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Musik : Da kriegt jeder seine Chance

Deutschrocker Wolfgang Niedecken Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Jenseits der Stromlinie: Wolfgang Niedecken und die WDR Big Band sind gemeinsam in Bonn aufgetreten. Fernab von den großen Konzerthallen präsentierte Niedecken seine Lust am Kleinen.

          Seit vor einem runden Vierteljahrhundert "Verdamp lang her" von Wolfgang Niedecken in die Welt gesetzt wurde, hat das Lied in Konzerten eine Fülle neuer Ornamente gewonnen - nicht musikalische, sondern vor allem textliche.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Auf mittlerweile drei Liveplatten ist es enthalten, in der letzten langen "Rockpalast"-Nacht alten Stils werden es zahllose Zuschauer mitgeschnitten haben, und jede Nuance, die Niedecken dem Text beigefügt hat, ist ihm seitdem von seinen Zuhörern immer wieder tausendstimmig in Erinnerung gerufen worden, weil jeder spontane Witz oder auch jedes Versehen sofort ins kollektive Mitsingrepertoire des Publikums einging. "Verdamp lang her" wurde so zu einem der interessantesten Palimpseste der deutschsprachigen Rockmusik.

          Verblüfftes Publikum

          Das Stück ist fester Bestandteil eines jeden Konzerts, das Niedecken gibt - sei es mit seiner Band "Bap" oder bei Soloauftritten. So spielte er es auch am Mittwoch abend im Bonner Brückenforum im Zugabenteil.

          Doch diesmal wurde der Kern des Liedes freigelegt, indem es einem orchestralen Arrangement unterzogen wurde, das gegen die unfreiwillige Ornamentierung des Textes nun eine musikalische setzte, die das Publikum derart verblüffte, daß es kaum in die bekannten Zeilen einfallen mochte.

          Verhältnismäßig winzige Zuhörerschaft

          Mit "Bap" hatte Niedecken das schon häufiger versucht, doch über kurze Irritationen beim Entree waren diese Experimente nicht hinausgelangt, weil mit dem ersten gesungenen Wort das Auditorium sangesfreudig die Regie übernahm. Doch nun trat Niedecken mit nicht weniger als zweiundzwanzig Mitstreitern gegen eine für seine Verhältnisse winzige Zuhörerschaft an.

          Was treibt einen Mann, der mit seinen Liedern Westfalenhalle und Köln-Arena gefüllt, im ausverkauften Müngersdorfer Stadion den Einheizer für die "Rolling Stones" gegeben, vor mehreren hunderttausend "Werner"-Fans musiziert und Millionen Schallplatten verkauft hat, in einen Saal wie das Brückenforum, in dem er zuletzt mit seinen kleinen Töchtern "Die Biene Maja" gesehen hat?

          "Humptata-Köln"

          Nun, zunächst ist jedes Konzert im Rheinland nicht nur Heimspiel, sondern auch Familienfest, und diesmal konnten die Kinder am Bühnenrand direkt vor den Monitorlautsprechern sitzen. Aber die neue Lust am Kleinen ist auch Ausdruck von Niedeckens Innovationsfreude, die man den "Bap"-Platten nur selten anhört.

          Dafür um so mehr den Soloprojekten: auf "Schlagzeiten", wo er Texte unterbrachte, die seine Band abgelehnt hatte; auf "Leopardefell", wo er ausschließlich Dylan-Stücke in eigener, kölscher Übersetzung spielte - und einmal auch mit "Bap", ganz am Anfang, als die Gruppe noch ganz auf ihn eingeschworen war, was man schon dem Titel ihrer ersten Platte von 1979 ablesen konnte, die das Selbstverständnis dieser Musik auf den Punkt brachte: "Wolfgang Niedeckens Bap rockt andere kölsche Lieder" - andere als die des "Humptata-Köln", wie Niedecken das Karnevalsgetriebe nennt.

          Ein immenses musikalisches Potential

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