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Zum 70. des Panikrockers : Die Lindenberg-Lieblingslieder der Redaktion

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Udo Lindenberg bei einem Konzert auf einem Kreuzfahrtschiff im Mai Bild: dpa

„In Rillen gepresstes Gefühlskino“: Udo Lindenberg hat einigen F.A.Z.-Redakteuren große musikalische Erlebnisse beschert. Ein Dankeschön, passend zu seinem 70. Geburtstag.

          „Rudi Ratlos“, „Andrea Doria“

          Seine Zeit war längst abgelaufen, doch jeder kannte ihn natürlich noch. Als ich Ende der 90er Jahre in St. Georg wohnte, zwei Ecken hinter dem Atlantik, geisterte er immer mal wieder im Udo-Lindenberg-Kostüm durchs Viertel: Hut, langer Mantel, Sonnenbrille. Eine skurrile Figur, wie entnommen aus dem  Panoptikum der Freiheitssuchenden, Träumer und Gescheiterten, die auf seiner Andrea Doria angeheuert hatten: Gottfried am Klavier, Paula aus St. Pauli, Rudi Ratlos oder eben Udo Lindenberg persönlich.

          Die Gäste unserer Show – Talk-, nicht Honky Tonk – wohnten meistens im Atlantik, so trafen wir ihn, den Dauerbewohner, dort gelegentlich. Und Udo stand auch schon mal an der Theke herum, wenn wir vom Joggen kamen, staunte: „Hollöchen, einmal rum um die Alster, Hut ab.“ Dass er das damals selbst nicht packen würde, musste er nicht sagen, aber „keine Panik auf der Titanic“, das hätte auch keiner erwartet. Eher, dass er irgendwann einfach mal umfällt.

          Was schade gewesen wäre. Er gehörte zu meinem Leben. Seine Songs, seine Sprache, sein Witz aus den Siebzigern waren in meine Achtziger-Jahre-Jugend rübergeschwappt. Lindenberg galt als komischer Vogel, aber auch als cooler Typ, als Gesamtkunstwerk. Einer, der sein Ding macht. Seine Haltung hat imponiert, bestärkt. Das daraus später ein Hit und sein Comeback wurde – umso besser.

          Ein paar Jahre vorher hatte ich mal zwei Lindenberg-Karten für ein Konzert, zu dem mich keiner begleiten wollte, weil er damals – mit fünfzig – total abgeschrieben war. Und das Konzert war dann auch so schlecht, wie es der halbvolle Saal erwarten ließ. Im Juni 2016 tritt er nun – mit siebzig - in der Frankfurter Festhalle auf: zwei Abende nacheinander. Beide ausverkauft. Herzlichen Glückwunsch! Achim Dreis

          „Wir wollen doch einfach nur zusammen sein“

          Für jemanden aus der U-30-Fraktion dürfte es wie eine Geschichte aus einer anderen Welt klingen, schließlich ist die Welt, in der das Mädchen aus Ost-Berlin gelebt hat, längst Vergangenheit. Manche sagen: auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet. Das Mädchen lebte in einem Staat, der DDR, der Besuchern aus dem westlichen Teil Deutschlands für jeden Tag eine Art Eintrittsgeld abverlangte. Zuletzt waren es 25 Mark am Tag. Seit dem Grundlagenvertrag beider Staaten aus dem Jahr 1973 durften Bewohner grenznaher Stadt- und Landkreise der Bundesrepublik auch zu Tagesaufenthalten in die DDR einreisen – um Verwandte zu besuchen oder nur als Tourist. Genau in jener Zeit spielt die Geschichte von Udo Lindenbergs Lied „Wir wollen doch einfach nur zusammen sein“.

          Darin geht es um einen Traum: „Stell Dir vor/Du kommst nach Ost-Berlin/und da triffst Du ein ganz heißes Mädchen aus Pankow/und Du findest sie sehr bedeutend und sie Dich auch“ – diese Zeilen stehen am Anfang einer Liebesgeschichte mit Romantik und vor allem mit Hindernissen. Ein Junge aus dem Westen und das Mädchen aus Ost-Berlin spinnen sich ein Rockfestival am Alexanderplatz zusammen mit den Rolling Stones und einer Band aus Moskau: Völkerverständigung per grenzübergreifend populärer Musik.

          Doch Udo Lindenberg lässt die beiden in die Wirklichkeit plumpsen: „Ey, du musst ja spätestens um zwölf wieder drüben sein/sonst gibt's die größten Nervereien/denn du hast ja nur 'n Tagesschein“. Der Westler muss wieder rüber, mit angeknackstem Herzen und der Sehnsucht, bald wieder auf der anderen Seite der Berliner Mauer zu sein.

          Die Geschichte ist offen angelegt und in gewisser Weise auch visionär. Heißt es doch am Ende in der Lindenberg eigenen Schnoddrigkeit mit Blick auf beide Staatsführungen in der Bundesrepublik und in der DDR: „Ich hoffe, dass die Jungs/das nun bald in Ordnung bringen/denn wir wollen doch einfach nur zusammen sein.“

          Als Lindenberg diese Zeilen sang und den Song 1973 auf dem „Andrea Doria“-Album veröffentlichte, konnte er nicht ahnen, wie visionär das Lied letztlich war. Das Lied, das Auswirkungen schikanöser östlicher Machtpolitik auf Menschen beiderseits des damaligen Eisernen Vorhangs mit wenigen Worten erdete. Thorsten Winter

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