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Veröffentlicht: 22.07.2011, 15:32 Uhr

„Melt!“-Festival Tanz vor dem Bergbaubagger

Das „Melt!“, das größte europäische Indie-Festival, zog wieder Zehntausende in die Eisenstadt Ferropolis bei Dessau. Beim Tanz vor den stählernen Zeugen des Braunkohleabbau lief Jarvis Cocker zu Hochform auf.

von Matthias Schmidt
© dpa Ein Festival mit metallischem Charme: die Hauptbühne des „Melt” in der Baggerstadt Ferropolis

Als der Popbarde Andreas Dorau sich bei seinem Auftritt am Samstagnachmittag trotz Atemnot weigerte, sein Jackett auszuziehen und das Konzert nur im Hemd fortzusetzen, passte er noch eine Spur besser auf das „Melt!“-Festival. Bereits zum vierzehnten Mal fand das Open Air in Ferropolis, der „Stadt aus Eisen“ in der Nähe von Dessau, statt. Zum dritten Mal in Folge war es schon im Vorfeld ausverkauft. Auch in diesem Jahr stand - genau wie für Dorau bei seinem Konzert - neben der Musik vor allem das eigene Outfit im Mittelpunkt. Zahlreiche Verkleidungen waren auf dem Festivalgelände zu sehen, egal ob Brautkleider, Tier- oder Superheldenkostüme. Und wer nicht verkleidet war, der hatte zumindest etwas glitzernde Schminke oder immerhin eine der momentan angesagten riesigen Hornbrillen dabei.

Ein Grund für Doraus Atemnot war das Wetter: Als er am späten Samstagnachmittag auf der Bühne stand, herrschte strahlender Sonnenschein. Man war dankbar, dass die Auftritte auf dem „Melt!“ immer erst gegen siebzehn Uhr beginnen, denn so konnte man die heißeste Zeit des Tages im Baggersee verbringen. Und das Tanzen an der eigens angelegten Strandbühne auf dem Festivalgelände machte so noch mehr Spaß. Egal welcher DJ dort gerade auflegte, immer war es gerade an dieser Bühne voll. Nicht jeder tanzte, viele saßen einfach im Sand oder auf der nahen Wiese, hörten der Musik zu und genossen die atemberaubende Kulisse. Nicht wenige blieben, bis das Festivalgelände in den frühen Morgenstunden schloss.

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Vor der Wende war die heutige „Stadt aus Eisen“ ein Braunkohleabbaugebiet. Das merkt man nicht nur am dadurch entstandenen Baggersee, sondern vor allem an den riesigen Baggern, die das Festivalgelände zu einer Art Freilichtmuseum machen. Zusätzlich verliehen sie dem Festival auch dieses Jahr ein ganz eigenes industriekulturelles Flair, vor allem, als sie nachts von Lichtkünstlern in Szene gesetzt wurden. Das Festivallogo wurde dann auf einige der Stahlgiganten projiziert, während andere durch die farbige Beleuchtung auch von weitem noch sichtbar waren. Schaffte man es noch im Dunkeln zurück zum Campinggelände, hatte man selbst dort noch einen tollen Ausblick.

Melt-Festival © dapd Vergrößern Tanzen zwischen Bergbaubaggern

Jarvis Cockers Bühnenakrobatik

Auch die Bühnen selbst wurden in buntes Licht getaucht, vor allem, wenn es der gerade auftretenden Band ums Feiern ging. Auffallend dabei: Auch aus Island wird heute gutgelaunte Musik exportiert. Während früher vor allem komplizierte und bevorzugt melancholische Klänge à la Sigur Rós und Björk für die Musikszene des kleinen Landes standen, waren mit FM Belfast und Retro Stefson in diesem Jahr gleich zwei Bands aus Reykjavík zu Gast, für die sichtlich der Spaß im Vordergrund stand. Bei ersteren feierte das gesamte Publikum mit der Band gemeinsam, die bei ihrem Lied „Underwear“ sogar nur noch in Unterwäsche auf der Bühne standen.

Sonntagnachmittag begann es, pünktlich zu Beginn des Musikprogramms, zu regnen. Manche reisten deshalb frühzeitig ab, andere versuchten, an einer der überdachten Bühnen Unterschlupf zu finden. Selbst die „Intro-Kneipe“ der gleichnamigen Musikzeitschrift, die auch als Veranstalter des Festivals auftritt, war plötzlich gut gefüllt. Bei den Lesungen und Filmen, die an den Abenden zuvor zu sehen gewesen waren, hatte das Publikum manchmal nur aus wenigen Leuten bestanden - jetzt plötzlich wurden neue Zuschauer nur hereingelassen, wenn andere gingen.

Der Höhepunkt des Sonntags, wenn nicht gar des gesamten Festivals, fand aber auf der Hauptbühne statt, ganz ohne Überdachung für die Zuschauer: Pulp, eine der wichtigsten britischen Bands der Neunziger, spielten auf dem „Melt!“ ihr einziges Konzert hierzulande in diesem Jahr, gleichzeitig das erste seit über zehn Jahren. Frontmann Jarvis Cocker konnte man die Spiellaune förmlich ansehen, schon beim zweiten Lied bestieg er erstmals einen Boxenturm. Für jedes Lied schien er sich eine kleine Choreographie ausgedacht zu haben: Mal stand er einfach gitarrespielend und singend in der Bühnenmitte, mal lief er im Laufe eines Songs mehrfach vom einen Bühnenende zum anderen, mehrfach kletterte er auf verschiedenen Bühnenelementen herum. Beim Song „I Spy“ holte er schließlich eine Minikamera hervor, deren Bilder auf die Bildschirme im Bühnenhintergrund projiziert wurden. Auch Jarvis Cocker passte so vorzüglich auf diese Bühne. Schließlich trug er auch schon in den neunziger Jahren, was heute in den Metropolen dieser Welt Mode ist: Große Brille, dazu die eigene Schmächtigkeit noch betonende Kleidung. Nur, dass das seinerzeit noch uncool war.

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