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Morrissey in Berlin Der Gladiolator

14.06.2009 ·  Grob, befreiend, laut: Beim Konzert in der Berliner Columbiahalle zeigt sich der ewige Melancholiker Morrissey auf dem Zenit seines Schaffens. Sein Publikum ist hingerissen.

Von Peter Richter
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Seit in diesem Frühjahr „Years of Refusal“ erschienen ist, frage ich mich, warum diese Platte so viel besser ist als Morrisseys letztes Album („Ringleader of the Tormentors“). Mit der Ausnahme von ein oder zwei schwungvolleren Stücken hatte ich da den Eindruck, dass Morrissey nun doch zu der beleidigten, migränekranken Oma wird, für die ihn Leute, die immun sind gegen den Virus der Melancholie, schon immer hielten. Und dann diese Wende: Plötzlich Licht, Luft, Sonne, Lebensgier. Wer hätte das gedacht? Und wie kommt so was?

Meine Antwort, vorläufig: Morrissey ist in seinen neuen Schlagzeuger Matt Walker verliebt und umgedreht. Die beiden wissen das vielleicht gar nicht, aber man hört es. Das ist kein Taktgeben mehr, das sind durchgängige Schlagzeugsoli, nicht enden wollende Trommelwirbel, jedes Lied ein Spielmannszug. Und Matt Walkers Bruder Solomon ist zumindest eifersüchtig; jedenfalls reißt er an den Saiten seines Basses wie ein Sturm an Starkstromkabeln. Die Antwort ist: Morrisseys aktuelle Platte ist „rockig“.

Ist das nicht herrlich? Allein der Ekel, den bereits dieses Wort in die Gesichter der vielen braven Spex- Leser und Antirockisten zaubert, ist es wert. Ja: Bei Morrissey fließt jetzt der Schweiß weißer Männer, und die Gitarren schrubben um die Wette. Und nein: Das ist eben kein bisschen stumpf und heterosexuell, im Gegenteil. Dabei war das eigentlich abzusehen, dass irgendwann - und durch wen, wenn nicht durch ihn? - auch die Pathosformeln der sogenannten ehrlichen und handgemachten Rockmusik endlich einmal den Verwertungsprozessen unterworfen werden müssen, die Susan Sontag in ihrem berühmten Aufsatz über „Camp“ anhand von Tiffanylampen und anderem Kitsch dargestellt hat.

Glück des Melancholikers

„Play very loud“ steht schon auf der Platte. Und als Morrissey am Freitagabend in Berlin auf die Bühne der Columbiahalle trat, spielte er so laut, wie noch nie jemand dort gespielt hatte, lauter als Motörhead und Slayer zusammen. Als Erstes „This charming man“ aus seiner Zeit mit den Smiths. Aber wo sich damals Johnny Marr die Fingerkuppen wund pulte auf der Gitarre, damit es ganz leicht und tanzend klang, da hobeln nun die beiden Gitarristen ihr Plektrum kleiner; es ist, wie wenn ein Satz Vivaldi-Streicher loslegt im Vergleich zu einem Cembalo: grob, aber irgendwie befreiend.

Morrissey sagt: „I am your humble guest“, wird angebetet, legt auch „Ask“ und andere Klassiker der Smiths-Ära tiefer, sagt dann: „After all I am German“, wird bejubelt, spielt „When last I spoke to Carol“, den allereklektischsten Wahnsinn, der je verfasst wurde, eine mundgemalte Urlaubspostkarte mit Flamenco-Gitarre, Mariachi-Trompeten und Stierkämpferposen; „How soon is now“ kommt über die Hörer wie eine Bleiwelle von Richard Serra; er falsettiert ein Passepartout aus höchsten Tönen zusammen, um in dessen Mitte plötzlich wie der Motor eines Panzers zu klingen; er singt „. . . and then you open your eyes / and you see someone / that you physically despise“ - und zieht sich in diesem Moment das Hemd vom mittlerweile auch schon fünfzig Jahre alten Leib; er wird vergöttert, umarmt, geküsst, mit Gladiolen bewunken und vergeht schließlich, als tönendes viktorianisches Gemälde, in einer Aureole aus grandiosem, golddurchwirktem Lärm.

Man kann an einem solchen Abend gar nicht anders, man muss sich Morrissey, den Schmerzensmann, als glücklichen Menschen vorstellen. Die ihn erleben durften, sind das jedenfalls ganz sicher.

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