20.08.2009 · Der Zirkus um die Krone des Pop: Madonna gibt in München ihr einziges Deutschlandkonzert in diesem Jahr und bürgert kurzerhand ihren unglücklichen Konkurrenten Michael Jackson in das strenge Korsett ihres Reiches ein.
Von Michael AlthenVergangenen Herbst trat Madonna dreimal in Deutschland auf. Berlin war damals das dritte Konzert ihrer „Sticky & Sweet Tour“ (Besuch der alterslosen Dame: Madonna singt, tanzt und lehrt in Berlin), die das Album „Hard Candy“ begleitete, es folgten Düsseldorf und Frankfurt. Am Dienstag trat sie ein knappes Jahr später im Münchner Olympiastadion auf - dazwischen lagen gut siebzig Konzerte, eine Scheidung, eine vieldiskutierte Adoption in Malawi (Madonna: Nun doch zweites Adoptivkind aus Malawi), ein weniger diskutiertes Spielfilmdebüt als Regisseurin („Filth and Wisdom“: Madonnas Regiedebüt auf der Berlinale) und der Tod ihres nur zwei Wochen jüngeren Konkurrenten um den Thron des Pop. Das klingt wie ein paar gute Gründe, den sechsundsiebzigsten und sechstletzten Auftritt dieser Tournee (und das einzige Deutschlandkonzert des Jahres) zu besuchen - aber nur der letzte rechtfertigt eigentlich einen zweiten Blick, denn der Gedanke, dass das Leben irgendwelche Spuren in dieser Choreographie hinterlassen könnte, ist natürlich völlig abwegig. Pop war bei Madonna schon immer Wille und Vorstellung.
Immerhin gibt es gegenüber der vierundzwanzig Stücke umfassenden Setlist im Vergleich zum vergangenen Jahr drei Änderungen: „Heartbeat“ wurde durch „Holiday“ ersetzt, „Borderline“ durch „Dress You Up“ und „Hung Up“ durch „Frozen“, außerdem wurden zwei oder drei Videoeinspielungen verändert. Was hat das zu bedeuten? Hat es überhaupt etwas zu bedeuten? Es ist ja nicht so wie bei Bob Dylan, dessen sich fließend verändernde Setlist seiner endlosen Tour Gegenstand ausgiebiger Kaffeesatzleserei ist. Aber wo der Umstand, ob der Meister diesen oder jenen Song spielt, womöglich tatsächlich etwas über seine Befindlichkeit aussagt, da steckt Madonna derart im Korsett ihrer multimedialen Inszenierung, dass schon kleinste Abweichungen vom Plan generalstabsmäßige Umstrukturierungen erfordern würden.
Die Stabliste eines mittleren Hollywoodfilms
So gleicht die Stabliste ihrer „Sticky & Sweet“-Tour der eines mittleren Hollywoodfilms, in der selbstverständlich die Anwälte, der Umkleideraumdesigner, die makrobiotischen Köche und die Masseuse genauso gelistet sind wie die zwölf Designer, die für ihre dauernden Garderobenwechsel zuständig sind: drei Paar Schuhe von Miu Miu, Stiefel von Stella McCartney, Sonnenbrillen von Moschino, Bandbekleidung von Tom Ford, Dominatrix-Outfit von Riccardo Tisci für Givenchy - und den Rest hat Arianne Phillips besorgt, die schon elf Jahre dabei ist, was in Popjahren mindestens siebenundsiebzig sind.
Da spielt man nicht mal dies und mal das, geht auf die eigene Stimmung oder die des Publikums ein, sondern folgt dem eisernen Regiment einer Choreographie, die ja nicht nur aus Tanzschritten und -partnern besteht, sondern aus dem Zusammenspiel mit den Videomonitoren, die in der Mitte der Bühne vorgefertigtes Material abspielen und an den Seiten die Sängerin jener Mehrheit der Zuschauer nahebringen, die sich nicht stundenlang für den Platz an der Sonne die Beine in den Bauch gestanden haben. Man darf sich nichts vormachen: Konzerte dieser Größe sind nichts anderes als Videogucken unter freiem Himmel - mit besseren Boxen. Und im Grunde muss man Madonna dankbar sein, dass sie auch nicht so tut, als sei es anders. Die Live-Regie ist perfektioniert, man kann gelegentlich den Blick vom Monitor auf die Bühne schweifen lassen, um sich der Gleichzeitigkeit zu versichern.
Außer Lautstärke kaum Eindruck
Der Ausdruck „live“ ist im Grunde ein Witz: Man kann jeden Moment dieser Tour auf YouTube besser sehen als im Stadion. Und wo anderswo die Leute ihre Feuerzeuge schwenken, um ihre Gerührtheit zu signalisieren, da leuchten hier durchgängig Hunderte von Handys oder Fotodisplays, die festhalten, was dann ins Netz gestellt wird, um den Eindruck zu vermitteln, es gebe hinter diesen Bildern eine Authentizität, die den Konzertbesuch lohne. Die Handyfotos sind quasi der einzige Ausweis, man sei „live“ dabei gewesen, wo das Erlebnis selbst außer Lautstärke kaum nachhaltigen Eindruck hinterlässt.
Die Bühne wird von den zwei turmhohen Initialen „M“ eingerahmt, und obwohl sich München damit unbedingt identifizieren könnte, wird Madonna zu dieser Stadt ein gespaltenes Verhältnis nachgesagt, weil sie 1990 im Rahmen ihrer „Blonde Ambition“-Tour hier vor nicht ausverkauftem Haus gespielt hat und überhaupt vergleichsweise unterkühlt empfangen wurde. So richtig warm dürfte sie mit München wieder nicht geworden sein. Auf den Tribünen blieben doch einige Plätze leer, was insofern bemerkenswert ist, als 2008 mit einer Ausnahme (Sevilla) jedes ihrer Konzerte ausverkauft war. In Buenos Aires kamen gar mehr als eine Viertelmillion Menschen, die schätzungsweise auch mehr mitgegangen sind als die etwas schwerfällige Menge in München.
Vielleicht liegt es tatsächlich an der Perfektion, dass die Menge so geschüttelt, aber nicht gerührt ist, an der Durch-und-durch-Inszenierung der Show, die mit dem animierten Videoclip einer flitzenden Candy-Flipperkugel beginnt und mit der Einblendung „Game Over“ aufhört - Zugabe weder möglich noch erwünscht. Davor erscheint auf dem Schirm die Aufforderung „Insert Coin“ - aber weil dieser fromme Wunsch der Musikindustrie nach Zuzahlung sich schwerlich erfüllen lässt, ist der Zauber dann auch tatsächlich unwiderruflich vorbei. Ums romantische Glotzen ging es bei Madonna ohnehin noch nie, sondern um: What you see is what you get.
Weltgeschichte nach ihrem Gusto
Das heißt bei ihr ja nicht, dass sie den Hintersinn nicht mitdenken würde, sondern nur, dass sie der Oberflächlichkeit des Gewerbes Rechnung trägt. Schwierig wird es dann nur, wenn sie zu „Get Stupid“ die Weltgeschichte nach ihrem Gusto schreibt. Auf der Videowand kommen die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen: Obama, JFK, Al Gore und Mutter Teresa ins eine, Hitler, Mugabe und Ahmadineschad ins andere. Bei den Guten findet sich auch der Filmemacher Michael Moore, bei den Schlechten war zu Wahlkampfzeiten McCain zu sehen. Da wird fröhlich über einen Leisten geschert, was selbst in der Popmusik so einfach nicht zu haben ist. Und wenn Madonna dann in der zweiten Hälfte (zur großen Begeisterung des Publikums) eine ukrainische Fiedeltruppe aufspielen lässt, dann wirkt sie vollends wie eine Königin, die aus den entfernten Ecken ihres weitgespannten Reiches zur Leistungsschau versammelt, was die Folklore hergibt.
Sonst gibt es aber wirklich nichts zu meckern. Jeder einzelne ihrer früheren Hits ist aufs smarteste runderneuert und klingt so absolut zeitgemäß, dass Nostalgie gar nicht erst aufkommen kann. Kein „Liebling, sie spielen unser Lied“, kein Ausruhen auf Platinschallplatten, sondern weiterhin dauernde Neuerfindung. In der Inszenierung von „She's Not Me“ wird das sogar thematisiert, wenn Madonna in Schulmädchenuniform allerlei frühere Verkörperungen von sich selbst, von der „Virgin“ über das „Material Girl“ bis „Vogue“, von der Bühne räumt. Ich ist eine andere, scheint sie zu sagen - und es war in diesem ganzen Identifikationsgewerbe schon immer ihr Geheimnis, dass sie daraus keinen Hehl gemacht hat.
Der Unglücklichste von allen
Dafür hat sie sich immer der besten Mitarbeiter versichert, in den Clips sowieso, aber auch für die Videos, die nun den Hintergrund für ihren Auftritt bilden: Pharell Williams, Kanye West und sogar ihre weit weniger glückliche Nachfolgerin Britney Spears sind zu sehen. Ihr bester Mitarbeiter an diesem Abend ist allerdings einer, der womöglich der Unglücklichste von allen war: Michael Jackson.
Wenn sie „Holiday“ singt, was sie mit „Celebration“ und „Everybody“ vermixt, dann senkt sich auf einmal eine Art Dunstabzugshaube über den Laufsteg, auf der ein Foto des ganz jungen Michael Jackson zu sehen ist, und ein Tänzer löst sich zu den Takten von „Billie Jean“ aus der Gruppe, um den Moonwalk nachzumachen - und während im Hintergrund Jackson-Fotos vorbeiziehen und „Wanna Be Startin' Somethin'“ läuft, gerät das Publikum zum ersten Mal an diesem Abend in aufrichtige Aufwallung und tobt ausgiebig. Die Frage, wer nun König und wer Königin im Reich des Pop ist, löst Madonna, indem sie sich vor ihm verbeugt - und ihn der Mär ihres eigenen Reiches hinzufügt wie einen genialischen, aber eben weniger gesegneten Bruder, dem es nicht vergönnt war, je so verdammt erwachsen zu werden wie Madonna.
Sie verwendet Jacksons „The Girl Is Mine“ dann auch als Rausschmeißer, der die Arena ausfegen muss, nachdem sie ihren umjubelten Abgang hatte. Woody Allens Spruch „Unsterblich werden - und dann sterben“ ist für sie eben keine Option. Der König ist tot, es lebe die Königin.