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Leonard Cohen in Berlin : Rockstar, Dichter, Mönch

  • -Aktualisiert am

Ballade vom behüteten Einsamen: Leonard Cohen auf der Waldbühne Bild: IMAGO

Sexy wie ein Rockstar, verschlossen wie ein Dichter, charismatisch und energiegeladen wie ein buddhistischer Mönch: Dreieinhalb phantastische Stunden lang begeisterte Leonard Cohen auf der Berliner Waldbühne sein Publikum.

          Leonard Cohen, schwarzer Anzug, schwarzer Hut, geschlossene Augen, geschlossene Hände, die das Mikrofon in der einen, das Kabel in der anderen festhalten, steht vor zwanzigtausend Menschen in Berlin unter dem bewölkten Himmel eines ungewöhnlich kalten Spätsommerabends; ein alter Mann, gekommen, um ein paar neue Lieder zu singen: sophisticated, sexy wie ein Rockstar, verschlossen wie ein Dichter, charismatisch und energiegeladen wie ein buddhistischer Mönch. Lässig bedankt er sich für die enthusiastische Begrüßung des Publikums – delighted to be here – und fügt an, das sage er sicher bei jedem Auftritt in Berlin, alle zehn, fünfzehn Jahre, aber nur für den Fall, dass er es hier vielleicht nicht noch einmal werde sagen können, sollte das Publikum versichert sein, er werde alles in diesen Abend reinpacken. Stille. Das Publikum holt Luft. Am Ende weiß es, dass ihm nicht zu viel versprochen wurde.

          Als „Legacy in Progress“, ein lebendiges, wachsendes Vermächtnis, beschreibt die Musikwelt Cohens Alterswerk, seine Altersauftritte. Als Zuschauer denkt man am Ende des Abends, dass eine alternde Gesellschaft Ikonen wie Cohen selbstverständlich feiern muss: Jemand, der an sich und an dem, was er liebt, mit sich ändernden Mitteln weiterarbeitet, jemand, den man mit Freuden wiedererkennt als den, der er vor dreißig Jahren war, von dem man dann aber sofort wissen will, was er jetzt gerade macht. In Cohens Konzerten sind die jüngsten Pärchen zusammen halb so alt wie die ältesten Besucher allein.

          Alles wird verhandelt

          Cohen wird in zwei Wochen achtundsiebzig Jahre alt sein. Im Januar ist sein hochgelobtes neuestes Album erschienen, „Old Ideas“, mit dem er gerade um die Welt reist. Sein Berliner Auftritt endete erst nach dreieinhalb musikalisch phantastischen Stunden. Viele der großen Songs kamen – vom alten „Bird on the Wire“ über „Everybody Knows“, und manche der neuen sind keinen Deut schlechter. Über den neuen alten Cohen und seine Wahnsinnsband kann man nur in einer Hinsicht streiten: Ist der Singer/Songwriter der einzige, der wahre Cohen, also der, der mit der Gitarre allein „Suzanne“ singt? (Denn „Alexandra Leaving“ singt hier die charismatische Sharon Robinson.) Oder hat Cohen, der seinen eigenen Tiefer-als-Country-erlaubt-Bass lieber umschmeichelt von weiblichen „Co-Vocals“ erlebt, recht, auch dann noch, wenn er, wie in Berlin, Neil Larsen an den Keyboards Hammondorgel-Exzesse gestattet, vor dem katalanischen Gitarristen Javier Mas niederkniet und mit dem moldauischen Teufelsgeiger Alexandru Bublitchi an den Nerven der Puristen sägt? Worüber man nicht streiten kann, ist die Beteiligung von Cohens Langzeit-Begleitung und Co-Autorin Sharon Robinson, eigentlich Cohen in Gestalt einer farbigen Frau, und der stimmgewaltigen Erscheinungen von Charley und Hattie Webb. Die jungen Rad schlagenden Sängerinnen nennt Cohen auf der Bühne seine „singers and acrobats, the sublime Webb sisters“.

          In Berlin beginnt der in Kanada geborene Enkel eines Rabbiners mit „Dance me to the end of love“, einem Lied, das Cohen schrieb, als er davon erfuhr, dass in den deutschen Konzentrationslagern Häftlinge dazu gezwungen waren, klassische Konzerte zu geben, während ihre Mitinhaftierten umgebracht wurden. Das darf, das kann nur Cohen. Es ist vielleicht das extreme Beispiel seiner Karriere, aber er hat nie davon abgelassen, Sex, Liebe, Drogen, religiöse Erfahrungen und Kriegsereignisse allesamt und am liebsten in einem einzigen Song zu verhandeln.

          Carefully noticed

          In den frühen sechziger Jahren, noch bevor er je ein Studio von innen gesehen hatte, lebte Leonard Cohen eine Zeitlang zurückgezogen auf der griechischen Insel Hydra. Tagsüber saß der junge Dichter auf der Terrasse seines Hauses an einem Tisch und schrieb, dazu lief auf einem kleinen batteriebetriebenen Plattenspieler im Garten Musik von Ray Charles. Während die Sonne höher stieg und höher, blieb Cohen tief in seine Arbeit versunken und schreckte erst aus seinen Gedanken auf, wenn es zu spät war und die Sonne wieder eine Platte zum Schmelzen gebracht hatte: „Ich habe ein paar Ray-Charles-Aufnahmen eingebüßt, ich habe sie noch, sie sehen aus Salvador Dalís Uhren, eine ist einfach an der Seite des Plattenspielers heruntergetropft.“ Bis heute bergen viele seiner Lieder diese musikalische Hitze, die produktive Einsamkeit und den eingeschmolzenen Schmerz.

          „Danke“, sagt er nach der Pause, „dass Sie geblieben sind, obwohl es so kalt ist, obwohl Sie diese schwindelerregend hohen Tribünen hinaufklettern müssen. Das alles ist nicht unbemerkt geblieben.“ Carefully noticed. Sagte es und ging zu einem weiteren Set auf die Knie.

          Quelle: F.A.Z.

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