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Dienstag, 18. Juni 2013
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Marilyn Manson Die Freude an der Finsternis

 ·  Unser Antichrist trägt Kontaktlinsen: Der Schreckrocker Marilyn Manson, die blutbesabberte Anti-Beyoncé des amerikanischen Showgeschäfts, ist in Dortmund zu Gast bei Freunden.

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All jenen, die immer noch glauben, finstere Musik sei zwangsläufig auf Grimmigkeit und Freudlosigkeit ausgerichtet, sei jener Moment kurz vor Konzertbeginn beschrieben: Da ist plötzlich zwischen den Stücken, die während der Umbaupause laufen, „Blurs“ kleine Härteübung „Song 2“ zu hören. Schlagartig beginnt die dunkle Menge, auf und ab zu hüpfen und laut „U-hu!“ mitzuschreien. Nein, diese Menschen wollen niemandem satanische Symbole in die Stirn brennen, sie wollen hüpfen und „U-hu!“ rufen.

Um kurz nach neun dann kommt er: Brian Warner alias Marilyn Manson, der gruselige Clown des Alternative Rock, der selbsternannte „Antichrist Superstar“ der Wildheit vorgaukelnden Arena-Musik, die blutbesabberte Anti-Beyoncé des amerikanischen Showgeschäfts. Der Anfang ist großartig und zeigt Mansons Gespür für klischeehafte, selbstironische Comic-Inszenierungen: In den dunklen Saal hinein klimpert eine Nocturne, wie sie vielleicht von schwindsüchtigen bleichen Adeligen in schlafloser Stimmung und düsterer Erwartung gespielt wurde. Das Trockeneis hinter dem riesigen Vorhang mit den Manson-Runen färbt sich derweil blutrot. Im tiefsten Nebel ist hinter dem Vorhang die schummerige Silhouette Mansons zu sehen. Rührenderweise hebt er jetzt die Hand und winkt seinen Fans durch das Trockeneis zu. Noch mehr Nebel. Dann fällt der Vorhang, und es geht los.

Messer am Mikrofon

Marilyn Manson sieht jetzt zuallererst mal einfach nur aus wie Marilyn Manson. Es ist beinah eine Enttäuschung, den achtunddreißigjährigen Kontaktlinsenträger so nah vor sich zu sehen: Wie jeder gute Grusel wirkt er einfach besser aus der Distanz, so ist er eher eine Mischung aus Vogelscheuche und Fetischstudiobesitzer. Während des ersten Songs „If I Was Your Vampire“ bedient sich Manson eines interessanten Bühnen-Gimmicks: An sein Mikrofon ist ein großes Messer montiert, so eins, wie man es zum Zwiebelschneiden verwendet. Ab und an reißt er theatralisch den Arm hoch, als habe er die Absicht, hier gleich Küchenarbeiten zu verrichten. Dem Publikum gefällt es.

Manson weiß um die Limitierungen einer Live-Show und setzt bald stärker auf Publikumsnähe statt auf alberne Jahrmarktseinfälle. Sicher, da stehen zwei riesige Anordnungen falscher Kerzen auf der Bühne, die brennende Hindenburg und rasende Uhren sind als Leinwand-Projektionen zu sehen, es regnet auch mal Konfetti - doch Mansons Show lebt von seiner Körperlichkeit. Mal lässt er die Hose ein Stück hinunter und greift beherzt hinein, ansonsten kriecht er meistens wurmartig über die Bühne oder kopuliert mit der Monitorbox. Ab und zu lacht er sein Publikum herzlich an, in diesen Momenten sieht er am furchteinflößendsten aus. „Deutschlääänd!“ schreit er irgendwann völlig enthemmt mit seiner Rabenstimme. Noch mal: „Deutschlääääänd!“ Er ist zu Gast bei Freunden. Zu mehr verbaler Kommunikation kommt es nicht. Seine Fans lieben ihn, gruseln allerdings können sie sich wohl eher vor der nächsten Handy-Rechnung.

Lustige Live-Musik

So öde Manson auf seinen Alben klingen kann, so lustig ist diese Musik live. Dankenswerterweise konzentriert er sich auf seine Hits: „Disposable Teens“, „mObscene“, „Dope Show“ und wie sie alle heißen werden in hitzigen Rumpel-Versionen dargeboten, und wenn Mansons Gekrächze nicht mehr reicht, singt eben die Westfalenhalle. Die Stimmung kocht, es sieht fast aus wie beim „Tatort“, wenn die Kommissare im Satanisten-Milieu ermitteln und äußerst unglaubwürdige Goth-Partys besuchen, auf denen ausgelassen in Totenkopfanzügen getanzt wird. Nur dass es heute hier niemanden zu verhaften gäbe.

Manson und seine Fans feiern die Freude an der Finsternis - lachend und mit liebenswerter Begeisterung. „Deutschläääänd, thank you!“, krächzt er am Schluss noch mal, dann geht er duschen und steigt in seinen Sarg.

Quelle: F.A.Z., 28.06.2007, Nr. 147 / Seite 36
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