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Mark Knopfler zum Sechzigsten Der Onkel mit der Gitarre

12.08.2009 ·  In den Achtzigern waren die Dire Straits der unspektakuläre, doch erfolgreiche Gegenentwurf zum hektischen Popzirkus. Und für Richard Kämmerlings war Bandleader Mark Knopfler, der heute sechzig wird, zumindest eine Zeit lang der Inbegriff großer Rockmusik.

Von Richard Kämmerlings
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Die Erinnerung an Popmusik kennt nicht nur Sternstunden, sondern auch Augenblicke von Scham und Schande. Mit Mark Knopfler und seiner Band Dire Straits verbinde ich einen der peinlichsten Momente meiner Popsozialisation. Seit ich angefangen hatte, Musik zu hören, in der Pubertät also, zu den Zeiten von New Wave und Neuer deutscher Welle, hatte ich mich für einen Pop-Kenner gehalten - was in einem provinziellen Milieu nicht so schwierig ist. Auch meine Freunde und Klassenkameraden hielten mich für einen und raubkopierten in blindem Vertrauen regelmäßig die Schallplatten und CDs, für die ich jeden Samstag im Plattenladen in der Kreisstadt mein ganzes Geld hergab.

Dabei hörte ich neben so tollen Sachen wie The Police, XTC, Elvis Costello, Rickie Lee Jones oder den frühen Joe Jackson auch - rückblickend betrachtet - ganz furchtbare, kitschige, bombastische und abgreiferische Musik. Supertramp zum Beispiel. Boston. Toto. Queen (in ihrer schlimmen „Radio Gaga“-Phase) oder auch Herbert Grönemeyer. Meine absolute Lieblingsgruppe aber waren die Dire Straits.

Entdeckt hatte ich die Band erst 1982 mit ihrem vierten Album „Love Over Gold“. Das enthielt nur fünf Stücke, darunter das vierzehnminütige, mindestens zur Hälfte aus Gitarrensoli bestehende „Telegraph Road“, ein Epos über die Pioniere Amerikas, über Aufstieg und Niedergang einer Stadt im Mittleren Westen und den Wandel der Zeiten, dessen Text ich auch heute noch vollständig auswendig kenne: „Well, a long time ago came a man on a track, walking thirty miles with a sack on his back“. Allein diese Pause und dieser Auftakt nach dem langen Intro, wenn Mark Knopfler Luft holt und - „well“ - mit der Story beginnt: Das war für mich der Inbegriff großer Rockmusik.

Virtuose am Griffbrett

Ehrlich gesagt, konnte ich (und kann es immer noch) so gut wie alle Texte der ersten fünf Dire-Straits-Platten auswendig, wie ich auch die meisten Songs auf der Gitarre nachspielen konnte, ohne die Soli, versteht sich. Ich konnte mich auch nicht an den Fachsimpeleien beteiligen, ob denn nun der Stilwechsel zwischen dem entspannten Bluesrock von „Communique“ von 1979 und dem melodischen Rock'n'Roll von „Making Movies“ von 1980 einen Sündenfall bedeutete oder ob die Band gar mit dem alle Verkaufsrekorde brechenden Werk „Brothers in Arms“ von 1985 (dreißig Millionen Stück) endgültig dem Kommerz anheimgefallen war.

Für mich waren „Sultans of Swing“, „Romeo and Juliet“ und „Telegraph Road“ schlicht drei der besten Rocksongs aller Zeiten, „Brothers in Arms“ war das Werk, für dessen Klangqualität ich mir meinen ersten CD-Spieler zulegte (ohne zu wissen, dass ich damit genau dem Marketing-Kalkül von Philips und Sony zum Opfer fiel), und Mark Knopfler der virtuoseste Griffbrettakrobat, den ich kannte. (Ich kannte nicht so viele wirklich große Gitarristen, dafür war ich zu jung.)

Nur immer so weiter

Nun muss ich wohl endlich auf jenen peinlichen Moment zu sprechen kommen: Was mir heute noch die Schamesröte ins Gesicht treibt, waren jene Momente im Sommer 1991, als ich, nach jahrelanger Wartezeit, die ich unter anderem mit dem Abitur, den ersten Freundinnen, den ersten Auslandsreisen und den ersten Lebenskrisen überbrückt hatte, die neue Dire-Straits-CD „On Every Street“ abspielte. Und mein damaliger Mitbewohner, ein echter Popkenner, mir daraufhin allein mit seinem Gesichtsausdruck und wenigen Worten zu verstehen gab, dass diese Musik ja wohl der langweiligste und kitschigste Kuschelrock der Moderne war. Und obwohl ich natürlich die Band vehement verteidigte, musste ich ihm insgeheim recht geben. Das ging wirklich nicht mehr. Schluss. Aus. Vorbei.

Als der in Glasgow geborene Journalist und Englischlehrer Mark Knopfler 1977 seine Band gründete, hatte er schon ein paar Jahre in der Londoner Pubrock-Szene auf dem Buckel. Diese Richtung griff zurück auf den Rockabilly der Fünfziger sowie den Beat der Sechziger und war eine Gegenströmung zu den immer gigantomanischer werdenden Supergruppen wie Pink Floyd, Genesis oder Yes. Der Erfolg von Dire Straits lag genau daran, dass sie Retromusik spielten, während ringsherum alles neu wurde. Dire Straits hörte, wem New Wave zu kalt, NDW zu blöd, Punk zu aggressiv, Reggae zu bekifft und Disco inklusive Michael Jackson zu ambivalent war. Und das war die Mehrheit.

Zum Bombast verführt

Knopfler griff sowohl in seinem Gitarrenspiel als auch beim Songwriting auf Traditionen vor der Rock-Ära zurück, sein rauchiger Bariton erinnerte zudem an den guten alten Dylan, ohne dass die Texte dessen Rätselhaftigkeit nachgeahmt hätten. Knopfler ist ein guter Geschichtenerzähler, der in drei, vier Strophen ein Schicksal auf den Begriff bringen kann. Oft greifen schon diese Geschichten auf Historisches zurück. Im Anachronismus der „Sultans of Swing“ spiegelten sich die Bluesrocker von 1978. Viele Songs spielen zudem in einer zeitlosen, wie mit Filmkulissen ausgestatteten Kunstwelt, „once upon a time in the west“, wie es in einem anderen frühen Song heißt, die schon Knopflers spätere Hinwendung nach Nashville vorwegnahm.

Dass dieser provokativ unspektakuläre Gegenentwurf zum hektischen Popzirkus der siebziger Jahre selbst zum Welterfolg wurde, hat der Musik nicht gutgetan. Nicht nur, dass die Lieder einfallsloser wurden. Die Übertragung des intimen Bluesrock auf Stadionformat, die Überbetonung von Dramaturgie und Arrangement bei oft sehr einfacher Grundstruktur führte die Band dann vor allem bei Liveauftritten selbst an die Schwelle zu hohlem Bombast und Effekt, wovon man sich einst absetzen wollte. Ihre Konzertmitschnitte sind daher schlechter gealtert als die Studioaufnahmen.

Ohne dass Knopfler stilistisch die Richtung entscheidend geändert hätte, hat er sich nach dem Ende der Band wieder aus dem kreativen Tief herausgearbeitet. Solo-Alben wie „Shangri-La“ (2004) und „Kill To Get Crimson“ (2007) kann man durchaus wieder hören, ohne rot zu werden. Der Schock von 1991 hat aber lange nachgewirkt, und bei jeder neuen Knopfler-Platte zögere ich zunächst - und kaufe sie dann doch. Dire Straits waren eben doch wenigstens eine Zeitlang die größte Band aller Zeiten. Am Mittwoch, dem 12. August, wird Mark Knopfler sechzig Jahre alt.

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