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Lily Allens neue Platte : Operation Erwachsenwerden

  • -Aktualisiert am

Ihre Texte bringen lässig auf den Punkt, wie es ist, heute eine Frau zu sein: Lilly Allen Bild: Warner Music

Lily Allen ist die lustigste, klügste Sängerin Englands. Sie bringt Pop und Familie unter einen Hut. Aber ihre neue Platte mag sie selbst nicht.

          Obwohl sich ganze Industriezweige abmühen, uns weiszumachen, dass wir Menschen nicht gerne altern, gibt es in Wahrheit viel Erfreuliches übers Erwachsenwerden zu sagen. Zum Beispiel, dass man in hochwertige Hair Extensions investieren kann, Immobilien oder sein Comeback. All das hat Lily Allen nach einer vierjährigen Pause, in der sie geheiratet und zwei Kinder geboren hat, getan. Und zumindest ihre neue Frisur können wir in ihrem Video „Hard out Here“ ansehen, einer Abrechnung mit Schönheitsoperationen und Pharrell Williams, die schrecklich schiefging. Dazu gleich.

          Als Lily Allen 2005 begann, ihre Lieder auf ihrer Myspace-Seite zu verkaufen (damals hatten die Menschen Myspace-Seiten), erlebte die Welt eine junge Frau mit einer hübschen Stimme und einer scharfen Beobachtungsgabe, die sagt, was sie denkt. Niemand sonst formulierte den Wahnsinn, der junge Frauen plagt, brillanter und ausgelassener als sie: „ I am not a saint, I am not a sinner. But I don’t care as long as I am getting thinner“. Auch wenn sie immer nur den zweiten Platz belegte hinter Amy Winehouse, war sie ein Riesentalent, das mit einem starken Londoner Akzent (den sie eigentlich gar nicht hat) sang und dem es egal war, was die Leute über es dachten (das Gegenteil ist wahr).

          Was genau eine „Bitch“ ist

          Lily Allen war die Einzige, der es gelang, ihre Texte gleichzeitig lässig und unprätentiös als auch perfekt auf die Melodie geeicht zu schreiben und dabei die Welt junger Frauen so pointiert darzustellen, dass es verwundert, wenn sie heute klagt, sprachlich nicht gewandt zu sein.

          Jetzt, im Frühling, wenn die englischen Mädchen mit ihren stämmigen Beinen in den kurzen Röcken wieder in Scharen vor den Pubs auf ihr Glück warten, die Augen auf ihr Smartphone gerichtet, ist sie zurück: Die Sehnsucht nach Intimität und schwesterlicher Solidarität, ohne bevormundet oder begutachtet zu werden („Another drink and I am ready for action“). Hunderttausende folgten damals ihrem Blog mit dem Gefühl, Lily Allen, die Schulabbrecherin, die sich immer zu dick fühlte und gerne Fahrrad fuhr, gut zu kennen.

          Auch auf „Sheezus“, ihrer neuen Platte, bleibt sie ihrer Strategie treu, die sie zum Liebling der englischen Presse gemacht hat: nämlich komplett die Hosen herunterzulassen. Wir erfahren, wie toll es ist, mit Sam (ihrem Mann) verheiratet zu sein, und wie dieser mit mehr Durchhaltevermögen gesegnet ist als jener Unglückliche aus „Not Fair“ („I spend ages giving head“), dessen Neigung zur Präejakulation Millionen mitsangen. Wie es ist, von Kopf bis Fuß mit Babybrei beschmiert zu sein, wie frustrierend das Leben als Mutter sein kann, und dass sie doch kein anderes möchte („Life for me“). Wie es ist, für privilegiert gehalten zu werden („Silver Spoon“). Wie hart es ist, aber auch aufregend, zurück ins Musikgeschäft zu kommen, in dem es auf einmal von Konkurrentinnen wimmelt („Sheezus“). Und was genau eine „Bitch“ ist.

          Es fehlt wirklich nur der Pudel

          Muss man erwähnen, dass sich alles sehr teuer produziert und modern anhört? Die sexy Stellen sexy, die nachdenklichen ethnisch, das ganze ein perfekter Elektropop, den man in Clubs in Blackpool, Manchester, Seoul genauso gut wie in Heidelberg spielen kann. Richtig daneben - weil es nicht nur wie ein Werbejingle klingt, sondern auch mal einer war - ist die Coverversion von „Somewhere Only We Know“ von Keane. Richtig lustig ist dafür das Meckern eines Schafes am Schluss von „URL Badman“, einer scharfzüngigen Zurechtweisung eines Computernerds, der sich für etwas Besseres hält und für „Vice“ schreibt.

          Lily Allen, seit Freitag 29 Jahre alt

          Insgesamt entsteht das Bild einer Frau, die alles mehr oder weniger im Griff hat, im Rahmen der üblichen Rollendilemmata, die man als berufstätige Mutter eben so hat - auch wenn wir einfach mal davon ausgehen, dass Lily Allen eine Haushaltshilfe hat. Deshalb ist es auch nicht so schlimm, wie alle tun, wenn dabei etwas schiefläuft: wie bei „Hard out Here“.

          Wir dürfen in diesem Video Lily Allen wie gewohnt bei der schonungslosen Vergangenheitsbewältigung begleiten. Sie liegt im OP, in ihrem Bauch stecken Messer, ein schmieriger Arzt ist entsetzt darüber, wie es so weit kommen konnte, wie man sich nur so gehen lassen kann. Lily überlegt es sich daraufhin anders, steht plötzlich auf, zieht das grüne OP-Hemdchen aus und verkündet, in einem seltsam madamigen schwarzen Spitzenlook, es fehlt wirklich nur der Pudel, dass sie es nicht nötig habe, diesen Mist mitzumachen, denn: „I got a brain.“ So weit, so politisch korrekt.

          Alle gegen Lily

          Für den Rest der sehr langen Nummer sehen wir nun aber die kluge, bis zum Hals in erwähnter Spitze steckende Lily gegen Misogynie und Stereotype im Musikgeschäft protestieren, während wunderschöne schwarze Background-Sängerinnen genau das tun, wogegen sie wettert: in Unterwäsche weißschäumende Champagnerflaschen ablecken, sich vornüber beugen, den Hintern schütteln. Der Auftritt der Frauen ist so perfekt choreographiert, ohne Makel, ohne Ironie, dass Lily Allens Versuch, sich durch Text und Ausdruck ironisch zu distanzieren, zwischen all den Körperteilen verlorengeht.

          Der Beichte ging, wie sie Ende letzten Jahres bereitwillig dem Magazin des „Observer“ erzählte, ein tatsächlicher Besuch bei einem Schönheitschirurgen in der Harley Street voraus. Der Arzt, den sie nach der Geburt ihres ersten Kindes 2011 zum Zwecke einer Fettabsaugung aufsuchte, schlug ihr vor, in einem Aufwasch Oberschenkel, Gesäß, Fußknöchel und Bauch in Form zu bringen. Lily Allen sagte ja, zwei Jahre nachdem sie öffentlich ihre Fehlgeburt und Bulimie gestanden hatte. Und dann doch nein, weil sie kurz vor der geplanten Frankenstein-Sitzung erfuhr, wieder schwanger zu sein.

          Auch wenn man das alles nicht wissen will, tut es einem fast leid, was nach der Veröffentlichung des Videos passierte. „Hard out Here“ war als schillerndes Comeback angelegt - und als smarte Racheaktion auf Robin Thickes ekliges Video zu „Blurred Lines“, in dem halbnackte Frauen sich an angezogene Männer schmiegen. Es war geplant mit kalkuliertem Schockeffekt: „Lily has a baggy pussy“ stand auf Luftballons, anstatt wie in Thickes Video „Robin Thicke has a big dick“. Doch was passierte? Sobald das Video im Netz zu sehen war, hat sich die Frontlinie der eh schon nicht für ihre Gelassenheit bekannten Feministinnen verschoben, nix blurred lines: Alle gegen Lily.

          Können wir über Musik sprechen?

          Ihr Video wurde als scheinheilig verteufelt, als selbstverliebtes Jammern einer privilegierten weißen Frau, die alles hat, nur kein Gespür für ihre schwarzen, muslimischen, behinderten, wie auch immer benachteiligten Schwestern. Statt dem erwarteten Schulterklopfen ging auf den Star eine Hassattacke nach der nächsten nieder. Die Anklage lautet auf Rassismus. Der weiße Feminismus verrät den schwarzen, asiatischen, muslimischen Feminismus. Puh.

          In einem kürzlich gesendeten Radiointerview auf BBC Radio 2 mit Kirsty Wark, der Moderatorin der Spätnachrichten „Newsnight“, sagte die insgesamt kleinlaut wirkende Lily Allen ganz allgemein über die Brutalität des Internets: „Sie verlangen, dass ein Kopf serviert wird, auf einem Teller, geformt wie Twitter.“

          Weil sie aber allgemein blieb und fast schon hölzern wirkte, auch im Interview mit Alexandra Shulman, der Chefredakteurin der britischen „Vogue“, der sie gestand, sich beim Anblick von Models schlecht, weil fett zu fühlen, dachten wir, wir rufen mal an, zu Hause auf dem Land. Wir wollten sie danach fragen, warum sie erst gesagt hat, dass Feminismus doch eigentlich nicht mehr nötig sei, es dann aber eilig zurückgenommen habe. Ob es nicht absurd sei, von Twitter niedergeknüppelt zu werden, wo sie doch zu den Ersten gehörte, die den Dienst nutzten, und sie ihn heute weiterhin so nonchalant nutzt, wie man es mit viereinhalb Millionen Followern tun kann.

          Wir hofften auf ein lustiges Gespräch, wollten auch danach fragen, welche Rosen gerade blühen und wer sich diesen neuen, schlimmen Gothic Style ausgedacht hat, wo sie doch früher so selbstsicher, originell, hinreißend niedlich und auch etwas schlampig auf der Bühne stand, wie wir es an den Engländern stets bewundern. Wir spekulierten zuletzt darauf, von ihrem großartigen, glucksenden Lachen angesteckt zu werden, aber leider kam es anders. Ein Wachhund der Plattenfirma stellte uns durch und blieb zur Sicherheit gleich in der Leitung.

          „Mrs Allen, Ihr Song ,Hard out Here‘ thematisiert Ihr Comeback und wurde recht kontrovers aufgenommen. Wie hart ist es denn da draußen?“

          „Können wir bitte über meine Musik sprechen?“

          „Sehr gerne. Ist das ein Schaf am Ende von ,URL Badman‘?“

          „Ja.“

          „Würden Sie das Video zu ,Hard out Here‘ heute noch mal so drehen?“

          „Können Sie bitte mit Lily über Ihre Musik sprechen?“

          Klug, erwachsen und schlank, wie Lily Allen heute ist, erlaubte sie, vom Dachfenster des Büros die Weite ihres Besitzes im Blick, und wohl auch die Fallhöhe in ihrer Karriere, assistiert von einem Wachhund der Plattenfirma, keine Frage zu, tja, nichts. Durch den Hörer war eine derartige Unsicherheit und Panik zu hören, dass wir schließlich sagten: „Mrs Allen, lassen wir es besser.“

          Es war der Tag letzte Woche, an dem sie bekanntgab, von ihrem neuen Album selbst enttäuscht zu sein. Wir hätten einfach nur gerne, auch wenn sie mit Recht darauf pfeift, gesagt: Lass das mit dem Erwachsenwerden. Lass uns alt und spießig werden, aber bleib’ du jung und unbefangen und liebe endlich deinen Körper. Obwohl, der körperliche Einsatz bei Popstars war schon immer beachtlich: Johnny Rotten schmierte sich Margarine ins Gesicht, um ordentlich Akne zu bekommen.

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