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Alice Cooper wird siebzig : Mehr als draculöser Schabernack

Immer noch auf Tour: Alice Cooper im November 2017 in Mailand Bild: Picture-Alliance

Er gilt als der Urvater des „Schockrock“. Dabei vermittelt Alice Cooper Botschaften, die mit seinem Auftreten als Graf Dracula gar nichts zu tun haben – und vielleicht auf andere Weise schockieren.

          Vincent Damon Furnier ist ein grundsolider Typ. Er ist seit 41 Jahren mit seiner Frau Sheryl Goddard verheiratet, hat drei Kinder und Enkel, mit denen er Luftgitarrenriffs übt. Jeden Morgen nach dem Frühstück liest er zwanzig Minuten in der Bibel. Er stammt aus einfachen Verhältnissen. Aufgewachsen ist er in der „Motor City“ Detroit. Sein Vater war evangelischer Pfarrer. Zu seiner eigenen Verwunderung ist Furnier ein derart passabler Golfer, dass er sogar von Profis gelobt wird. Doch das ist nur ein Zeitvertreib. Seine Existenz bestimmt noch etwas anderes.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Alice Cooper ist ein sogenannter Schockrocker. Er sieht aus wie Graf Dracula oder eine Mensch gewordene Krähe. Kalkweiß ist sein Gesicht geschminkt, mit schwarz umrandeten Augen. Auf der Bühne umgibt er sich mit Würgeschlangen, Monsterspinnen, veranstaltet Scheinhinrichtungen und fährt einen schwarzen Jahrmarktzirkus auf, dessen Inventar aus einem BDSM-Katalog zu stammen scheint. Bei einem legendären Konzert hat er mal ein Huhn ins Publikum (zurück)geworfen. Wenn Alice Cooper auftritt, ist Travestie angesagt. Doch das ist nur die Verpackung. Drin steckt heute schnörkelloser, klassischer Hard Rock mit durchaus gesellschaftskritischen Texten.

          Mehr als zwei Dutzend Alben hat Alice Cooper aufgenommen, 2010 wurde er in die Rock`n`Roll Hall of Fame aufgenommen. Da war er schon mehr als vierzig Jahre im Geschäft. Zunächst rund zehn Jahre lang mit der 1968 gegründeten Band „Alice Cooper“ und danach als Solist unter demselben Namen, mit seinen Songs und der Bühnenshow, die in ihrer Verdrehtheit nur anfangs zu schockieren vermochte. Im Grunde stellt sie nur eines aus – dass es nur eine Show ist und man es bitte nicht so ernst nehmen sollte. Mit Okkultismus, Satanismus gar, hat das nichts zu tun. Alice Cooper macht nicht nicht einmal Witze über Religion. Er ist ein netter Kerl. Er trägt halt nur Kostüm.

          Alice Cooper und Vincent Damon Furnier sind – ein und dieselbe Person. Die Figur Alice hat sich Vincent Furnier ausgedacht, um aufzufallen. Die ersten Aufnahmen seiner Band, die er mit Studienfreunden in Phoenix, Arizona gegründet hatte, waren nicht besonders professionell gemacht und hatten keinen Erfolg, da musste etwas Besonderes her. Zuerst hießen sie „Earwigs“, dann „Spider“ dann „Nazz“ und schließlich „Alice Cooper“. Unter dem Namen erwartete das Publikum wohl eher eine Folksängerin als grell geschminkte Rockmusiker, die glitzernde Eiertänze aufführen.

          Einer ihrer ersten Förderer war Frank Zappa, der 1969 das Album „Pretties for You“ betreute. Der große Erfolg stellte sich in den nächsten Jahren ein mit Alben wie „School`s Out“, „Million Dollar Babies“ oder „Muscle of Love“. Mit dem Song „School`s Out“ schrieb Alice Cooper eine Hymne, die bis heute mit der Botschaft verfängt: Ihr könnt euch eure gesellschaftlichen Rollenerwartungen an den Hut stecken. Bis heute ist auch Alice Coopers Song „Elected“ aktuell, der von einem skrupellosen Politiker handelt. 1972, als er entstand, war der Song auf den Präsidenten Richard Nixon gemünzt, doch er ist zeitlos und funktioniert heute genauso gut. Das bewies Alice Cooper im Oktober 2016 bei einem Auftritt in der Show von Jimmy Kimmel, bei dem Pappkameraden mit den Konterfeis von Hillary Clinton und Donald Trump über die Bühne hüpften. Bei Gelegenheiten wie diesen spielt Alice Cooper, wozu auch seine Stimme passt, den großen Verführer.

          Person und Rolle – Vincent Damon Furnier und Alice Cooper –, die streng getrennt sind, finden inzwischen aber vor Publikum auch zusammen. In seiner werktäglichen Radioshow „Nights with Alice Cooper“, die über das Netzwerk „United Stations Radio Networks“ vertrieben wird und in der ganzen Welt zu hören ist – in Deutschland bei dem Sender „Radio Bob“, abends um acht. Da sitzt dann Alice Cooper vor dem Mikrophon, spielt seine Lieblingslieder, führt Interviews, beantwortet in größter Menschenfreundlichkeit die Fragen seiner Fans und gibt als Einzeiler getarnte Lebensweisheiten von sich.

          Im gehört das zweite „O“ in „Hollywood“

          Er warnt vor Drogen, Gewalt und Intoleranz und unterfüttert das mit seinen eigenen Erfahrungen. Seine Alkoholsucht hätte ihn beinahe aus der Bahn geworfen, er wies sich gerade rechtzeitig vor dem endgültigen Absturz selbst in eine Entzugsklinik ein. Seit 35 Jahren ist er trocken. Und – ja, ihm gehört das zweite „O“ im Schriftzug des Hollywood Signs in den Hollywood Hills. Er hat es einmal für 28.000 Dollar gekauft und instand setzen lassen. Gewidmet hat er sein „O“ Groucho Marx. Und ja – er war mit Salvador Dalí befreundet, der ihm einmal eine Plastik seines Gehirns geschenkt hat.

          Das erzählt Alice Cooper in seiner Radioshow. Es spricht dort freilich auch Vincent Damon Furnier. Und legt dann eines der neuesten Stücke von Alice Cooper auf: „Genuine American Girl“. Das kann man als kleines Transgender-Manifest lesen, hören wir doch einem älteren Herrn zu, der sich in ein attraktives Mädchen verwandeln will. Mit Rollen und gesellschaftlichen Zuschreibungen hat Vincent Damon Furnier alias Alice Cooper schon immer gespielt – der Name ist Programm, das längst nicht nur in draculösem Schabernack besteht. In vielen war er seiner Zeit voraus. Heute wird der Mann, der sich Alice Cooper nennt, siebzig Jahre alt. Er ist immer noch auf Tour.

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