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Metallica-Konzert Killer, Künstler, Krisenfresser

13.05.2009 ·  „Verausgabung“ wird von ihnen als musikalischer Fachbegriff verstanden und verwirklicht: Metallica, eine der erfolgreichsten Rockbands der Welt, zeigen mit neuer Spielfreude und einer uralten, unzerstörbaren Grundhaltung, was echte Schmerzen sind.

Von Dietmar Dath
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Eine schöne Maschine steht unweit der Frankfurter Festhalle: kurze Rückenlehne als Steißbeinstütze, Mehrscheiben-Kupplungssystem, Kickstarter, riesige Gussspeichenräder. Wo ist die Besitzerin oder, wenn es denn sein muss, der Besitzer? Rübergegangen natürlich, in die Halle, um einer anderen Maschine zuzuhören, die fast genauso schön ist und von vier Millionären bedient wird, die, wenn sie nicht gerade Investment-Portfolios verbrennen, sich für Computerspiele („Guitar Hero“) in Pixelmarionetten übersetzen lassen oder komische Kunst ersteigern, mit altem Öl und Rostwasser gurgeln, um sich zu entspannen.

Das Publikum wird weichgewalkt: Zwei Vorgruppenauftritte, zu deren ausführlicher Würdigung hier der Platz fehlt (The Sword: Gesangsprobleme, Fiepen, trotzdem breites Grooveglück; Machine Head: Dampfen, Sprühen, „Hallowed be thy Name“ von Iron Maiden, wilde Stretta, total geile Musik), formatieren die Ohren, dann holt man noch rasch Bier, und endlich weiten sich die Herzen, Lungen, Ohrläppchen, denn jetzt versammelt der üppige Orchester- und Chorschaum von Ennio Morricones „Ecstasy of Gold“ uns Lärmwillige um die in der Hallenmitte errichtete Bühne. Es brandet, brodelt, schwappt; endlich stehen Lars „Kurze Rückenlehne“ Ulrich (Schlagzeug), Kirk „Mehrscheiben-Kupplungssystem“ Hammett (Lead-Gitarre), James „Kickstarter“ Hetfield (Rhythmusgitarre, große Gefühle & Gebrüll) und Robert „Gussspeichenräder“ Trujillo (Bass) da, wo sie hingehören, und machen Lärm.

Erst einmal: altes Zeug

Zunächst greift man ins Kurzzeitgedächtnis und zockt flink die beiden Eröffnungsnummern der neuen Platte „Death Magnetic“ (siehe auch: Neue Platte von Metallica: Vier Väter im Steinbruch ihrer Werke) runter, während Laserstrahlen-Laufbänder, messerscharfe Lichtgitter und heisere Schreie aus dem Moshpit die erforderliche Atmosphäre einrichten. Hetfield, bestens bei Stimme und als Kind in einen Kessel Charisma geplumpst, schmeißt mit beiden Händen Laune um sich; ein brennender Faschingsprinz. Der Chef schrubbt auf seinem Brettchen, durchmisst sein Reich in engen Hosen, steigt auf Kisten und Kästen, dann lehnt er sich locker ans Mikro und sagt: „We've got some new stuff for you ... but right now ... old stuff!“

Das wirkt aufs Volk, als würde der Papst bei der Osterpredigt plötzlich seiner vom Eifer der Rechtschaffenheit beseelten Gläubigenmenge zurufen: „Wisst ihr was, vergesst das ganze komplizierte Zeug, hier ... kommen ... die ... Zehn, Zehn ... Gebote!“ Die Nummer heißt „No Remorse“, stammt von der allerersten Platte „Kill 'em All“ aus dem Jahr 1983 und besteht im Wesentlichen aus einem von langer Hand zähgestreckten Strophe-Refrain-Pulsvorspiel für den unfassbaren Moment, in dem Hetfield enthemmt „Watch ouuut!“ schreien darf, woraufhin seine Kollegen und er einen Beschleunigungsexzess aus ihren Körpern und Geräten prügeln, dass es nur so Sternchen spritzt.

Ein Duft aus Teer, Socken und Seegrasmatratzen

Das militärisch geschulte Auge erkennt im weiteren Verlauf der Ausschreitungen zwei Grundbewegungsmuster: in der Mitte zusammenziehen, vorn an den Rändern ausschwärmen. Immer wieder rotten sich flüchtige Dyaden, manchmal auch Triaden, um Lars Ulrichs Schlagzeug zusammen; wahrscheinlich hat er bei Proben einen Laptop zwischen den Knien und ein Handy ums Handgelenk geschnallt; da wird dann immer gemeinsam gebloggt, gegoogelt, getwittert und geskypet. Diese Minipartys zerfallen jedes Mal so schnell, wie sie entstanden sind, denn irgendetwas scheint die Band von oben, außen zu bedrohen, ein Luftangriff wahrscheinlich - jedenfalls arbeiten Hetfield, Hammett und Trujillo sich zwischen ihren Feuerstellungen im rechteckigen Gegenuhrzeigersinn ohne Verzug von Frontlücke zu Frontlücke, verteidigen ihren Ruf als einsatzerfahrene Flakartillerie und inhalieren zwischendurch dankbar unseren Duft, komponiert aus Teer, Socken und Seegrasmatratzen.

Das Repertoire kennt jede wünschbare Temperatur: Es gibt kristalline Polarlandschaften (“Holier than Thou“), herbstliche Stürme (“Sad but True“) und brennend heißen Wüstensand (“My Apocalypse“, das hektischste Killer-Stachelschwein von der neuen Platte, von dem Hetfield, weil es so gut ankommt, verspricht, dass sie es von nun an „for a long time“ häufig spielen werden).

Es tut weh, aber es ist Liebe, ihr Hunde!

Das erfreulichste Erlebnis für Leute, die diese Band seit Jahren oder gar Jahrzehnten begleiten, ist die Wiedergeburt des Kirk Hammett: Nachdem man ihm auf „St. Anger“ 2003 noch verboten hatte, sich wie früher freihändig dudelnd zu exponieren, zerrt er jetzt, als wäre nix gewesen, jaulende Wunderkerzen aus den schwarzen Rebholzknorren, als die seine Soli tief im Grummelboden des Gesamtsounds beginnen, umwickelt den Segen mit Bindedraht, färbt ihn mit Herzblut, legt den Kopf zurück und freut sich, dass er so einen tollen Beruf hat.

Überhaupt verschenkt das Quartett zwischen den schweren Stiefeltritten, für die es bezahlt wird, gar nicht so selten Augenblicke, die man rührend, womöglich sogar lieb nennen muss: „Broken, Beat and Scarred“, ein Stück über echte Schmerzen (wie in: Trink mal Säure, iss mal Glasscherben, dann weißt du, was echte Schmerzen sind!), wird von Hetfield angekündigt als Bekenntnis zum heiligen Bund zwischen Metallica und uns, dem krawalltrunkenen Pöbel - es tut weh, aber es ist Liebe, ihr Hunde! So frisst man gemeinsam alle Krisen auf; vorausgesetzt, es trauen sich welche, zu erscheinen. Keine Rede davon: Selbst Ulrichs Tretmühle bebt heute Abend auf schwer bestimmbare Weise gekonnter als früher - obwohl der Schlagzeuger immer noch der technisch schwächste Musiker dieser Band ist, hat er seine Wirbel, Kreuz- und Doppelschläge ordentlich genug sortiert, um dem Gesamtablauf nie zu schaden und häufig glänzend nützlich zu sein. Er macht, heißt das, nicht nur keine Fehler, sondern hält gelegentlich, wenn Hetfields, Trujillos oder Hammets Konzentration kurz nachlässt, sogar den Laden zusammen.

Hirnlos glücklich durch die Hitze

„Verausgabung“ wird von diesen vier Menschen als musikalischer Fachbegriff verstanden und verwirklicht; der Zugabenteil beginnt nach zwei Stunden Kernkonzert mit Coverversionen (Motörhead, Diamond Head) und endet mit „Seek and Destroy“ aus allen anwesenden Kehlen. Schwarze Luftballons segeln hirnlos glücklich durch die Hitze, danke schön.

Soll heißen: Wer diesen Bericht vor einer mehrfarbigen Blitzlichtanlage volltrunken dreißigmal hintereinander laut brüllend vorliest, kriegt vielleicht eine ungefähre Vorstellung davon, wie schön das alles war. Vielleicht.

Weitere Konzerte:

Donnerstag, 14. Mai: Stadthalle, Wien (A)
Samstag, 16. Mai: König-Pilsener-Arena, Oberhausen
Sonntag, 17. Mai: Lanxess Arena, Köln

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