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Madonna in Berlin Der Besuch der alterslosen Dame

29.08.2008 ·  Mitten auf der Bühne thront Madonna und lässt sich als Königin des Pop huldigen. Allein: Sie wird nicht sesshaft bleiben. Sie kann sich auf ihren Lorbeeren nicht ausruhen. Ihr Berliner Konzert entrollt sich als Orgie disziplinierter Dynamik.

Von Patrick Bahners
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Sie dreht sich mit Höllengeschwindigkeit um die eigene Achse, die emblematische Stellvertreterin, die auf das Quadrat projiziert wird, hinter dem die Leibhaftige zum Vorschein kommen wird: Eine Weltkugel, rosaweiß gestreift wie die Süßigkeit, die dem aktuellen Album den Titel gibt, wird durch einen kosmischen Flipper gejagt, und keine Verknotung der Röhren, kein Haken der Kanalisation, keine Verdickung der Adern kann ihr etwas anhaben. Der unsanfte Aufprall, das ist ihr Element: Jeder Hieb ein Schub, jeder Tritt eine Spritze, die ganze vertrackte Weltarchitektonik mit ihren Glasdecken und Falltüren wirkt als Dopingcocktail, der die Meisterin aller Bergetappen davonschießen lässt. Bingo.

Als die Herrscherin, die uns mit dem Weltreichsapfel hingehalten hat, ihr im Berliner Olympiastadion zusammengeströmtes Volk begrüßt, sitzt sie auf einem Thron. Sie wird nicht sesshaft bleiben. Die Chefin kann sich auf ihren Lorbeeren nicht ausruhen. Die Orgie disziplinierter Dynamik, als die auch dieses Madonna-Konzert sich entrollt, ist allerdings nicht der Versuch, ihre anhaltende Legitimität zu demonstrieren. Man kennt Völker, die ihre Könige umbringen, wenn sie nicht mehr fähig sind, Lebenskraft zu spenden. So mag eine kritische Popgeschichte in emanzipatorischer Absicht im Geiste Hans-Ulrich Wehlers voraussagen, Madonnas Charisma werde den Weg alles Fleischlichen gehen, sie werde ihr Publikum nicht mehr um den kleinen Finger wickeln können, wenn sie dereinst nicht mehr die anderen neun Finger und alle anderen Knochen in jedem Moment um ihn herum wirbeln lasse. Aber solange Madonna tanzt, ist der Gedanke vollkommen abwegig, dass es sich um ein Vortanzen handeln könnte. Wir bilden uns nicht ein, wir seien ein zigtausendköpfiger Kaiser, dem es freistehe, seine zigtausend Daumen zu senken.

Hier wird die Dialektik der Aufklärung ins Werk gesetzt

Wie der ägyptische Sonnengott hält Madonna die Welt in Gang, indem sie sich bewegt. Ihre kontrollierten Zuckungen sind die elementaren Verrichtungen einer katholischen Werkgerechtigkeit, der sich kein meritokratisches Kalkül unterschieben lässt. Nicht sie hat zu beweisen, dass sie es noch kann, dass sie und der alte Königsstuhl noch nicht gut zusammenpassen. An uns ist es, mit ihr mitzuhalten. Ihrem Körpereinsatz in den wechselnden Choreographien liegt eine einzige Figur zugrunde: ein mit dem ganzen Leib ausgeführtes Kreuzzeichen, ein in vollkommener Selbstbeherrschung absolvierter Veitstanz. In der Lebenswelt von Madonnas italienischen Vorfahren gibt es die alten Jungfern, die sich beim Bekreuzigen vor sich selbst wegzuducken scheinen, als könnten sie durch die Flüchtigkeit der Selbstberührung den Leib zum Verschwinden bringen. Diesen Dualismus hat Madonna eskamotiert.

Besuch der alterslosen Dame: Madonna singt, tanzt und lehrt in Berlin

Zu „Like a Prayer“ läuft ein Film, der die heiligen Worte der Weltreligionen synkretistisch verschleift, bis nur noch „The Spirit“ übrig bleibt. Von einer Rückkehr ins Licht ist die Rede, wie umgekehrt vorher im Zeichentrickfilm zu „Rain“ ein Lichtgeist mit Madonnas Silhouette als weltschöpferisches Prinzip aus dem Himmel niedergefahren war. Zur Dialektik der Aufklärung, die hier ins Werk gesetzt wird, gehört die Gegenläufigkeit der optischen Botschaft und des akustischen Geschehens. Das Prinzip des Geistes ist nicht die Verquickung, sondern die Scheidung, er ist ein Synonym für die Materie, das heißt im Konzert: den mit allen Mitteln und aller Gewalt erzeugten Klang, den jenseits von Hermeneutik, Harmonik und Melodik immer noch geformten Lärm, den dreinschlagenden und fortschreitenden Takt.

Will man ihr die Turnschuhe rauben?

Gleich die projizierte Legende zum ersten Lied, „Candyshop“, buchstabiert das analytische Gesetz aus: C - A - N - D - Y. Madonna empfängt uns in der Grundschule des musikalischen Weltverstehens: Man muss einen Ton hinter den anderen setzen und im Rhythmus bleiben. Mit dem Titel des zweiten Liedes gesprochen, das ebenfalls von „Hard Candy“ stammt: „Beat goes on“. Der alte Hit „Into the groove“ wird in einer zeitgemäßen Version mit reichlich beigemischten Schmierlauten geboten. Aber ungerührt führt Madonna dazu im Cheerleaderkostüm ihre Fertigkeit im Seilhüpfen vor, dem Sport für Mädchen, die jeden Fehltritt vermeiden und stolz darauf sind, brav zu sein. In einer „Peanuts“-Folge zählt die seilhüpfende Lucy, als ihre Freunde vorbeigehen, laut „Einundzwanzigtausend, einundzwanzigtausendundeins“, um, als sie wieder allein ist, leise fortzufahren: „Dreiundzwanzig, vierundzwanzig“. Madonna könnte längst weiter zählen als bis einundzwanzigtausendundeins, sie hüpft schon ewig und verfehlt nie den Takt. Wir mögen in den Groove finden müssen, sie ist schon im Groove und folgt unbeirrbar der von ihr selbst gezogenen Spur.

Dann stürzt sie. Was wird jetzt gespielt? Ein Überfall scheint simuliert zu werden. Will man ihr die Turnschuhe rauben? Es folgt „Heartbeat“, wieder von „Hard Candy“, und das Leitmotiv des Abends wird bruchlos wieder aufgenommen. Drastisch akzentuiert das Hin- und Herwerfen ihres leblosen Körpers den Takt. Man hantiert mit ihr wie mit einer Puppe, die aufgeblasen wird. Die Wiederbelebung ist erfolgreich: „I feel it in my heartbeat.“ Aber die Pumpe hatte keinen Moment lang ausgesetzt, die Schlägertypen sind bloß allegorische Figuren im Drama der Selbsterhaltung des Subjekts. Der romantische Topos des Einklangs von liebendem Ich und gütiger Welt wird zur Sache des Trainings rationalisiert. „See my body get down“: Die Kopulationsgymnastikübung zu diesem Vers ist aus dem Turnunterricht als Liegestütz bekannt.

Der M-Train ist nicht zu stoppen

„Music“, der moderne Klassiker vom gleichnamigen Album, wird mit der grausilbern ins Nichts sausenden New Yorker U-Bahn illustriert: Vorsicht, ein Zug fährt durch! Von Geisterhand werden Graffiti aufgetragen, grellbunte Zacken, die freilich am Silberpanzer nicht haften bleiben. So scheinen dem Vorwärtsdrang des Rhythmus immer wieder sirrende Schwerter in die Quere kommen zu wollen. Doch der M-Train ist nicht zu stoppen. Was ist das Geheimnis der Musik ausweislich der Selbstinterpretation dieses Liedes? Synchronisierung.

Den Höhepunkt des Konzerts markiert folgerichtig „4 Minutes“ von „Hard Candy“: Vier Minuten bleiben wie im Superheldencomic zur Rettung der Welt, da muss jeder Schlag supergenau sitzen. Das Übergewicht der Bässe wird triumphal gerechtfertigt durch eine Bilderwand gigantischer Lautsprecherboxen.

Das Urwummern, in Form gegossen

Alles Stampfen und Hämmern dient dem Zweck, das Urwummern in eine Form zu gießen, und der ganze synästhetische Aufwand, der die Anmutung einer Aerobic-Unterweisung nicht scheut, soll Schlag auf Schlag bewusst machen, dass nichts geschieht, wo nichts getan wird. Madonnas Tanzboden ist das Modell einer Welt, in der jede kleinste Bewegung im richtigen Moment ausgeführt wird und das Mechanische sich als Produkt des freien Willens erweist.

In welchem Sinne macht Madonna Kunst? Sie verhehlt nicht, sondern stellt heraus, ja lehrt, dass alles, was bewegt, gemacht ist.

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Jahrgang 1967, Redakteur im Feuilleton.

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