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Leonard Cohen : Sein Testament

He used to play one mean guitar: Leonard Cohen Bild: Dominique Issermann

Finster ging es auf Leonard Cohens Alben schon immer zu, aber so schwarzgallig wie auf „You want it darker“ noch nie. Es ist wohl das Testament des schwer kranken Künstlers.

          Diese Platte klingt, als hätte Elvis ein Gospelalbum in der Hölle aufgenommen. Es ist die schwärzeste Platte der Popgeschichte, schwärzer noch als das gesamte Spätwerk von Johnny Cash oder auch David Bowies unheimliches Abschiedsalbum „Blackstar“, und trotzdem hat sie erhebende Momente. Dieses Album ist ein Post-Spätwerk, denn wenn man nicht sowieso der Ansicht ist, Leonard Cohen habe von Beginn an Spätwerke voller Trauer und Abschiedsgedanken produziert, dann waren jedenfalls die beiden jüngsten, „Old Ideas“ (2012) und „Popular Problems“ (2014), solche. Lieder wie „Going Home“ und „Amen“ hatte er darauf schon gesungen, was sollte also noch kommen? „It’s not dark yet, but it’s getting there“, bemerkte auch Bob Dylan schon vor einer Weile in einem Lied. Mit „You Want It Darker“ pustet Leonard Cohen die letzte Kerze aus.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Wenn man das Titelstück im Kopfhörer hört, das fast nur aus Cohens Stimme und minimalistischen Elektrobeats besteht, und man diese gebrochene Stimme überlebensgroß in Kopf und Herz gejagt bekommt, ist es fast nicht auszuhalten. Cohen singt nicht mehr, er spricht nur noch. Man erlebt das Paradoxon eines atheistischen Gebets. „A million candles burning/For the help that never came“, heißt es einerseits. Kein Gott in Sicht also.

          Aber dann plötzlich das Wort Moses und Abrahams: „Hineni“. „I’m ready, my Lord.“ Das erzeugt maximale Spannung, da es gleichzeitig von Cohens Grabesstimme gesprochen und von einem sanften Chor gesungen wird. Man möchte ihn eigentlich Gospelchor nennen, doch es ist jener aus Cohens Heimatsynagoge in Montreal. Die Ambivalenz prägt auch die zentralen Zeilen, „You want it darker/We kill the flame“: Richten sie sich wiederum an Gott oder doch nur an einen Menschen, mit dem erbittert der Bund gebrochen wird? Und diese Ambivalenz setzt sich fort in den folgenden Liedern, die von Abschiedsbildern geprägt sind („Leaving the Table“, „Traveling Light“) und die dennoch leichte, fast tanzbare Momente haben.

          Die Ironie ist verflogen

          Zusätzlich rührend wirkt dieses Album, wenn man seine Produktionsgeschichte hört. Sowohl Cohen als auch der Komponist Pat Leonard, der für viele Stücke die Musik geschrieben hat, wurden während der Aufnahmen schwer krank. Nur dank dem Einsatz seines Sohnes und Produzenten Adam Cohen sei es überhaupt fertig geworden, heißt es. Der 82 Jahre alte Leonard Cohen musste die Lieder von einem speziellen medizinischen Stuhl aus einsingen.

          Das sorgt für beinahe groteske Vorstellungen, wenn er etwa röchelt „Steer your way through the ruins/Of the Altar and the Mall“: Ein gebrochener Mensch fährt, worin auch immer, durch postapokalyptische Landschaften. Die Ironie, die Cohen früher manchmal ja auch hatte („I asked Hank Williams: How lonely does it get? Hank Williams hasn’t answered yet“), scheint verflogen, ersetzt durch den jetzt auch körperlichen Schmerz, von dem sogar in seinem Geleitwort zum Album die Rede ist. Oder liegt sie gerade in der Rolle des hier angenommenen lyrischen Ichs?

          Reich und trotzdem nicht überladen

          „You Want it Darker“ (Columbia/Sony) ist in mancher Hinsicht ein Testament geworden – etwa eines des „Ladies’ Man“, der dezidiert mit leichtem Gepäck abtritt, aller alten Liebeskoffer entledigt. Beim Rückblick auf die Karriere stellt sich dann aber doch einmal Humor ein: „I used to play one mean guitar“, sagt er: Das ehrt nicht nur den, dessen Zupfmuster Generationen geprägt haben, sondern wirft auch ein lustiges Schlaglicht auf die nicht immer günstige Instrumentierung und Produktionsweise seiner späteren Platten, auf denen die Gitarrentöne manchmal wie Imitationen aus einem billigen Keyboard klangen.

          Mit dem Arrangement dieses Albums hat sein Sohn Adam dies ein für alle mal wieder gutgemacht; denn es ist nicht nur mit authentischen Gitarren, sondern auch teils mit Kontrabass, Streichern und wohldosierten Hammondorgelklängen ausgestattet. So reich und trotzdem nicht überladen haben Cohen-Songs wohl noch nie geklungen, selbst unter Phil Spector nicht. Die Musik zitiert vorsichtig Doo-Wop oder Country, aber nie zu viel. Sehr überraschend ist eine Twang-Gitarre, die allerdings erstaunlich gut zu Cohen passt. Und da klingen mit einer Bouzouki auch jene griechischen Tanzelemente aus seinem Werk wieder durch, als wäre es eine Reprise von „Dance Me to the End of Love“: eine auch musikalische Bilanz also.

          Das alles macht es nicht leichter, ein Lied wie „Treaty“ zu ertragen, in dem wieder die schiere Verbitterung durchklingt. Es gibt keine Verträge in der Liebe, sagt einer mit schwarzer Galle.

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