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LL Cool J Solange der Boß mich läßt

10.09.2004 ·  Hip-Hop ist keine Altersfrage, deswegen macht er weiter: Ein Gespräch mit dem Veteranen LL Cool J, der vom Möchtegern-Gangster zum Romantiker wurde und gerade sein elftes Album veröffentlicht hat.

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James Todd Smith alias LL Cool J gehört zu den erfolgreichsten und beständigsten Musikern des Hip-Hop. Der New Yorker Rapper, dessen ausgeschriebenes Pseudonym ("Ladies Love Cool James") sowohl seine Selbsteinschätzung als auch das Hauptthema seiner Songs verrät, hat sich im Laufe von zwei Jahrzehnten vom Möchtegern-Gangster zum Romantiker und Anti-Drogen-Prediger entwickelt. Jetzt ist sein elftes Album "The Definition" (bei Def Jam) erschienen.

Darüber hinaus verkörpert LL Cool J den Traum vieler Rapper-Kollegen: Seit 1985 hat er in fünfundzwanzig Kino-Filmen mitgewirkt, diesen Herbst wird er unter anderem in "Edison" an der Seite von Morgan Freeman und Kevin Spacey zu sehen sein. Wir sprachen mit ihm über seine Musik, Kollegen, Vorbilder und darüber, was Hip-Hop überhaupt bedeutet (F.A.Z.).

Sie haben auf Ihrem Hotelzimmer gerade Cab Calloways Aufnahmen aus den vierziger Jahren laufen.

Ich liebe Big Band Jazz, mein Großvater hat mir das als Junge oft vorgespielt. Glenn Miller, Jimmy Dorsey, Duke Ellington, Count Basie, Louis Armstrong - das waren herausragende Musiker.

Für einen Hip-Hopper graben Sie ganz schön tief in der Vergangenheit.

Warum nicht? Hip-Hop und Jazz gehören zusammen, es ist doch letztendlich alles unser gemeinsames schwarzes Erbe. Ich höre sogar eine Menge Countrymusik, weil ich es mag, wie die Texte die Alltagsprobleme der Menschen reflektieren. Für mein Gefühl wurzelt das alles im Blues. Wenn du wirklich die Beiträge der Afroamerikaner zur amerikanischen Kultur verstehen willst, dann stell dir eine Welt ohne schwarze Musik vor!

Dennoch hören wir auf Ihrer neuen, von Timbaland produzierten Platte weder Big-Band- noch Country-Anklänge, sondern Party-Texte über gebrochenen, nackten Beats.

Wenn ich da alles reinmischen würde, was ich privat höre, wäre ich meinen Fans wohl ein bißchen zu sehr voraus.

Haben nicht Produzenten wie Kanye West bewiesen, daß im Hip-Hop auch komplexere, spartenübergreifende Kompositionen Erfolg haben können?

Kanye West und ich kommen aus verschiedenen Schulen. Trotzdem hat mich sein Song "Jesus Walks" inspiriert, so positiv hat schon lange kein Hip-Hop-Song mehr geklungen.

Die Freimütigkeit, mit der Kanye West über die Fallen des Materialismus und seine eigenen Unsicherheiten rappt, scheint Ihrem Verhaltenskodex allerdings zu widersprechen.

Ist es etwa kein Geständnis, wenn ich "I Need Love" rappe? Ich bin den Macho-Klischees nie gefolgt, das waren doch immer nur Erfindungen der Industrie. Andererseits: Unsicher habe ich mich nie gefühlt. Hip-Hop war von Anfang an ein Wettkampf der Egos. Wer reimt am schnellsten, originellsten, schlagfertigsten? Wenn man da nicht ganz und gar von sich überzeugt war, hatte man schon verloren.

Auf Ihrem neuen Album posieren Sie als finsterer Kapuzenmann, während Sie als Schauspieler eher den Witzbold geben.

Haben Sie "Pulp Fiction" gesehen? Waren die bösen Jungs da nicht auch witzig?

Sind Sie als Rapper nicht auf bestimmte Filmrollen festgelegt?

Mir hat die dramatische Heldenrolle, die ich etwa in "Edison" spiele, genauso zugesagt wie eine Rolle in einer romantischen Komödie. Viele Leute wissen nicht, daß ich die letzten acht Jahre Schauspielunterricht genommen habe. Was ich im Film spiele, hat jedenfalls nichts mit meiner Karriere als Rapper zu tun. Schauen Sie sich nur Leonardo da Vinci an, der war Maler, Erfinder, Bildhauer, Mediziner und Forscher. Er hatte keine Ausbildung, er hat für seine Ziele gekämpft und: Er war in allen Bereichen einer der Besten. Ich bewundere diesen Mann und eifere ihm nach.

Sie sehen sich als da Vinci des Hip-Hop?

Hey, es ist zwanzig Jahre her, daß ich mit dicken Goldketten und Angebersprüchen herumlief. Wenn ich heute zum Stift greife oder in eine Filmrolle schlüpfe, dann schaffe ich eine ganz autarke, künstlerische Welt, Charaktere, die mir die Möglichkeit geben, verschiedene Leben außerhalb meiner eigenen Person zu verwirklichen.

Samuel Jackson, an dessen Seite Sie in "Deep Blue Sea" und "S.W.A.T." spielten, hat sich einmal beklagt, immer mehr Rap-Stars würden den gelernten Schauspielern die Rollen wegschnappen.

Musiker in Filmen sind doch nichts Neues, von Elvis Presley bis Barbra Streisand und Diana Ross. Die Filmgesellschaften wollen die Jugendlichen ins Kino locken. Rapper wie Jay-Z oder Missy Elliott garantieren dafür. Und wenn dabei auch ein guter, aber nicht so zugkräftiger Schauspieler auf der Strecke bleibt - so funktioniert der Kapitalismus nun mal.

Privat gelten Sie als fürsorglicher Familienvater, während Sie öffentlich immer noch den Playboy mimen.

Ich habe eine Frau und vier Kinder, gut. Ich mache da niemandem was anderes vor. Manche nehmen die Videos viel zu ernst.

Sie lassen Ihr Leben als Ehemann und Vater aus Imagegründen außen vor?

Wenn Sie glauben, Familie sei nicht cool, verstehen Sie nichts von Hip-Hop. Rap ist doch immer Fiktion, kreativer Selbstausdruck. Und was die Posen mit den leichten Mädchen und Champagner betrifft: Das war einmal, meine Kinder haben das alles verändert. Es hat ja keinen Sinn, über mein Privatleben zu rappen. Da würde mir mein vierzehnjähriger Sohn den Vogel zeigen.

Können Sie denn als sechsunddreißigjähriger Veteran noch mit den Jugendmoden der Hip-Hop-Industrie mithalten?

Man kann nicht unter einem Wasserfall stehen und verlangen, daß er zu fließen aufhört. Man wird trotzdem naß. Die Welt lebt vom Jugendkult. Und ich fühle mich nicht als alter Hund. Schauen Sie meinen Körper an, ich trainiere jeden Tag zwei Stunden.

Und wenn Sie sechzig sind?

Dann werde ich eben sechzigjährige Fans haben. Man darf nur nicht stehen bleiben. (Zieht eine zerfledderte Bibel aus der Gesäßtasche.) Ich lese hier täglich drin. Solange ich weiß, daß mich der Boß oben wachsen läßt, mache ich mir keine Sorgen. Unglücklich sind nur die, die sich von ihrer Vergangenheit einsperren lassen.

Das Gespräch führte Jonathan Fischer.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.09.2004, Nr. 212 / Seite 40
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