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Mick Jagger zum Siebzigsten Naschen in Teufels Küche

Sex muss nicht irdisch sein, Blues nicht Trübsinn stiften, dafür darf Schauspielerei wahrsagen: Mick Jagger ist ein dämonisches Vorbild. An diesem Freitag wird der Sänger der Rolling Stones siebzig Jahre alt.

© AFP Vergrößern Zwischen Aubrey-Beardsley-Posen und ägyptisch-arabischen Schlangentanz: Mick Jagger

Blues ist, wenn Musik an den Rosen, deren Duft alle Menschen gern riechen, gerade die Dornen lobt - das waren Muddy Waters, Big Mama Thornton und Robert Johnson. Rhythm and Blues ist, wenn die Hände bluten, weil man die nervösen Finger einfach nicht von diesen verdammten Rosen lassen kann - das war Chuck Berry. Bluesrock oder Beat ist, wenn man sich zwischendurch die blutigen Finger ableckt und dabei merkt, es schmeckt toll - das waren und sind die Rolling Stones, selbst als trübe Tassen, an blassen Tagen (1983 bis 1994 zum Beispiel).

Dietmar Dath Folgen:  

Michael Philip Jagger - „Mick“ für den Pöbel und die Kulturgeschichte, „Sir Michael“ für die galante Welt - hat jede verfügbare Rose geraucht, jeden Dorn abgeknabbert, sich Glycerin gespritzt, Cayennepfeffer geschnupft, mit Wespen und Füchsen beliebigen Geschlechts geschlafen sowie außer recht guten auch ein paar eher kuriose Sololeistungen, Kollaborationen und Filmausflüge riskiert, derentwegen Geschöpfe von minderer Selbstliebe - sagen wir: Paul McCartney oder Udo Jürgens - vor Scham verwelkt wären. Nicht alles, was ihn künstlerisch umtrieb, erreichte die breitere Öffentlichkeit. Auf geregelten Märkten unzugänglich und daher legendär bleiben bis heute Aufnahmen, die er vor rund zwanzig Jahren mit den hungrigen Red Devils (vormals Blue Shadows) und dem Produzenten Rick Rubin veranstaltet hat.

Mick Jagger wird 70 Mick Jagger während eines Auftritts 1973 in der Hamburger Ernst-Merck-Halle © dpa Bilderstrecke 

Andere verborgene Schätze mögen in namenlosen Archiven ruhen. Gelangweilt kann Jagger sein fleißiges Schaffen und Leben nicht oft haben, gesättigt aber auch nicht - „I can’t get no satisfaction“ ist nun mal die Zeile aus seinem OEuvre, die sich alle Welt gemerkt hat. Sie wurde allerdings missverstanden: Gemeint war keine antizivilisatorische Impotenzklage, sondern ein qualitatives Missverhältnis von Angebot und Nachfrage. Was die Gegenwart zu bieten hatte, war dem lyrischen Ich, das sich da beschwerte, nicht zu viel oder zu unecht; es war bloß das Falsche.

Zu jenem Missverständnis kam es, weil sich an der einprägsamen Zeile die beliebte, für den pornographisch verarmten Triebhaushalt von Massenkonsumenten maßgeschneiderte Vorstellung festmachen ließ, es sei beim Rock ’n’ Roll und damit auch bei Jaggers einzigartigem Flunsch, seinen Aubrey-Beardsley-Posen, seinem ägyptisch-arabischen Schlangentanz und dem mohnbitteren Hauch des Todes, der über jeder Anzüglichkeit schwebt, die er je genölt hat, vor allem darum gegangen, die Ur- und Naturkraft des (dabei stets monoton phallisch gedachten) Sexus von allerlei Spießerkonventionsfesseln zu befreien.

Dieses Hirn rechnet gern

Man muss schon sehr oberflächlich hinhören, sehr ungenau hinsehen wollen, um diese entsetzliche Plattheit im Ernst zu glauben - wie die Taumelphilosophin Camille Paglia und Millionen enttäuschter Überlebender der Swinging Sixties. Denn je lüsterner Jaggers Lippen zucken, je gespaltener seine Zunge zischt, desto deutlicher wird im Kontrast dazu das, was die Augen des Sängers verraten: Dieser Mann - „a male and female man“ laut Anita Pallenberg, „the bitch“ laut Keith Richards - sieht sich und seine Umgebung keineswegs durch die dionysische Gierbrille, sondern allzeit eisklar. Dieses Hirn rechnet gern.

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