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Lucinda Williams zum Sechzigsten Sie fuhr die ganze Nacht

Sie hat etwas gebraucht, um ihren Ton zu finden und musste lange auf den Erfolg warten. Über Bluegrass und Country hat Lucinda Williams zum abgebrühten Roots-Rock gefunden.

© Danny Clinch/Universal Nimmt den langen Weg nach Hause: Lucinda Williams

Es klingt oft, als ob sie Kautabak im Mund hätte: Das Wort „blessed“ geht ihr etwas schwer über die Lippen, und doch nimmt sie es im gleichnamigen Titelstück ihres jüngsten Albums immer wieder in Angriff. Das passt zu den vielen Anläufen, die Lucinda Williams im Musikgeschäft unternehmen musste, um endlich wahrgenommen und mit etwas Erfolg gesegnet zu werden.

Jan Wiele Folgen:

Als dieser kam, 1998 mit der Americana-Platte „Car Wheels on a Gravel Road“, da hatte die in Lake Charles im Bundesstaat Louisiana geborene Sängerin schon zwanzig Jahre lang das Brett der Country- und Folkmusik gebohrt. Unter Kollegen war sie lange anerkannt, hatte Lieder geschrieben, die von Emmylou Harris oder Mary Chapin Carpenter gelobt und dankbar entwendet wurden, aber zum Ruhm als Interpretin ihres eigenen Materials hatte es - trotz des außergewöhnlich schönen Namens Lucinda, möchte man sagen! - seltsamerweise bis dahin nie gereicht.

Etwas „Twang“ ist immer zu erwarten

Vielleicht waren dazu aber auch erst wichtige Verwandlungen notwendig: Die ersten Aufnahmen von 1979 werfen zwar schon einen Vorschein auf ihre Eigenart, sind aber als großteils nur nachgespielte Bluegrass-Standards nicht wirklich originell und erinnern vom Timbre her noch etwas an die Getragenheit von Joan Baez oder versuchen bei „Jambalaya“ den weinerlichen Ton des Namensvetters Hank Williams zu imitieren, von dem wohl auch der Albumtitel „Ramblin’“ inspiriert war. Fast ein Jahrzehnt später, 1988, war frischer Rock angesagt, zum Beispiel mit der nur wenig variierten Botschaft von Roy Orbisons „I Drove All Night“: Williams rechtfertigt ihre lange Nachtfahrt mit einem rotzig-trotzigen „I Just Wanted To See You So Bad“.

22915995 © interTOPICS Vergrößern Ausgereift: Seit ihrem Album „Car Wheels on a Gravel Road“ (1998) hat Lucinda Williams zu ihrem besten Ausdruck gefunden.

Aber eben erst mit dem „Car Wheels“- Album gewinnt ihr Werk jenen Roots-Rock-Trieb, der in den gut 15 Jahren seither erstaunlich fruchtbringend war („Fruits of My Labor“ heißt denn auch ein sehr eingängiges Lied). In diesem Genre steht sie den vielen männlichen Heroen in nichts nach. Ihre Stimme kommt am besten bei langsameren Songs zur Entfaltung, die ihre ganze Gebrochenheit offenbaren („Ventura“); sehr gut ist sie aber auch bei etwas krachledernen Nummern: so etwa über einem zwinkernd angetäuschten Stones-Gitarrenriff bei „Real Live Bleeding Fingers and Broken Guitar Strings“ auf dem rundum gelungenen Album „World Without Tears“ (2003). Sie profitiert dabei von einer vollwertigen Rockband mit allen Gitarrenspielarten. Etwas „Twang“ ist hier immer zu erwarten, manchmal auch härtere Zerrung, was sich wiederum gut zur Stimme fügt.

Mit Südstaatenakzent

Unverkennbar an Lucinda Williams ist zudem ihr Südstaaten-Akzent: Worte wie „down“ oder „town“ lauten aus ihrem Kautabakmund genauso herrlich aus wie bei dem Südstaatler Tom Petty: nämlich in etwa auf „eon“, was so manche Phrase gleich etwas abgebrühter klingen lässt. Das ist ohnehin der Ausdruck, der dieser Frau mit zunehmendem Alter häufig ins Gesicht geschrieben steht: Die hat wohl schon alles erlebt und ist nicht so leicht unterzukriegen.

Rühren lässt sie sich aber bisweilen doch noch, und dann kommt dabei eine Ballade wie „Copenhagen“ heraus, die einem glatt den Boden unter den Füßen wegreißt: „Thundering news hits me like a snowball“, heißt es da über eine Todesnachricht, und dann: „I’m 57 but I could be 7 years old / ’Cause I will never be able / To comprehend the expensiveness of what I’ve just learned“. Lucinda Williams ist inzwischen nicht mehr 57, sondern wird am 26. Januar 60 Jahre alt, ist vielleicht doch schon ziemlich weise und auf jeden Fall musikalisch ausgereift.

Quelle: F.A.Z.

 
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