wenn wir Normalsterblichen unter Reizhusten leiden, lutschen wir Kräuterbonbons. Wenn Veronica Freeman, die Sängerin der amerikanischen Heavy-Metal-Band „Benedictum“, solche Probleme hat, nimmt sie zum selben Zweck glühende Kohlen.

Lustig? Von wegen: Erst spricht eine molchige Vorlesestimme rückwärts was Böses, dann führt uns eine Klaviertastentreppe nach tief unten in den Keller, und schließlich brüllt Frau Freeman sich warm - die ersten Hauptwörter, die sie singt, heißen „pain“, „darkness“ und „soul“, denn hier geht's nicht um Engtanz oder Heiterkeit, sondern um Schwere, Finsternis und die Tugenden, die man braucht, sie auszuhalten.

Wer Veronica Freeman dabei zugehört hat, wie sie zornbebend „The fear in the night! The fear in the night!“ kläfft oder dem gesichtslosen Frauenhasser in der Menge mit dem Feuer ihrer Lungen die Frisur versengt - „You want me on my knees! You think that women are only there to please you!“- , wird diesen lärmspeienden Rachendrachen nicht nur achten, sondern bei geschultem Gehör sowie ausreichendem Wissen darüber, wie Heavy-Metal-Musik funktioniert und wozu man sie braucht, mit Recht bewundern, vielleicht sogar ein bißchen lieben (nicht zu arg; Respekt fordert Abstand).

Harte Rockmusik erträgt nicht jeder

Geschultes Gehör, ausreichendes Wissen: das darf man leider nicht voraussetzen. Der Kontext, aus dem Frau Freeman herausragt, ist nicht so geläufig, wie er sein sollte. Hand aufs Hirn: Kennen Sie „Iced Earth“? Sagt Ihnen der Name „Savatage“ etwas? Wie steht's mit „Armored Saint“? „Chastain“? Wenn Sie Ihr Rockwissen aus dem Feuilleton, aus gängigen Stadtzeitschriften oder Kopfhörermagazinen für den gehobenen Studentengeschmack beziehen, dann haben Sie von diesen Leuten vermutlich noch nie etwas gelesen, geschweige gehört.

Denn die auf den Lehrstühlen der Qualitätspresse installierten Pop-Hermeneutiker (fast ausschließlich Männer übrigens) ertragen harte Rockmusik im allgemeinen nur dann, wenn sich entweder irgendein Aspekt von Camp, Uneigentlichkeit und Humor hineininterpretieren läßt („The Darkness“), ein paar nachweislich aus dem korrekten Alternative-Rock-Kosmos migrierte Künstler beteiligt sind („Probot“), dem Krach genug reduktionistische Punk-Trockenheit unterlegt ist („Ramones“), die Mode es verlangt (das gesamte „Nu Metal“-Genre) oder eine Aufladung mit lizenzpflichtigen linksliberalen Anliegen stattgefunden hat („Rage Against The Machine“).

Christentum und Hexenwesen

Draußen bleiben muß also erstens alles, was zwar mit Ernst, aber ohne Hipster-Gewerbeschein auftritt - Ernst meint hier: Beethoven für E-Gitarren instrumentieren („Savatage“), den amerikanischen Bürgerkrieg als Hard-Rock-Oper aufführen („Iced Earth“), ganz schnell und trotzdem so gerade noch sinnvoll Gitarre spielen („Chastain“) oder den semiotischen Fundus des Christentums und des Hexenwesens zu Spektakelzwecken beleihen („Benedictum“) - und zweitens alles das, was sich jenseits von Gut und Böse, seinen eigenen Formgesetzen gehorchend, ins Abwegige und Besondere entwickelt, ohne auf popjournalistisches Verständnis lange warten zu wollen („Melvins“, „Fantomas“).

Wer sich, von der approbierten Pop-Auskennerei herkommend, über das informieren will, was auf diese Weise verschütt geht, ist darum auf Bücher wie Chuck Eddys „Stairway to Hell: The 500 Best Heavy Metal Albums in the Universe“ angewiesen. Und da nun nistet der eigentliche Skandal. Denn dieses Buch, exemplarisch für die Kanonbildnerei der Plattenprofessoren schon deshalb, weil es von „Village Voice“ bis „Rolling Stone“ nichts als Lob eingefahren hat, ist beladen bis zum Rand mit College-, Independent-, Alternative- und sonstigem Krempel, ignoriert aber die obengenannten Namen, als wären sie Dreck.

Klassenzensur kleinbürgerlicher Popliebhaber

Nicht einmal die bis heute für Hunderttausende von Bekehrungen zum Heavy Metal verantwortlichen Briten von „Iron Maiden“ kommen vor - dafür die punkigen Rocker von der „Anti-Nowhere League“, die experimentellen „Gone“ und sogar, weil's egal ist, die wunderbaren „Kinks“ - alles schöne Sachen, unbenommen, aber doch eher geeignet, eine sachgemäße Definition von Heavy Metal zu überdehnen. So also geht Klassenzensur kleinbürgerlicher Popliebhaber mit Abitur - vielleicht sollte der Gesetzgeber einen Erlaß verabschieden, der nur noch Menschen die Beschäftigung mit harter Rockmusik gestattet, deren Eltern für die Ausbildung der Gören arbeiten gehen mußten („arbeiten“ wie in „lebenslänglicher Erwerbstätigkeit ohne Aufstiegschancen, voller Langeweile, physischer Qual und deprimierender Herzensödnis“, nicht wie beim Oberstudienrat, bei der Staatsanwältin und beim Landschaftsarchitekten).

Gäbe es Zeitschriften wie „Rock Hard“ nicht, wo urteilsbeständige und vernünftige Journalisten wirken wie der große Götz Kühnemund, dem das interessierte deutsche Publikum auch einen der ersten glaubhaft lobenden Hinweise auf „Benedictum“ verdankt, dann müßte man sich freihändig zusammenreimen, worum es bei solcher Musik eigentlich geht - oder eben bei „Benedictum“ aus San Diego darauf achten, was zu hören ist: das Schaben und Scharren der Rhythmusgitarre (in den Händen von Pete Wells), das bei schlechten Boxen kaum mehr stimmhaft, fast nur noch perkussiv klingt; der auf das Schlagzeug (verantwortlicher Facharbeiter: Blackie Sanchez) gelegte Hall, der an Pauken auf Sklavengaleeren denken läßt; der nashornsture Baß (bedient von Jeff Pilson); das bei Geschmäcklern verbotene Keyboard (gespielt von Chris Morgan); die aus der maschinellen Arbeitswelt und dem motorradgestützten Verkehrswesen bezogenen Tempi zwischen „rasend“, „geschoben“, „gezogen“, „gestampft“ und „verschleppt“, niemals aber frischweg losrumpelnd wie bei der Studentenrock-Konkurrenz; das Abblättern der Töne mit dem höchsten Klirrfaktor, wenn die Soli des Lead-Gitarristen (ebenfalls Pete Wells, einmal ergänzt durch ein paar Noten von Craig Goldy) bronzene Spitzen in den Himmel stechen und Echos von Fiepen und Jaulen durch den Klangraum stieben, bis sie, von der Schwere des Grooves in die Tiefe gezogen, auf den Dröhngrund absinken und zischend in ihm verschwinden. Wer das nicht laut hört, hört es gar nicht.

Keine Angst vor dem Dreiklang

Wagner-Nähe waltet: Man hat da keine Angst vor dem Dreiklang, überhaupt vor Harmonien mit Fettglasur, die immer wieder in entweder mehrere Dissonanzenschichten auseinanderbrechen oder in kakophonischen Roadblocks zusammenstürzen. „Uncreation“ heißt die Platte. Das Unerschaffene, bringt sie den Ohren bei, ist nur zu bändigen, wenn ein Wille ihm Form aufprägt, für den natürlich die Frontfrau steht, deren Organ aus dem Kaputten das Schöne herauskommandiert: „Keep searching - what do I see - seek freedom!“ brüllt der Männerchor, und Veronica Freeman gibt ihm sofort eine Richtung, indem sie über ihn hinwegsingt - im Flug, wie die Fahne überm Heerhaufen flattert.

Damit - das ist der Sinn der theologischen Schwingungen, die nicht nur in Worten („Benedictum“, „In nomine“), sondern auch musikalisch (die Chöre, das Orgeln) dem Album unterlegt sind - wird behauptet, daß Schöpfung der Brutalität sowenig entraten kann wie Zerstörung: Wer Klötze aufeinanderwuchtet, um jemandem ein Haus hinzustellen, muß das mit derselben Anstrengung tun wie der, der eins abreißt - nicht in der wirklichen Bauwirtschaft natürlich, wo Maschinen für die eine und Sprengstoff für die andere Arbeit da sind, aber in den metaphorischen Vulkanlandschaften der Kunst, wo ehrgeizige Dickschädel gegen die Gesetze des Universums aufbegehren, weil wir Menschen sonst vor Langeweile verenden müßten.

Finsteres Geknurr

In diesen Zusammenhang paßt dann sogar Gesellschaftspolitisches - in „Misogyny“, einem Stück über Frauenfeinde, singt Frau Freeman ihr Gegenüber eingangs so melancholisch an, daß man fast eine Liebesballade zu hören meint: „I know who you are, the perfect stranger with the face that blends in the crowd, and I know how you feel“, und an dieser Stelle, als es an die häßlichen Gefühle des Frauenhassers geht, wird aus dem getragenen Gesang ein finsteres Geknurr, in das sich Speichel und Blut mischen, damit es besser schäumt: „Your hatred for me/Is dark and deep and real.“

„Verletzlichkeit“, immer wieder gern gehört bei Frauen, wird dieser Künstlerin so schnell niemand nachrühmen, die sich sogar ohne Blamage an Stücke wagen darf, in denen ursprünglich der unvergleichliche Ronnie James Dio („Rainbow“, „Black Sabbath“, „Dio“) herumgeschrieen hat. Dennoch gibt sie nicht etwa durchgängig die unverwundbare Kettenfahrzeugpilotin, sondern weiß, ähnlich wie die zu Unrecht vergessene „Chastain“-Sängerin Leather Leone, daß Schmerz manchmal ganz schön weh tut und man das Wort „Pain“ deshalb durchaus als „Pay-ay-ay-ain“ singen darf, wenn man's kann.

Ausbruch gen Himmel

Der Höhepunkt auf „Uncreation“, ein Neun-Minuten-Monolith namens „Valkyrie Rising“, faßt alles zusammen, was man von „Benedictum“ lernen kann. Das Stück läßt sich fünf Minuten Zeit, aus Nebel und Dampf feste Formen zu gestalten, und führt währenddessen die Sängerin vor, wie sie sich in den Zustand hineinarbeitet, den sie braucht, um gen Himmel auszubrechen - es klingt nach einem Gebet um Kraft, nach Entschlossenheitserzwingung: „And I shall shift the paradigm/Ensure that victory is mine“, und dann, nach einem kurzen, freundlichen Ruhetal, folgt die Bitte an ihre Schwester, die Walküre, sie mitzunehmen in den Sturm: „Valkyrie bear me away! Valkyrie bear me away!“

Wie kristallin präzis das ist: nicht „Take me away“, so wirbt bloß die gebratene Nudel beim Mitnehm-Chinesen, sondern gediegen und streng: „Bear me away.“ Man horcht ihr, nicht ohne Ergriffenheit, noch lange nach, während sie zwischen Blitzen verschwindet.

Benedictum, Uncreation, Locomotive Records LM177

Quelle: F.A.Z., 25.02.2006, Nr. 48 / Seite 44
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Profit und Quote

Von Dietmar Dath

Die Raubkopierrate in China ist immer noch hoch. Der Anteil von Chefinnen in der IT-Branche ist weiterhin gering. Wie hängt das zusammen? Mehr