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Midem Klingelgeld: Die Musikbranche feiert sich selbst

29.01.2007 ·  Auf der weltgrößten Musikmesse in Cannes debattiert man nicht mehr darüber, wie man jene, die kostenlos Musik aus dem Netz beziehen, bestrafen kann - sondern wie man sie wirkungsvoll mit Werbung bombardiert.

Von Wolfgang Sandner, Cannes
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Das Majestic Barrière, direkt an der Flanierstraße Croisette in Cannes gelegen, eines der Nobelhotels in der Nobelstadt an der noblen Côte d'Azur, machte eine Woche lang nicht den anderen „Leading Hotels of the World“ Konkurrenz, sondern eher Paddington Station. Wer durch die Lobby zum Aufzug oder zur Rezeption wollte, zum Frühstück oder in irgendeine Lounge, musste sich durch eine vorwiegend englischsprechende Menschenmasse drängen wie zu Stoßzeiten auf einem Londoner Umsteigebahnhof.

Nicht die Schönen und die Reichen hatten das Majestic und im Grunde ganz Cannes fest im Griff, sondern die internationale Musikindustrie, vertreten durch schlecht gekleidete junge Männer, die auf der alljährlich im Januar stattfindenden Midem, der weltgrößten Musikmesse, mit pausenlos aktiven Mobiltelefonen, Laptops und iPods den Beweis antraten, dass die Welt des Showbusiness glitzern kann, wie sie will. Die Fäden laufen in den Händen von mausgrauen Dealern zusammen. Was von denen aber gehandelt wird, ist immer weniger leicht auszumachen.

Naive Außenstehende könnten meinen, auf einer Musikmesse gehe es vor allem um Musik. Irgendwie geht es auch darum, aber nicht in erster Linie. Ganz früher einmal hatte man, wenn schon nicht für Musik, dann doch wenigstens für den Sound etwas übrig. Für die Verpackung also. Dann kümmerte man sich lange Zeit um die Performance. Also auch um eine Art von Verpackung. Heute geht es vor allem um Advertiser-funded Downloads. Das klingt kompliziert. Aber es ist immer noch die Verpackung, die gemeint ist. Das Problem aber, das dahinter steht, ist wahrlich ein globales. Und es hat noch weniger mit Musik, das heißt mit von Musikern gespielten oder gesungenen Tönen, zu tun.

Turning privacy into profit

Robin Kent, Gründer von „SpiralFrog“, einer Gesellschaft für Online-Music, hat es auf den Punkt gebracht. Die Musikindustrie habe Generationen - die heute zwischen dreizehn und vierunddreißig Jahre alten Musikkonsumenten - verloren, diejenigen nämlich, die ihre Musik illegal beziehen. Jetzt müsse man sehen, wie man die gesetzeswidrige Nutzung von Musik im Internet kanalisieren könne. Von Eindämmen, gar von Strafverfolgung reden die Kenner natürlich nicht. „Turning piracy into profit“ heißt die Losung. Denn was man nicht verbieten kann, muss man für sich nutzen. Wenn Millionen von Verbrauchern weiterhin illegal Musik auf ihre Computer und tragbare Abspielgeräte herunterladen, dann müsse durch begleitende Werbung der Ausfall an Lizenzgebühren für die Rechteinhaber kompensiert werden, wie es ähnlich schon die Websites „MySpace“ und „YouTube“ vorgemacht haben. Das Prinzip heißt in der Sprache des Musikgeschäfts „Turning freeloaders into ad-friendly downloaders“. Zu gut Deutsch: Lassen wir die Kids doch ruhig die Musik kostenlos beziehen, wenn wir sie gleichzeitig mit für uns einträglicher Werbung bombardieren können.

Das mag von einem kommerziellen Standpunkt aus klug sein, vor allem, wenn man sich ein paar Zahlen vor Augen hält, die etwa die Internationale Gesellschaft der phonographischen Industrie (IFPI) oder die Gema veröffentlicht haben. Die globale Musikindustrie hat im Jahr 2005 nur noch relativ bescheidene 33 Milliarden Dollar verdient, verglichen mit vierzig Milliarden zehn Jahre zuvor. Die deutsche Verwertungsgesellschaft Gema, die neben einundzwanzig deutschen Firmen aus der Musikindustrie ebenfalls auf der Midem vertreten war, konnte im Jahr 2005 zwar einen Ertrag von 850 Millionen Euro verbuchen, der an die Urheber ausgeschüttet wurde. Dass davon aber nur etwa fünf Millionen Euro, also nicht einmal ein Prozent, durch „Online-Music“ erzielt wurde, zeigt das ganze Ausmaß an illegaler Nutzung.

Kreativität in der Nebenrolle

Im Übrigen, und auch das gehört zu der Veränderung von Gewinnmargen durch die neuen Technologien, ist das größte Geschäft zurzeit jenes mit den nicht mehr als ein paar Sekunden dauernden Klingeltönen für Mobiltelefone. So hat die Gema in die Liste der Bestseller für Aufführungen, Rundfunksendungen und Tonträger mittlerweile eine Rubrik „Ringtone Melodies“ aufgenommen, an deren Spitze im Jahr 2005 „Axel F“ von Harold Faltermeyer stand. Das eigentliche Problem aber, das von den neuen Medien ausgelöst wurde, scheint mehr und mehr und eben auch von den „Freeloaders“ verdrängt zu werden: dass Kreativität nur noch eine Nebenrolle spielt, vor allem aber, dass die Urheber von Kunst ihre Leistungen im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr honoriert bekommen.

Immerhin scheint sich wenigstens die internationale Jury, die die „Midem Awards“ vergibt, dieses Problems in diesem Jahr mehr als sonst bewusst gewesen zu sein. Denn neben den Auszeichnungen für Popmusiker jeder Couleur ging der Preis für das künstlerische Lebenswerk an den Komponisten Henri Dutilleux, „Persönlichkeit des Jahres“ wurde der Gründer des Montreux Jazz Festivals, Claude Nobs, „Künstler des Jahres“ der Pianist und Dirigent Christian Zacharias, und als „Label des Jahres“ wurde ECM aus München ausgezeichnet. Die von Manfred Eicher 1969 gegründete unabhängige Firma hält mittlerweile über eintausend CDs im Katalog, hat mit verlegerisch vorbildlicher Arbeit zwar auch auf die Verpackung ihrer Produkte Wert gelegt, aber nie das ästhetisch Wesentliche vergessen: die Musik selbst.

Quelle: F.A.Z., 29.01.2007, Nr. 24 / Seite 35
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Jahrgang 1942, freier Autor im Feuilleton.

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