14.01.2005 · Die Hamburger Band „Tocotronic“ bringt in diesem Jahr ihr neues Album „Pure Vernunft darf niemals siegen“ heraus. Ein Gespräch mit Dirk von Lowtzow und Jan Müller über ihre Musik, Gott und die Welt.
Im Interview erzählen die zwei Mitglieder der Popgruppe, Dirk von Lowtzow und Jan Müller, über ihre musikalische Entwicklung und die Botschaften ihrer Songs.
Auf dem letzten Album „Tocotronic“, dem weißen Album, gab es noch eine orchestrale Breite, ein psychedelisches Dröhnen. „Pure Vernunft“ klingt dagegen fast nach Askese. Damals war die Band anderthalb Jahre im Studio, diesmal nur neun Tage.
Müller: Es ging uns weiter darum, einen Sog zu erzielen, einen Strudel. Aber nach dem letzten Album, als wir anderthalb Jahre im Studio herumgebastelt haben, wollten wir nicht noch einen draufsetzen und fünf Jahre mit achtzig Alphörnern im Studio sitzen. Wir wollten einen asketischen Sound, eine Dogma-Platte. Wir waren begeistert von Lars von Triers Film „Dogville“, wo die Häuser nur Linien sind und trotzdem etwas erzählt wird. So ein Richtungswechsel war wichtig für die Band.
Jan Müller: Wir wollten uns auch wirklich auf Gitarren beschränken und nur sehr wenig Keyboards und Synthesizer benutzen.
von Lowtzow: Wenn man das Studio als Instrument zu stark einbezieht und lange Zeit dort verbringt, birgt das bei allem Positiven auch eine Gefahr - im marxistischen Sinne eine Entfremdung der Arbeit. Weil man bei Sachen ansetzt, die man vor einem Dreivierteljahr begonnen hat, und sehr wenig unmittelbar ist, was uns aber wichtig war bei der neuen Platte. Wir waren interessiert am Songwriting und an Liedern, die auch mit einem einfachen Instrumentarium funktionieren.
Kommt es vor, daß sich die Texte bei der Arbeit am musikalischen Material verändern? Oder sind das doch eher Gedichte, die vertont werden?
von Lowtzow: Ich schreibe die Texte zu Hause und kann sie immer nur anbieten - und Gott sei Dank stoßen sie meistens auf Gegenliebe.
Müller: Wir sind ja eine Band und müssen das, was Dirk schreibt, auch repräsentieren. Wenn wir irgendwo nicht mehr mitgehen können, sagen wir das auch. Die Texte sind mehr als Gedichte, das ist ein Zusammenwirken von Text und Musik.
von Lowtzow: Mit der Platte „K.O.O.K.“ kam der Wunsch auf, daß nicht so sehr konkrete Aussagen im Vordergrund stehen, daß wir die Leute nicht vergewaltigen mit witzigen und pointierten Slogans oder einem kolumnenhaften Stil, sondern daß Musik und Text zusammen einen Flow ergeben.
Also stellt das schwarze Album „K.O.O.K.“ von 1999 die Zäsur dar. Zerfällt das Werk von „Tocotronic“ in ein Frühwerk und ein Haupt- oder Spätwerk?
von Lowtzow: Das liegt im Ohr des Rezipienten. Grundsätzlich finde ich es nicht verkehrt, wenn eine Band in Phasen gegliedert werden kann. Dann hat man ja statt einer sogar zwei! Und die alten Platten werden ja nicht eingestampft und verlieren nicht ihre Gültigkeit.
In „K.O.O.K.“ gab es noch eine Alltagslebenswelt mit warmem Bier im Park. Es gab aber auch schon die verrätselten, lyrischen Welten. In „Pure Vernunft“ gibt es nur noch wenig, was aus der Kunstwelt hinausverweist.
von Lowtzow: Bei „K.O.O.K.“ gab es das Bedürfnis, die Alltagstopographie hinter sich zu lassen. Man hatte das Gefühl, daß diese Art von Sprache inflationär benutzt wurde. In der Popliteratur und im Journalismus gab es dieses sehr, sehr Subjektive. Daß man schreibt, wie man erlebt, daß man in den Supermarkt oder in die Kneipe geht. Zu dem Zeitpunkt, als wir damit angefangen haben, war das ja selbst noch verrätselt, weil es so alltäglich war, daß es schon wieder fremd war: eine proustische Nahsicht auf die Dinge. Aber irgendwann hat man gemerkt, man wird davon korrumpiert. Man gerät in ein dienstleisterisches Verhältnis zu den Hörern. Und dann rückten andere Dinge in den Vordergrund und ein anderes Vokabular, das sich nicht aus dem Alltag, sondern aus Märchen und Mythen speist, bis hin zur Religion. Das spiegelt viel mehr das, was man fühlt. Auch weil um einen herum alles im Hier und Jetzt stattfinden muß und extrem auf Nachvollziehbarkeit ausgerichtet ist.
Wobei das Lyrische, das Reden in der ersten Person, ja beide Phasen verbindet. Insofern geht immer noch eine Suggestion von den Liedern aus, eine Einladung zum Nachvollziehen an den Hörer.
Müller: Sowieso. Ich nehme das ja, wenn Dirk mir die Stücke im frühen Stadium vorspielt, auch als Hörer wahr. Und ich verstehe nicht, wenn gesagt wird, das sei jetzt abstrakt. Als Hörer finde ich, das kann einem schon sehr viel geben.
von Lowtzow: Es wäre kokett, wenn man sagte, das sei alles nicht rätselhaft. Aber ich glaube nicht, daß es hermetisch oder kryptisch ist. Es werden am laufenden Band Einladungen ausgesprochen: „Ich schenke dir alles, was ich hab'“ - „Und unentwegt verbeug' ich mich“ - dauernd solche Gesten des Darlegens.
Für des Album „Tocotronic“ wurde eine Art automatisches Schreiben verwendet, ein Schreiben ohne Reflexion.
von Lowtzow: Beim Schreiben versuche ich immer, sehr schnell zu arbeiten. Automatisches Schreiben, André Breton und so - das ist vielleicht etwas übertrieben. Aber daß man versucht, sich dem Text ein wenig untertan zu machen und in einen Bewußtseinsstrom zu geraten, ist schon wichtig. Die Texte sind nicht konstruiert und gebaut und geschachtelt, die entstehen aus einem Guß. Nach einer langen Phase der Faulheit und Trägheit gibt es einen Flash. Das finde ich sehr reizvoll, weil man da selbst noch überrascht wird.
Was die Frühphase von „Tocotronic“ ausmachte, waren nicht nur griffige Texte, sondern auch griffige Musik. Gibt es auch auf musikalischer Ebene den Versuch, sich der Nachvollziehbarkeit zu entziehen?
von Lowtzow: „Hi Freaks“ vom letzten Album war ein hochmelodiöses Stück. Und in „Aber hier leben, nein danke“ ist natürlich viel Hommage an Bands wie „The Fall“ im Spiel, so etwas wie Repetition. Gleichwohl sind jetzt die Melodiebögen zum Teil viel wagemutiger als früher, als auch die Stimmlage eindimensionaler war. Hier wird ja schon richtig gesungen.
Müller: Die Melodien sind da die ganze Zeit. Sie sind Teil des Angebots.
Bei vielen frühen Liedern gehörte zur Beschreibung auch ein Gestus der Verwerfung. „Freiburg“ ist das beste Beispiel. Der Sänger geht durch die Stadt und sagt: Ihr seid alle verdammt. Kann man eine Parallele zu den neuen, mystischen Bildern ziehen - daß die Verwerfung der konkreten Gesellschaft zur Weltverwerfung gesteigert wird?
von Lowtzow: Das Jenseits ist natürlich ein extrem interessantes Gebiet, das ist nichts Neues. Es gibt ja so etwas wie Symbolismus. Baudelaire: Komm, Tod, die Reise beginnt, die Welt hier langweilt uns oder so. Diese Art von Ennui ist tatsächlich ähnlich. Bei „Freiburg“ war das noch eine sehr pointierte Polemik, die diese wahnsinnig konzentrierte Thomas-Bernhard-Lektüre hinterlassen hat. Was soll man schon gegen Fahrradfahrer haben? Den Lebensüberdruß empfinde ich als etwas Produktives, weil man ja dahinter schauen will, ins Jenseits. Und die Welt, wie sie sich einem hier bietet, ist eben im Prinzip langweilig.
Ist das Jenseits spannender?
von Lowtzow: Es ist zumindest ein Angebot. Etwas, was man nicht kennt. Und darauf kann man ja erst mal neugierig sein. Hinter die Tür gucken, solche Metaphern, durch den Spiegel gehen.
Hat der Welthaß auch mit Selbsthaß zu tun? Hinter den Spiegel zu gehen heißt ja, sich selbst nicht mehr wahrzunehmen.
von Lowtzow: Das hat auf jeden Fall mit Selbsthaß zu tun. Die eigene Existenz als langweilig zu empfinden und mit sich unzufrieden zu sein - es ist in der Hinsicht eine sehr offene Platte. Und daß man in andere Bewußtseinszustände geraten will. Diese Idee der Transgression. So batailleske Sachen, daß man denkt, man muß den Kopf verlieren und sich selbst zerstören, in tausend Stücke reißen und fragmentieren und neu zusammensetzen. Es geht schon um eine Initiation und einen Übergang.
Gibt es auf der neuen Platte noch Witze? Die Zeile „All das mag ich“?
von Lowtzow: Klar, Volker Lechtenbrink!
Und das „Schallalala“ aus „Pure Vernunft“ klingt nach „Bots“ und Achtziger-Jahre-Friedensfolklore.
Müller: Da muß Raum für Humor sein. Uns ist nicht wichtig, daß das von jedem erkannt wird. Einfach für uns selber.
von Lowtzow: Wir lachen uns schon oft schlapp. „Völker, auf zum Gefecht, die Illusion wird Menschenrecht“ - das war schon ein Lacher.
Müller: Die Heiterkeit!
von Lowtzow: Es ist eine fröhliche Wissenschaft! Man ist sich der Schrulligkeit der eigenen Aussagen schon bewußt. Daß das alles ein bißchen Nietzsche für Arme ist oder Baudelaire für nicht ganz so Wohlbegüterte. Daß man da auch mal über die Grenze hinausschießt oder daß es auch mal peinlich wird. Es muß ja auch peinlich sein.
Was hat es auf sich mit dem Motivkreis der dunklen Macht?
von Lowtzow: Natürlich in Jugendjahren überfütterte Lovecraft-Lektüre. Der Antichrist ist ja ein herrliches Motiv.
Ist der Song mit seinen paar Minuten für diese entgrenzende Thematik irgendwann erschöpft? Wäre da nicht eine längere Form reizvoll?
von Lowtzow: Das ist ja gerade das Spannende. Daß man das Format Song so weit wie möglich treibt. Wenn man so etwas schreibt wie „Caesar Antichrist“, ist das natürlich schon weit entfernt von der ursprünglichen Rockmusikidee, „She Loves You“ oder so. Aber für uns ergibt sich da so ein gewisser Witz.
Müller: Wir sind nun einmal eine Rockband, und da ist es unsere Aufgabe, Songs in überschaubaren Längen zu erstellen. Man ist schnell der Versuchung der Selbstüberschätzung ausgesetzt, wenn man erfolgreich Musik macht.
Die nebelhafte Geisterwelt, in der die neuen Stücke spielen, wirkt ein wenig wie der „Herr der Ringe“ ohne Handlung.
von Lowtzow: Das ist ja das Schönste, was man sich überhaupt vorstellen kann! Wozu braucht man die blöde Narration, wo die ständig durch die Landschaft eiern? Der Rest ist doch gut! Aber es ist ja keine reine Elfenweltplatte. So schlimm ist es noch nicht um uns bestellt.
Müller: „Aber hier leben“ ist auch ein politisches Statement. Die Tiere!
von Lowtzow: Die Hinwendung zum Jenseits ist auch politisch, als Ausdruck des Trotzes. Das Problem im Augenblick liegt nicht in einem Eskapismus, den man schelten muß, sondern im totalen Willen zur Realität. In der Kultur gibt es einen Konsens, daß alles nachvollziehbar sein muß und völlig verständlich. Die Erzählung wird in der Literatur eingefordert und in der Kunst die Gegenständlichkeit. Dem will man schon etwas entgegensetzen, da war man ja schon weiter. Man lebt in den Zeiten eines konservativen Backlash, wo alle Errungenschaften der libertären Bewegungen von achtundsechzig an permanent in Frage gestellt werden.
Wobei man doch den Slogan „Pure Vernunft darf niemals siegen“ als Ausdruck eines Neokonservatismus deutscher Provenienz auffassen könnte: Rehabilitierung der dunklen Seelenkräfte.
von Lowtzow: Gewiß führt einen das mystische Raunen in ein gefährliches Gebiet. Aber im Moment erscheint das sehr reizvoll. Auch weil auf angrenzenden Feldern ähnlich operiert wird. In der Kunst zum Beispiel Jonathan Meese. Ein Gegengift gegen den herrschenden Reality-Wahn und diesen Authentizitätsterror eines „Jeder muß sein wahres Gesicht zeigen, wir können endlich wieder von Mensch zu Mensch reden“. Da spiegelt man sich doch lieber in einem Tier.
Die archetypische Bandgeschichte schreibt vor, daß Bands und Popstars sich irgendwann zur Kunst hin entwickeln. Gilt das auch für „Tocotronic“?
von Lowtzow: Man war von Anfang an beeinflußt von künstlerischen Modellen und hat sich nicht als Musiker im handwerklichen Sinne definiert. Insofern gab es bei uns immer künstlerische Herangehensweisen. Trotzdem möchte man sich ungern als Artrock-Band schubladisieren lassen. Wir sind eine Rockband und treten nicht in Galerien auf, sondern eben in Rockschuppen.
Ist Popmusik nicht von Natur aus narrativ?
von Lowtzow: Das würde ich bestreiten. Selbst wenn man Bands wie „The Doors“ nimmt, ist das ja nicht narrativ, sondern eher assoziativ. Aber das ist auch eine persönliche Sache: Ich mag es einfach nicht, wenn soviel passiert. Ich mag die Marmelade ohne das Brot.