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Sonntag, 12. Februar 2012
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Morrissey live in Düsseldorf Die Mikrophonpeitsche des Schmerzensmanns

18.12.2006 ·  Pop braucht Selbstmitleid: Der frühere "Smith"-Sänger Morrissey ist eine der größten lebenden Legenden: Nun war der britische Musiker auf Deutschland-Tour und gab ein umjubeltes Konzert in Düsseldorf.

Von Eric Pfeil
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Bevor Steven Patrick Morrissey unter tosendem Applaus die Bühne der Düsseldorfer Philipshalle betritt, ist bereits ein anderer da: Die Bühnenleinwand zeigt ein riesiges Foto von Pier Paolo Pasolini. Der italienische Regisseur und Dichter, wie Morrissey ein Ankläger faschistoider Gesellschaftsmechanismen und pessimistischer Beobachter von Zwischenmenschlichem, posiert vor einem Berg, auf dessen Gipfel ein hölzernes Kreuz steht; das Foto entstand 1964 während der Dreharbeiten zu seinem Film "Das erste Evangelium - Matthäus".

Das Bild spiegelt aber nicht nur Morrisseys tiefe Identifikation mit Pasolini wider, es deutet auch perfekt an, was in den nächsten anderthalb Stunden geboten wird: Es sind ganz eigene Passionsspiele, die der von seinen Fans wie ein Pop-Erlöser verehrte Morrissey veranstaltet - und das mitten in der Adventszeit.

Fleischeslust und Entsagung

Um Vergebung wird es gehen, um Fleischeslust, Entsagung, Verrat, Mord, um Liebe natürlich, um den Weltuntergang - und immer wieder um Morrissey selbst, diesen größten aller Schmerzensfundamentalisten, die je im Popgeschäft ihr Herzblut vergossen haben. Nur auf die nachgestellte Kreuzigung, die für die aktuelle Bühnenshow der grobschlächtigeren Madonna noch so wichtig war, verzichtet er - nicht nur, weil er für derlei Darbietung viel zuviel Stil hat, sondern auch, weil er ohnehin schon so viel mehr öffentlich leidet und erträgt als andere Popstars.

Noch vor dem ersten Lied läßt sich der Siebenundvierzigjährige von seinen Jüngern ausgiebig feiern. Es sind überwiegend Menschen von Ende Dreißig, die sich heute für den ehemaligen Sänger der "Smiths" die Seele aus dem Leib schreien: ewige Ringelhemdenträger mit ausdünnendem Haar, Indiepop-Vetranen, deren Augen in diesem Jahr vermutlich noch keinmal so leuchten durften, ehemalige Achtziger-Popper im Kampf mit drohendem Bauchansatz - und sogar sieben gezählte Look-alikes mit Haartolle.

Pate des Brit-Pop

Aber auch viele Nachgerückte sind da: Anzugburschen mit deutlichem Willen zum Dandytum und junge Mädchen, die wieder wissen, wie man sich anzieht. Morrissey ist schließlich auch Pate all dessen, was uns seit etlichen Jahren von Bands wie "Franz Ferdinand" als Haltungspop angedreht wird.

Da steht er also vor seinem Pasolini, den Kopf in den Nacken gelegt, mit einem Gesichtsausdruck zwischen Arroganz und gütiger Freude und genießt den Begrüßungsapplaus. Dann warnt er die Jubelnden: "I sing in a foreign language." Noch mehr Jubel. Mit "Panic", einem der größten "Smiths"-Erfolge, eröffnet er den Abend.

Seine Präsenz ist tatsächlich unfaßbar und einzigartig: Mit hinreißend gespielter Genervtheit schlendert er über die Bühne und wirft immer wieder verächtlich das Mikrokabel zur Seite. So muß es ausgesehen haben, als Federico Fellini seinen Lieblingsschauspieler Marcello Mastroianni während der Dreharbeiten zu "Achteinhalb" darin unterwies, wie man korrekt eine Peitsche schnalzen zu lassen habe.

Zwischen Authentizität und Inszenierung

Morrisseys Posen, sein ganzes künstlerisches Selbstverständnis, würden bei jedem anderen in ihrer hysterischen Theatralik lächerlich wirken - bei ihm sieht alles enorm würdevoll aus: Immer wieder stellt er einen Fuß auf die Monitorbox und gestikuliert so wegwerfend, als müsse er sich den gesamten Daseinsschmier von den Händen schütteln - wie ein Truman Capote des Pop, der seine ganze Arroganz und Häme mit all den Verletzungen und Erniedrigungen rechtfertigt, denen er sein ganzes Leben lang ausgesetzt war. Hierin liegt Morrisseys Besonderheit: Er steht genau zwischen Authentizität und Inszenierung, beides durchdringt sich geradezu und läßt ihn wirken wie einen Dylansinatra der Indie-Generation.

Morrissey ist gut gelaunt heute abend, er plaudert und gibt viele selbstironische Scherze zum besten: "Don't feel sorry for me - I'll do that." Nachdem er sich gerade bei "You have killed me" noch einen Schellenkranz als Dornenkrone aufgesetzt und einen Kopfschuß angedeutet hat, beklagt er sich, daß ihn auf seinem heutigen Spaziergang durch Düsseldorf niemand gegrüßt habe: "They must have recognized me." Doch auch den gutgelaunten Morrissey umgibt noch immer eine würdevolle Strenge: Solch einem Mann möchte man keine Beule ins Auto fahren.

Und dennoch gilt seine ganze Liebe den Anhängern. Den Rest der Welt und sich selbst mag er verachten, seinen Jüngern aber ist er bereit, alles zu geben. Nicht anders läßt sich der meistumjubelte Moment des Abends lesen: Zu den Zeilen "But then you open your eyes / and you see someone you physically despise" reißt sich Morrissey das Hemd vom Leib, wirft es ins Rund und führt der Menge seinen mittlerweile etwas rundlichen Körper als Schmerzenskokon vor. Die Halle tobt. Geht er voran, so denkt man, muß man vor dem Weltuntergang oder Weihnachten keine Angst mehr haben.

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Eingeführte

Von Gerhard Stadelmaier

Nachhilfe zuerst: Die „Einführung“ nämlich ist republikweit an allen Theatern das meistgespielte Stück. Es dauert ungefähr eine halbe Stunde. Mehr