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„Younger Now“ von Miley Cyrus : Deine Stimme zählt

Diese Stiefel sind nicht nur zum Spazieren gemacht: Miley Cyrus ist nichts Menschliches zwischen Country, Rock und Tanzmusik fremd. Bild: Getty

Vom Sexfratz zur Country-Rock-Hoffnung: Auf ihrem neuen Album „Younger Now“ singt Miley Cyrus sich die Welt größer. Eine Suche nach der Idee hinter dem mileyzentrischen Spiel.

          Aus dem Rascheln arbeitet sich eine zundertrockene Gitarre nach vorn, darüber meldet die Prinzessin auf der Erbse einen verschwommenen Zustand: „Feels like I just woke up, like all this time I’ve been asleep.“ Ein Schlagzeug bringt Bewegung rein, Veränderung, denn „nooo one stays the same“, der Beat fällt in netten Galopp, dieses Pferdchen hat Flügel – so muss ein Album anfangen, mit dem Titelstück: „Younger Now“.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          „Album“ heißt hier: komplettes Klangbuch, von einem Zentralmotiv durchdrungen, elf Stücke, aufs Hintereinanderhören angelegt, also keine brandneue Büchse voll Trällermelodieluftschlangen, was auch okay gewesen wäre (Kunst darf ja alles, was sie kann).

          Aber wieso „Younger Now“? Das Archiv erkennt eine Nobelpreisträgeranspielung; bei Bob Dylans heißt es in „My Back Pages“: „Ah but I was so much older then, I‘m younger than that now.“ Jüngerwerden, inwiefern? Hat die vierundzwanzigjährige Destiny Hope Cyrus, weltbekannt als Miley, geboren in Williamson County nahe Nashville in Tennessee, einer der reichsten Gegenden der Vereinigten Staaten, umzingelt von Unterhaltungsstars wie Faith Hill und Dolly Parton, vielleicht was nachzuholen, eine Pubertät zum Beispiel?

          Strich unter die Disney-Rechnung gemacht

          Als Kind und Jugendliche war sie „Hannah Montana“, Akkordarbeiterin und Warenzeichenträgerin des Disneykonzerns, die am Drehort ihrer Show mit hochbezahltem Personal der privaten Bildungsagentur „Options for Youth“ Mathe büffeln musste, wenn die Kameras gerade aus waren. Will sie, „younger now“, endlich in die Schule? Disney-Kolleginnen wie Britney Spears oder Selena Gomez haben die Zeit bei der Maus nicht immer glatt verarbeitet, frühes Ausbrennen kam vor, Abschmieren und Angeschmiertwerden von der Skandalöffentlichkeit, Drogengerüchte, Schmuddelschnappschüsse...

          Miley Cyrus hat ihren Strich unter die Disney-Rechnung mit einem sehr dicken Stift gezogen: Die Verwandlung von der idealen Schwiegertochter zum Sexfratz fand mitten im Schaufenster statt, schien aber kein Kontrollverlust. Eher sah es so aus, als hätte sie vor dem Abstreifen der Klamotten die jüngere Kulturzeitgeschichte studiert und dabei gelernt, dass die sogenannte sexuelle Befreiung der Sechziger jungen Frauen nur vordergründig den erotischen Subjektstatus versprach, um sie dann schleunigst in die symbolische Prostitution einfältiger Verfügbarkeitsposen zu verkaufen. Um nicht auf dergleichen auszurutschen, suchte sich Frau Cyrus für ihre entblößte Phase, deren Hauptattraktion das Nackedei-auf-der-Abrisskugel-Video zur Mammutballade „Wrecking Ball“ war, ein paar anspruchsvolle Zeigeplattformen, stellte mit langen, lustigen und smarten Interviews zu den Fotostrecken jeweils einen künstlerischen Kontext her (fürs fingerfarbenversaute Para-Porno-Feature im New Yorker „Paper“ 2015, inklusive lebendiges kleines Schweinchen, etwa den Frage-Antwort-Essay „Miley Cyrus: Use your voice“) und fläzte sich in Räumen, die Otto Normalvoyeur meidet, weil er da Sachen zu sehen kriegt, die seine Geschlechternormen anzünden – die wildesten Bilder gab’s im „Candy Transversal“-Magazin zu sehen, fotografiert vom in jeder Hinsicht unmöglichen Terry Richardson, umgeben von konfrontativ schönen Inszenierungen verweigerter Rolleneindeutigkeit.

          Als ein Jahr später das Video zur ersten Vorabsingle der „Younger Now“-Kampagne ins Netz fiel, „Malibu“, schien der Hormonsturm schon wieder ausgestanden. Jetzt gab die Künstlerin sich zwar nicht reuig, aber doch reifer, als habe eine Seele, deren Selbstenthemmung einem tieferen autotherapeutischen Zweck gefolgt sein muss, das Lenkrad nur mal kurz losgelassen und lege jetzt die rechte Hand wieder drauf, um gelassen gegenzusteuern, bevor es in den Graben geht, wo viele sie schon liegen sahen – nicht nur sexhalber, sondern schon beim künstlichen Medienaufruhr um die berüchtigten Verse „So la da da di we like to party / Dancing with Molly“ aus ihrem 24-Karat-Tanzschlager „We can’t stop“.

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