27.05.2005 · Am Ausgang gibt es das komplette Konzert gleich auf CD gebrannt: Das hyperaktive Allroundtalent Moby tourt durch Deutschland. Trotz all der Vielfalt, Technik und Gags bleibt ein schaler Nachgeschmack zurück.
Von Michael KöhlerDa sage noch einer, die Tonträgerindustrie sei einfallslos: Den in Scharen in die Offenbacher Stadthalle hereinströmenden Konzertbesuchern werden Flyer gereicht, deren Angebot Fans kaum ablehnen können: Für 25 Euro gibt es gleich nach Mobys Konzert einen frisch gebrannten Silberling mit den kompletten Impressionen des Abends. Ob die Reliquie ihren Preis auch wert ist, steht allerdings auf einem ganz anderen Blatt.
Wie eine Flipperkugel schießt der Animal-Rights-Aktivist, strikte Veganer und militante Nichtraucher auf der von Stroboskopgewitter erleuchteten Bühne zu den Eröffnungsklängen von „Find My Baby“ nervös umher. Ganz hyperaktives Allroundtalent, bedient er mal Gitarre, Baß, Percussion, mitunter auch Keyboards - und vergißt in den kommenden zwei Stunden auch nicht den Einsatz seiner allerdings eher dürftigen Gesangskünste.
Von Jahr zu Jahr mehr Kraft
Grenzgänger Moby, vor 39 Jahren unter dem bürgerlichen Namen Richard Melville Hall in Harlem, New York, geboren, versucht sich seit anderthalb Dekaden listig allen gängigen Klischees und Kategorisierungen zu entziehen - muß aber von Jahr zu Jahr mehr Kraft aufwenden, um nicht doch noch vom Zeitgeist überrannt zu werden. Seine mittlerweile ebenso inkonsequenten wie nur noch wenig überraschenden Ausflüge in so unterschiedliche Genres wie Punk, Techno, Trance, Metal, Folk, Pop und Rock werden bei seinen vier Begleitmusikern zum überanstrengten Resümee postmoderner Popzitatkultur.
Neben wenigen positiven Beispielen wie den zehn Jahre alten Clubhymnenklassikern „Go“ und „Feeling So Real“ spielt Moby sich vor allem durch seine jüngsten drei Alben: Das eklektizistisch gesammelte Durchbruchswerk „Play“ mit immerhin sechs erstklassigen Single-Auskopplungen, von denen vor gut sechs Jahren mehr als zehn Millionen Einheiten verkauft wurden. Die bislang nicht ganz so oft verlangten, weit weniger durch Innovation glänzenden Blaupausen „18“ und „Hotel“ vereinen noch mehr Stilblüten im konsequenten Sample-Fadenkreuz.
Streicher an der Kitschgrenze
Die Transformation alter Soulsprengsel, Bluespartikel und Gospelelemente ins Digitalzeitalter bleibt auch weiterhin ein Eckpfeiler in Mobys OEuvre. Verkappte Elektronik-Beats, unterschwelliges Jazz-Piano, ein schleifenartig repetierender, oft hysterischer Gesangsstil - grandios unterstützt durch die auch als Solistin agierende Soulstimme von Laura Brown - sowie dezente, mitunter gefährlich bis an die Kitschgrenze reichende Streicher aus dem Synthesizer sind die Zutaten, aus denen Moby sein weltweites Erfolgsrezept kreiert.
Doch die aus Alt-mach-neu-Kunstwerke erinnern fatal an Glutamat-Suppenpulver aus der Instanttüte. Die Aromastoffe sind nur naturidentisch, die Inhalte gefriergetrocknet und zum Verzehr innerhalb des knappen Verfallsdatums bestimmt. Geklonte Melodien, geklaute Songfragmente und Gefühle aus zweiter Hand - trotz all der Vielfalt, Technik und Gags bleibt oft ein schaler Nachgeschmack zurück. Klammheimlich macht sich Langeweile breit.