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Madonnas Welttournee Das Funkenmariechen marschiert wieder

 ·  Sollte Lady Gaga geglaubt haben, sie könne der Königinmutter des Pop das Wasser abgraben, dann hat sie sich geirrt: Madonna zieht zum Start ihrer Welttournee in Tel Aviv alle Register.

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© dpa Eine Karnevalistin, die ihre Pappenheimer so gut kennt wie die Kabbala: Madonna in Tel Aviv

Die Sängerin ist am Boden, umklammert das Mikrofon, als wäre es eine Krücke. Aber sie ist zu schwach, sich wieder aufzurichten, verharrt kauernd am Bühnenrand. Das Klavier stolpert in einen traurigen Viervierteltakt. Welche Nummer soll das sein? Eine neue Ballade? Die Stimme hebt an, schleppend, brüchig, als hätte Marianne Faithful ein Stück von Weill vertont. Dann der Refrain, wehmütig hingehaucht: „Like a virgin. Touched for the very first time.“

Madonna im Ramat-Gan-Stadion in Tel Aviv, hier beginnt ihre Welttournee. Dreißigtausend Menschen sind gekommen. Mit dem Song von der Frau, die ihre Unschuld wiedergewinnt im Moment innigsten Begehrens, buchstabiert sie ihren eigenen Kanon für alle Zweifler und Nörgler noch einmal neu.

Jenes Lied, mit dem sie vor fast dreißig Jahren ihre Karriere begann, ist tatsächlich klassisches Material, zeitgebunden und doch für verschiedenste Lebens- und Schaffensphasen wieder interpretierbar. Das Lied von der unbefleckten Lust kann auch die Dreiundfünfzigjährige singen, dann ist es eine melancholische Weise von der Empfindlichkeit des Herzens, die das Alter nicht mindert, im Gegenteil.

Locker lassen geht nicht

Als ein Tänzer hinter sie tritt, die Gurte ihres Korsetts greift und zieht, als wäre sie ein Tier, das an die Kandare gehört, hat sich eine große Künstlerin ein deutliches Bild von der eigenen Lage geschaffen: Locker lassen geht nicht, es gilt weiter, bella figura zu machen, schließlich ist man Titelverteidigerin. Wie hatte der Einheizer-DJ so schön ins Mikro geröhrt: „The Queen of Pop - are you ready for her?“

Man war es - und war es nicht. Dass ihr Alter nur für Nörgler und Dermatologen von Interesse sein würde: geschenkt. Im Publikum fanden sich alle Generationen und alle Formen von Loyalität. Der schöne Lior, 27, sagte: „Sie ist die spirituelle Mutter aller Schwulen, sie hat mein Coming-out begleitet.“ Yail, 37 ist „mit ihrer Musik erwachsen geworden“. Und Rachel, Jahrgang 1950, schwärmte: „Ihr Rhythmus hat es mir angetan.“

Aber wie sie dieses Taktgefühl einsetzt, Sounds und Bilder derart beschleunigt, dass daraus Szenarien von halluzinatorischer Dichte entstehen, war verblüffend. Madonna, so zeigte sich in den knapp neunzig Minuten, ist eine famose Collagistin der Stile, arrangiert Klang- und Darstellungstraditionen über alle ästhetischen und ideologischen Barrieren hinweg.

Phantasmagorien von Schuld und Gewalt

Das begann schon beim Intro: Glocken dröhnten, Tänzer in roten Phantasieroben drapierten sich unter grell zuckenden Theaterblitzen. Im Bühnenhimmel erschien das Innere von Notre-Dame. Oder der Kölner Dom? Egal, das kam daher mit dem Charme einer Dan-Brown-Kulisse, der das zackige „Girls Gone Wild“ alles Dräuende austrieb. Es folgten Phantasmagorien der Schuld und Gewalt, Revolver, mit Schlange oder Rosenkranz dekoriert. Madonna feuert Pistolen ab, es spritzt Kunstblut über Leinwände, als hätte Quentin Tarantino Regie geführt.

Klanglich brummt und wummert es, dass die Hosenbeine flattern; anders als auf dem neuen Album „MDNA“ regiert nicht marschbefehlsmäßiger House, sondern hemmungslos in bassigen Tiefen wühlender R&B, gesteigert zur großen Okkult-Oper mit gefesselter Madonna, umringt von afrikanischen Stammestänzern. Künftige Ethnographen werden aus dem Mitschnitt dieses Konzertes den perfekten Überblick über die musikalische Folklore der dritten und vierten Welt gewinnen.

Da können zu „Express Yourself“ auch mal Trommler in Kürassieruniformen antreten und Funkenmariechen, die sehr nach Britney Spears aussehen. Das Stück mischte sie mit „Born This Way“ von Lady Gaga, Seitenhieb auf die jüngere Konkurrentin, die jüngst glaubte, der Queen Mum das Wasser reichen und Zielgruppen abgraben zu können.

Gigantische Lichtdome à la Riefenstahl

Viel schöner ist, wenn sie sich selbst zitiert. „Papa Don’t Preach“ als prächtig krachende Big-Beat-Nummer vor loderndem Kreuz, „Open Your Heart to Me“ mit baskischen Trommlern, „Vogue“ und „Erotic“ in gigantischen Lichtdomen à la Riefenstahl. Alte Bekannte sind das, inklusive der waschbrettbebauchten Tanzartisten, denen noch so eng-knappe Lack- und Lederoutfits die Mobilität nicht nehmen, S/M-Sansculotten mit der Beweglichkeit von Fakiren und martialisch genietet. Wenn du zum Leibe gehst, nimm die Peitsche mit.

Und die Politik? Schließlich ist Tel Aviv nicht New York, London oder Berlin. Madonna, die Kabbala-Adeptin - zwei Tage vor dem Konzert war sie da, um Unterricht zu nehmen -, hatte das Peace NGO Forum eingeladen, Friedensaktivisten, die sich für die Verständigung von Israelis und Palästinensern einsetzen. „Ich fange meine Tour hier an, denn wenn im Mittleren Osten Frieden herrscht, dann kann es überall Frieden geben“, sagte die Künstlerin - am selben Tag, an dem Iran verkündete, bei Urananreicherung zu bleiben.

Dabei müssen Machthaber von Syrien bis Teheran begreifen, dass die Explosion nur der Bühne gehört, als Zeichen und Ornament. Beim Finale gab es auf allen Leinwänden detonierende Rubik’s Cubes, einen bunt stiebenden Kosmos, den nur ein Popgenie wie Madonna beherrscht.

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