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Metallica in Berlin Diese Suche geht weiter

14.09.2008 ·  Metallica weihen mit ihrem Berliner Konzert die neue O2-Arena ein und geben sich dabei ganz klassisch. Eleonore Büning hörte zwei Stunden gute, laute, harte Rockmusik und sah eine Band, die auf ihre eigene Geschichte zurückblickte.

Von Eleonore Büning
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Magst du den Tod nicht mehr fürchten, älter wirst du trotzdem. Auch wer die Apokalypse ästhetisch fest hinter Gitter gebracht hat und alle letzten Dinge in der Einzelhaft elaborierter Riffs sicher unter Verschluss hält, kann nichts dagegen tun, dass die Haare schütter werden, der Atem kürzer, das Kinn schlaff. Vielleicht war es das Erstaunlichste bei der Record-Release-Party für das neue Metallica-Album „Death Magnetic“ Freitagnacht in der neuen O2-Arena, mitzukriegen, dass der Hintern des furchtlos tanzenden Fauns Lars Ulrich inzwischen so geschrumpft ist, dass er in keine Hose mehr passt. Alle vier Bandmitglieder sind heute glückliche Familienväter. Sie haben zusammengerechnet mehr Kinder als Studioalben in die Welt gesetzt. Das ist, demographisch betrachtet, letzten Endes eine ganz hoffnungsvolle Bilanz.

Metallica-Fans sind brave Jungs (überwiegend Jungs; Metal rechnet rätselhafterweise zu den letzten Rückzugsgebieten des male chauvinism). So stehen nun also diese finsteren Knaben aller Altersklassen artig wartend stundenlang vor der neuen Arena herum, obgleich der offizielle Einlass schon lange vorbei ist, und lassen sich in Schach halten von dreieinhalb Wachleuten und einer lächerlich streichholzdünnen Absperrung. Einige pfeifen oder johlen ein bisschen. „Det sollen Rocka sein? Warte, bis Grönemeyer kommt“, sagt vertraulich (Frauen müssen hier zusammenhalten) eine der O2-Servicedamen, die alle noch unbenutzt aussehen wie frisch aus der Vakuumverpackung, wie überhaupt das ganze neue eiförmige Mehrzweckstadion.

Laut, hart und korrekt

Wir Privilegierten dürfen uns den lämmerfrommen Menschenhaufen, der auf geschätzte 17.000 anwachsen soll, von oben betrachten, von der umlaufenden Terrasse aus, die das Glitzer-Ei wie ein Gürtel zusammenhält. Grund für die Warterei ist, dass Metallica, die die Arena heute offiziell einweihen, drinnen noch üben. Tatsache: Sie üben! Systematisch, fleißig, eisern, wie vier Konservatoriumsstudenten vor der Zwischenprüfung. Keine kurze Anspielprobe, sondern ehrlich am Detail gefeilt und danach die Nummer einmal durchgespielt. So memorieren sie erstens drei Lieder vom neuen Album, die sie bisher noch nie live gespielt haben: „That Was Just Your Life“ (lauwarm, kirchentonal, statisch), „The End of the Line“ (schon besser) und (noch schneller, noch dichter:) „Broken, Beat & Scarred“.

Außerdem zwei Stücke älteren Datums, die sie länger nicht mehr live gespielt haben: „Frantic“ mit den heimwehkranken Echo-Ostinati und „Of Wolf and Man“, Stiefkind vom Schwarzen Album. Später, im Konzert, das ohne Vorband und ohne Pause und ohne Zugabe und ohne langes Gequatsche und ohne Videosättigungsbeilagen korrekt durchgezogen wird - zwei Stunden gute, alte, laute, harte Rockmusik, puristisch performed mit viel Beinarbeit auf einer sensationell langen Mittelbühne -, gibt es außer den drei präparierten doch noch zwei weitere Kostproben vom neuen Album: „Cyanide“ sowie die Ballade vom Tag, der niemals kommen wird.

Das war ihr Leben

Da können gleich wieder alle mitsingen: „The Day that Never Comes“ erschien bereits vor zwei Wochen als Single. Ein Wolf-im-Schafspelz-Lied. Fängt familienväterlich an. Dann brennen die Sicherungen durch, und die Gitarrenhengste Hetfield und Hammett versuchen einander im Duell zu töten. Live verstärkt sich der Eindruck, dass Metallica mit „Death Magnetic“ wieder zurückkehren wollen zu dem Sound, wie sie klangen, bevor sie berühmt wurden. Da ist es nur konsequent, dass sie den Rest des Berliner Konzerts mit Klassikern bestreiten: zwölf Stücke aus alten Alben, großteils aus den Achtzigern, gar nicht mal die beliebtesten, auch nicht die besten. Aber Musiken, die technisch oder biographisch oder schicksalshafterweise so etwas wie Wegmarken waren. Vier Männer in den besten Jahren blicken zurück. Das war ihr Leben. Sie haben enormen Spaß dabei: „This search goes on.“ Die Halle tobt.

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