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„Mono“ als Lebensphilosophie : Stereo und Multitasking kommen uns nicht mehr ins Haus

  • -Aktualisiert am

Jazzliebhaber schwören nach wie vor auf Mono: Miles Davis und Band bei einem Konzert um 1970 Bild: Picture-Alliance

Ob Miles Davis oder die Beatles: Der Trend geht zur Mono-Aufnahme – auch jenseits des Musikhörens wäre das eine Lösung für etwas mehr Tiefe anstelle von reiner Funktionalität.

          Von John Lennon ist die Behauptung überliefert: Wer „Sgt. Pepper“ noch nie in Mono gehört habe, der habe „Sgt. Pepper“ überhaupt noch nie gehört. Unter Produzenten und Musikliebhabern sind die Vorzüge der Monoaufnahme und -wiedergabe bekannt. Phil Spector zum Beispiel, legendär für seine Zusammenarbeit mit den Beatles, Leonard Cohen sowie Ike und Tina Turner, dazu Begründer der revolutionären Wall-of-Sound-Aufnahmetechnik, war ein erklärter Gegner von Stereo-Produktionen. Brian Wilson von den Beach Boys erklärte mehrmals, dass der einzige Weg für einen Künstler, Musik mit ihrer ursprünglich gedachten Klangästhetik an den Hörer zu bringen, der einkanalige sei.

          Auch später noch bekannten sich Bands wie My Bloody Valentine entgegen dem mittlerweile etablierten Stereo-Trend immer wieder ausdrücklich zur monauralen Tonaufnahme, die, verkürzt gesagt, für mehr Druck und Unmittelbarkeit sorgt. Vor allem im Jazz erfreut sich Mono weiterhin großer Beliebtheit. Das amerikanische Magazin „JazzTimes“ bescheinigte einer Neuauflage von Miles-Davis-Aufnahmen 2013 „einen Crunch und eine Dichte, die im Grunde jede Stereoaufnahme ans hinterste Ende der Plattensammlung verbannt“. Und gerade kam eine Box mit Beatles-Vinyl in Mono auf den Markt.

          Genuss statt reine Funktionalität

          Eine mögliche Erklärung für die anhaltende Beliebtheit der scheinbar veralteten Klangauffassung lieferte der Musiker und Autor Damon Krukowski kürzlich im amerikanischen Online-Musikmagazin „Pitchfork“: „Aufgrund unseres natürlichen, binauralen Gehörs sind Stereoaufnahmen insofern ‚realistischer‘, als sie unserem Hörempfinden der Umwelt als Ganzes ähnlicher sind. Aber die Klangtreue eines Gesamtsounds stimmt nicht notwendigerweise mit der Klangtreue beim Hören von Musik überein.“

          Damit meint er: Wenn morgens auf dem Weg zur Arbeit eine Hupe ertönt, ist es von Vorteil, wenn das menschliche Gehör das Geräusch hinten links einordnen kann – so etwas rettet Leben. Wenn in der Firmenkonferenz ein Mobiltelefon klingelt, sollte man merken, wenn es das eigene ist – so etwas schont Nerven. Da ist unser Gehör vor allem funktional. Der abendliche Musikgenuss hingegen benötigt, wenn sich alle Aufmerksamkeit auf ihn konzentriert, nicht zwangsläufig zwei verschiedene, räumlich voneinander getrennte Tonspuren. Er findet meistens in einem geschlossenen Raum vor einer einzigen Klangquelle statt.

          Mehr als bloßer Soundtrack für das Triviale

          Als Beispiel führt Krukowski die Mailänder Scala an, in der einzig die exakt mittig plazierte königliche Loge über eine perfekte Klangbalance verfügt. Auch wenn man sich das eine Ohr zuhält, verliert das Hörerlebnis hier nicht an Perfektion. Bereits für normale Logenplätze bezahlt der geneigte Musikliebhaber an die tausend Euro. Der Preis steigt, je näher man dem absoluten Mono-Sound kommt.

          Der Unterschied zum Wohnzimmer: In der Mailänder Scala läuft während der Aufführung niemand umher, kocht Essen, holt sich ein Bier, liest ein Buch oder trocknet das Geschirr ab. Die Aufmerksamkeit konzentriert sich komplett auf das Bühnengeschehen. Hier ist die Musik noch Abendprogramm und nicht Soundtrack zu allem anderen, das auch noch anfällt.

          Mehr Mono im Leben

          Das Prinzip Mono (vom griechischen monos für „allein“ oder „einzig“) funktioniert aber schon seinem Wortursprung gemäß nur dann, wenn man sich ihm völlig hingibt. Dann lässt es sich aber auch fernab der Musik auf viele Aktivitäten und Beispiele anwenden. Man könnte zum Beispiel den Fernseh-„Tatort“ einmal versuchsweise ausschließlich auf dem „First Screen“ verfolgen. Zwar wäre die Wochenzeitung „Die Zeit“ dann um ihr beliebtes „Twittritik“-Format ärmer, eine zeitsparende Form der Fernsehkritik, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die „oft viel unterhaltsameren“ Tatort-Tweets aus der Fernsehnation textlich gewinnbringend zu verknüpfen; der Zuschauer müsste die ohnehin knappen neunzig Minuten aber nicht auch noch auf zwei Bildschirme aufteilen.

          Maximale Aufmerksamkeit für alles und Multitasking jederzeit fordern Gesellschaft und Arbeitgeber bereits tagtäglich. Dass das alles andere als gesund ist, ist schon seit längerem bekannt. 2010 veröffentlichte das „Science“-Magazin eine Studie, laut der überhaupt nur ein Bruchteil der Menschheit die nötigen Voraussetzungen für die erfolgreiche parallele Ausübung mehrerer Aufgaben besitzt. Bei allen anderen litten Konzentration und Endergebnis der Arbeit unter der Parallelbelastung. Die Arbeitswelt stört sich daran bisher wenig.

          Ein Grund mehr, nach Feierabend oder am Wochenende auch im sonstigen Leben des Öfteren auf Mono zu schalten. Die Erfahrung ist in jedem Fall intensiver, das Ergebnis der Arbeit besser. Das Glas Wein zur Lieblingsplatte fällt in diesem Zusammenhang zudem noch nicht unter Multitasking.

          Quelle: F.A.Z.

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