http://www.faz.net/-gqz-8ymod

Monterey Pop Festival : Sie waren jung und brauchten kein Geld

  • -Aktualisiert am

Gut, Woodstock ist bekannter. Beim Musikfestival von Monterey jedoch formte sich der Geist einer Generation. Bild: AP

Drei Stunden indisches Gedudel, absolute Ruhe im Publikum und bitte nicht rauchen: Wo gab’s denn so was? Bei der Mutter aller Popfestivals 1967 im kalifornischen Monterey. Es war Gründungsmythos und Höhepunkt für die Hippies.

          Rousseau kritisiert 1758 in seinem Brief an d’Alembert über das Schauspiel die „sich abschließenden Schauspiele (...), bei denen eine kleine Anzahl von Leuten in einer dunklen Höhle trübsinnig eingesperrt ist, furchtsam und unbewegt in Schweigen und Untätigkeit verharrend“, also gewissermaßen die „antisozialen Züge der repräsentativen Bühne“ (Rancière). Rousseau setzt dieser Trennung und Passivität, dem reinen Konsum einer Kulturveranstaltung also, das Feiern eines Fests entgegen, an dem alle teilnehmen: „Stellt die Zuschauer zur Schau, macht sie selbst zu Darstellern, sorgt dafür, dass ein jeder sich im andern erkennt und liebt, dass alle besser miteinander verbunden sind.“

          Das Monterey Pop Festival konnte Rousseau nicht vorausahnen, aber mit seinem an der Bühne hängenden Banner „Love, flowers, and music“ setzt es die Forderung des Aufklärers um, die Musiker auf der Bühne und die Menschen davor zelebrieren ein Fest der Gleichheit und des Miteinander, im Geist der Kommune, eine fröhliche Feier: „I saw a community form and live together for three days“, sagt der Rolling Stone Brian Jones am Ende des Festivals.

          Ursprungsereignis der Hippie-Kultur

          Vom 16. bis 18. Juni 1967 fand im kalifornischen Monterey, knappe zweihundert Kilometer südlich von San Francisco gelegen, das erste große Festival der Popkultur statt, das Monterey Pop Festival. Anders als das berühmtere Woodstock-Festival vom August 1969 ist Monterey Pop heute fast nur noch Insidern bekannt, obwohl es ein stilbildendes Festival und ein Ursprungsereignis der Hippie-Kultur war und möglicherweise das Popmusikfestival mit der großartigsten Besetzung aller Zeiten: Jimi Hendrix, The Who, The Grateful Dead, Janis Joplin, The Mamas and the Papas, Simon & Garfunkel, The Byrds, Jefferson Airplane, Booker T., Buffalo Springfield und Otis Redding gehören zu den vielen Musikern, die erst in Monterey Stars wurden.

          „Love, flowers, and music“ forderte ein Banner an der Bühne, und das Publikum gab sich alle erdenkliche Mühe, dem nachzukommen: Auf der Wiese in Monterey.
          „Love, flowers, and music“ forderte ein Banner an der Bühne, und das Publikum gab sich alle erdenkliche Mühe, dem nachzukommen: Auf der Wiese in Monterey. : Bild: Picture-Alliance

          Hier zeigt sich eine Besonderheit des Festivals: die Risikobereitschaft, jenseits aller kommerzieller Erwartungen und Notwendigkeiten, Musiker und Bands aus rein musikalischen Gründen zum Festival einzuladen. Und die kulturelle Vielfalt, die den Organisatoren des Festivals kein Lippenbekenntnis war – sie wollten die ganze Bandbreite der Popkultur ihrer Zeit abbilden, und dazu gehörte auch die Musik, die Rock und Pop beeinflusst hatte, vor allem der Blues, aber auch Soul und Funk, Jazz und eben neuerdings auch die indische klassische Musik. Man stelle sich vor, dass heute bei Rock am Ring, bei Lollapalooza oder auf dem Hurricane-Festival auf der Hauptbühne indische Musiker drei Stunden lang Ragas spielen würden, und man kann ermessen, wie weit die heutige Festival-Event-Kultur vom Ursprung der Popkultur der sechziger Jahre entfernt ist.

          Ein kalifornisches Netzwerk

          Wer waren die Organisatoren von Monterey Pop? Das war die nächste Besonderheit: Das Festival wurde von den Künstlern selbst aus der Taufe gehoben und in weiten Teilen auch organisiert. In weniger als zwei Monaten stellten sie die Sache auf die Beine: John Phillips (von The Mamas & The Papas), der Produzent Lou Adler (auf dessen Dunhill Label „California Dreaming“ und „Monday, Monday“ von den Mamas & Papas herauskamen) und Derek Taylor (der die Pressearbeit unter anderem für die Beatles machte), natürlich „with a little help“ des Konzertveranstalters Bill Graham und des musikalischen Hansdampf in allen Gassen, David Crosby. Über die Bühne ging das alles auf dem Gelände, auf dem sonst das Monterey Jazz Festival und das Big Sur Folk Festival stattfanden.

          Weitere Themen

          Für Wacken reicht der Schnee

          Metal-Festival in Kärnten : Für Wacken reicht der Schnee

          Dass auf den Après-Ski-Hütten in Kärnten ein paar Tage lang Hardrock statt Helene Fischer läuft, hat mit den Problemen des Wintersports zu tun. Und einfach so ins Bett zu gehen, geht gegen die Rockerehre.

          Hier piept’s wohl

          Netzrätsel : Hier piept’s wohl

          Es gibt so gut wie nichts, was es nicht gibt im Netz der Netze: Geniales, Interessantes, Nützliches und herrlich Überflüssiges. Diesmal: Eine Hommage an den Morsecode.

          Aus Müll mach Musik Video-Seite öffnen

          Recycling-Band aus Krakau : Aus Müll mach Musik

          Zuschauer reagieren beim Anblick oft skeptisch. Doch sobald die Musik erklingt, sind alle begeistert. So unkonventionell wie die Instrumente, so skurril ist auch der dargebotene Sound, den die Musiker selbst als eine Mischung aus Rock, Jazz, Soul und Techno beschreiben.

          Topmeldungen

          Die Wahl von Nahles : Die SPD in der Sackgasse

          Andrea Nahles führt eine unversöhnte Partei mit ersten Anzeichen akuter Selbstzerstörung. Der SPD droht ähnlich wie der Linkspartei eine Zukunft als politische Sekte. Ein Kommentar.
          Die Zentrale von Fresenius in Bad Homburg bei Frankfurt.

          Medizinkonzern : Fresenius sagt Milliardenübernahme ab

          Die zweitgrößte Übernahme in der Firmengeschichte von Fresenius ist geplatzt. Der amerikanische Konzern Akorn habe mehrere Voraussetzungen nicht erfüllt, teilte der Gesundheitskonzern mit.

          Sozialstaat : Beendet die Debatte über Hartz IV: Basta!

          Dass Deutschland heute fast schon Vollbeschäftigung hat, hat viele Ursachen: Die Hartz-Reformen gehören dazu. Wer daran jetzt herumfingert, schafft Arbeitslosigkeit. Eine Analyse.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.